Elektronische Patientendossiers kommen frühestens 2021

15. Juli 2020, 16:13
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Der Einführungstermin für die elektronischen Patientendossiers ist abermals verschoben worden.

Das EPD (elektronische Patientendossier) entwickelt sich immer mehr zur "never ending story". Jetzt steht die nächste Verschiebung der Einführung an. Der ursprüngliche Starttermin war der 15. April 2020. Den musste das Bundesamt für Gesundheit aber bereits auf den Herbst dieses Jahres verschieben. Nun wurde bekannt, dass mit dem EPD frühestens im nächsten Jahr zu rechnen ist.
Aber der Reihe nach. Anfang Jahr hiess es noch, der Aufbau der Stammgemeinschaften und der technischen Plattformen habe gut funktioniert. Länger würden hingegen deren Zertifizierung sowie die anschliessende Akkreditierung der Zertifizierungsstellen dauern.
Im Juni wurde dann ein Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) zur Überprüfung der EPD-Einführung von 2019 publik. Auch hier hiess es, verzögerte Zertifizierungen sowie teilweise fehlende Prozesse und Verzögerungen beim Anschluss von Spitälern würden die Termineinhaltung ernsthaft infrage stellen.
Nun berichten Tamedia-Zeitungen, dass es laut BAG erst im Frühjahr 2021 so weit sein werde. Und abermals wird als Grund angegeben, es hapere bei der Zertifizierung der IT-Lösungen. Auf Anfrage von inside-it.ch erläutert Samuel Eglin Geschäftsführer von Axsana, einer der künftigen EPD-Anbieter, was genau die Zertifizierung so schwierig macht.
Die Stammgemeinschaften, deren eine Betreiberorganisation Axsana ist, müssten sich von einer Zertifizierungsstelle überprüfen lassen. Das seien derzeit KPMG und SQS, die selbst akkreditiert sein müssen, um ein EPD-Zertifikat ausstellen zu dürfen. "Sowohl KPMG als auch SQS stecken je in einem Akkreditierungsverfahren, das parallel zu den ersten Zertifizierungsverfahren läuft", erklärt Eglin. Er stellt weiter klar, dass von den schweizweit 9 Stammgemeinschaften, die sich im Aufbau befinden, keine zertifiziert sei, unabhängig davon, mit welchem Technikprovider oder welcher Zertifizierungsstelle sie arbeitet.

Hemmschuh Regulierung

Dann kommt Eglin zum Wesentlichen: "Grund für die Verzögerung ist die iterative Regulierung durch den Bund (parallel zu den Aufbauarbeiten) und die Ausweitung von Zertifizierungsaudits, die (zumindest für keine Stammgemeinschaft und für keine Zertifizierungsstelle) voraussehbar war". Kein einziges Verfahren sei derzeit abgeschlossen und die "Unwägbarkeit der Zertifizierungsverfahren sowie der anschliessenden Akkreditierungsverfahren hat zur Folge, dass derzeit keine einzige Stammgemeinschaft einen verbindlichen Zeitpunkt für den Betriebsstart nennen kann".
Im aktuellen Newsletter konstatiert Axsana deutlich: "Nun stehen nicht nur einzelne Umsetzungsprojekte auf dem Spiel, sondern das EPD-Schweiz als Ganzes hat den Umkipp-Punkt erreicht". Jetzt seien rasche, aussergewöhnliche Massnahmen unumgänglich. Problematisch sei, dass der Umsetzungsaufwand laufend steige, "während gleichzeitig nur geringe operative Erträge erwartet werden können". Zudem empört sich Axsana, dass der Bund einen vorgezogenen Pilotbetrieb nicht zulasse, obwohl der "für die Stabilität und Sicherheit des vernetzten Gesamtsystems die wertvollsten Erkenntnisse brächte".

Rechnungen ohne Plattform

Ins Gespräch ist Axsana allerdings auch gekommen, weil laut den Tamedia-Berichten trotz der weiteren Verzögerung bereits Rechnungen an Spitäler verschickt worden sind. Auf Anfrage von 'Keystone-SDA' bestätigte Eglin, dass Rechnungen verschickt wurden, obwohl die Plattform noch nicht in Betrieb sei.
Bis und mit 2018 habe man nichts verrechnet, für 2019 seien 10% einer ordentlichen Jahresgebühr in Rechnung gestellt worden. Für 2020 sei ursprünglich vorgesehen gewesen, 80% der kostendeckenden Jahresgebühr zu verrechnen. Aufgrund der Verzögerung bei der Einführung habe der Verwaltungsrat aber am 9. Juli entschieden, die Rechnungsbeträge zu halbieren. Dies habe man den Spitälern, die der Stammgemeinschaft XAD angeschlossenen sind, am Montag, 13. Juli, so kommuniziert.
Nötig seien die Gelder, weil Axsana erhebliche Vorleistungen wie etwa den Aufbau einer betriebsbereiten Organisation oder den Betrieb einer Testumgebung für die EPD-Plattform erbringe. Die Kosten dafür seien grösstenteils, aber eben nicht vollständig, durch Finanzhilfen des Bundes und der Kantone gedeckt.

Spitäler beschweren sich

Laut den Recherchen der Tamedia-Redaktionen sind 161 Spitäler an Axsana angeschlossen. Demnach hätte allein das kleine Kantonsspital Obwalden 30'000 Franken zu bezahlen gehabt. Erst nachdem Axsana von den Recherchen erfahren habe, habe die Firma jenen Spitälern, die noch nicht bezahlt hatten, die Hälfte der Rechnung erlassen, hiess es in den Berichten. Eglin habe mitgeteilt, dass dies zu einer "empfindlichen Ertragsminderung" führe. Wie hoch diese sein wird, habe er aber nicht ausgeführt.
Der Bericht spricht dann unter Berufung auf nicht genannte Quellen von finanziellen Schwierigkeiten bei Axsana. Inzwischen sollen sich mindestens 22 weitere Spitäler beschwert haben.
Das Unternehmen mit derzeit nach eigenen Angaben 13 Vollzeitstellen ist auf ungewöhnlichen Wegen um Transparenz bemüht und hat die Korrespondenz mit den Tamedia-Zeitungen öffentlich zugänglich gemacht.
Bei Axsana handelt es sich um ein nicht gewinnorientiertes Unternehmen im Besitz von zwölf Deutschschweizer Kantonen und verschiedenen Verbänden aus dem Gesundheitswesen. Das Unternehmen ist ursprünglich vom Kanton Zürich gegründet worden.

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