Handydaten sollen der Virusbekämpfung dienen

18. März 2020, 13:43
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In Deutschland und Österreich geben Telcos Handydaten an Behörden weiter. Sie betonen, diese seien anonymisiert. Mediziner möchten das Tracking ausdehnen.

Die Deutsche Telekom teilt Bewegungsdaten von Handys ihrer Kunden mit dem Robert-Koch-Institut (RKI), der selbstständigen deutschen Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten. Ebenso hat der grösste österreichische Telco A1 Daten an die Behörden weitergeben.
In Deutschland sollen die Daten dazu dienen, Bewegungsströme und die Ausbreitung des Virus besser simulieren zu können. In Österreich könne der Krisenstab damit Bewegungsströme vor und nach Inkrafttreten der Ausgangssperre vergleichen und feststellen, ob soziale Kontakte abnahmen oder nicht.

Keine Speicherung von Einzelpersonen

Sowohl Telekom wie A1 betonen, die Daten seien anonymisiert und liessen keine Rückschlüsse auf einzelne Handy-Nutzer und deren Bewegungsprofile zu. Einzelpersonen würden nicht getrackt. Gemäss A1 bekomme jedes Handy eine für das Tracking automatisch zufällig generierte Nummer zugewiesen.
Die Telekom verkauft solche anonymisierten Daten bereits über ihr Startup Motionlogic. Die ermittelten Bewegungsströme werden unter anderem in der Städteplanung genutzt. Trotzdem erklärte eine Telekom-Sprecherin dem 'Handelsblatt': "So detaillierte Daten haben wir noch nie jemandem weitergegeben." Die Übergabe geschehe freiwillig und kostenlos.

Datenschützer geben unterschiedliche Kommentare ab

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hat keine Einwände. Er twitterte, die Weitergabe sei datenschutzrechtlich vertretbar. "Vor allem unter den aktuellen Umständen spricht nichts gegen die Weitergabe dieser Daten zum Zweck des Gesundheitsschutzes."
In Österreich hingegen kritisieren Datenschützer den Vorgang. Der Datenschutzrechtler Christof Tschohl vom Research Institute / Digital Human Rights Center erklärte dem 'Standard', für den Zugriff auf historische Handydaten gebe es keine rechtliche Grundlage. "Aus menschlicher Sicht kann man das schon verstehen. Aber: Der Rechtsstaat verlangt sonst aus guten Gründen Präzision, der Verfassungsgerichtshof zeigt ja, dass das auch streng eingehalten wird."

Robert-Koch-Mediziner möchte Infizierte tracken

Der Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler möchte noch weiter gehen: Er hält das gezielte Handytracking von Coronavirus-Infizierten für "technisch und datenschutzrechtlich möglich". Laut 'Golem' sagte Wieler: "Wir halten das für ein sinnhaftes Konzept. Ich bin nach meinem Kenntnisstand davon überzeugt, dass beide Aspekte bewältigt werden können." Man suche eine Applikation, um mögliche Kontaktpersonen eines Infizierten zu ermitteln. Gemäss Wieler arbeitet das RKI mit einem aus 25 Personen bestehenden Team aus zwölf Institutionen seit drei Wochen an diesem Thema.
Anfang März hatte die Deutsche Telekom allerdings solche Pläne als "Unfug" bezeichnet und mitgeteilt: "Das skizzierte (sehr theoretische) Szenario zu Funkzellenabfragen ergibt keinen Sinn, da dann alle Mobilfunknummern in der Funkzelle ausfindig gemacht werden müssten. Und auch dann wäre das Bild nicht vollständig, da die Kunden anderer Netzbetreiber sowie Personen ohne mobile Geräte fehlen würden."
Die deutsche Datenschutzkonferenz hält einen staatlich erzwungenen Zugriff auf die Handy-Daten von Infizierten für rechtlich mehr als problematisch. Nur mit Einwilligung der Betroffenen sei so ein Eingriff gerechtfertigt. Informationen zur Gesundheit seien "sehr sensible Daten".

In China geht die Überwachung längst weiter

In China hat sich nach dem Ausbruch des Virus gezeigt, dass die dortigen Überwachungs- und Trackingmethoden schon sehr weit fortgeschritten sind. Mit Hilfe von Handy-Anwendungen können chinesische Nutzer erkennen, ob sie in einem Flugzeug oder Zug mit einem bekannten Coronavirus-Träger gewesen sind. Karten können die Standorte von Gebäuden zeigen, in denen infizierte Patienten leben.
Chinesische Mobilfunkanbieter preisen dies als zusätzlichen Service an. Gleichzeitig hat auch der chinesische Staat Zugriff auf die Daten. So meldeten sich Polizei oder Arbeitgeber bei Personen, bei denen nur schon geringe Verletzungen der Ausgangssperre oder Übertretungen von vorgegebenen Zonen festgestellt wurden, wie 'Reuters' berichtete.

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