Java: Die Zukunft, die Community und das Internet der Dinge

11. Oktober 2012, 09:43
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Was ein Java-Entwickler von der JavaOne mitnimmt. Ein Bericht von Gert Brettlecker.

Was ein Java-Entwickler von der JavaOne mitnimmt. Ein Bericht von Gert Brettlecker.
Parallel zur diesjährigen Oracle-Benutzerkonferenz Open World mit rund 45'000 Besuchern fand vergangene Woche in San Francisco die mehrtägige Entwicklertagung JavaOne statt. Um mein Fazit von der diesjährigen Veranstaltung gleich vorwegzunehmen: Die unzähligen Sessions waren allesamt von hoher Qualität und meist rappelvoll. Oracle hat mir als Java-Programmierer überzeugend das Gefühl vermitteln können, dass die "Java Community" ein wichtiger Bestandteil von Java ist und Fortschritte nur gemeinsam im Zusammenspiel mit den weltweit neun Millionen Java-Programmierern möglich sind. Die Anzahl der Community-Beiträge an den Konferenzveranstaltungen lag bei 60 Prozent. Wie stark sich Oracle um die Entwickler bemüht, wurde auch durch ein unerwartetes und heftig gefeiertes Comeback von Java-Urvater James Gosling unterstrichen. Er stellte sein jüngstes Anwendungsprojekt für Liquid Robotics vor, in dem mit Sensoren ausgerüstete, drahtlos vernetzte Wasserroboter mit der Kraft der Wellen angetrieben die Weltmeere erkunden.
Erstmals in der Geschichte der Java One wurde dem Thema "Java Embedded" und damit dem Internet der Dinge eine eigene Plattform gewidmet. Dahinter steht die zunehmende Vernetzung von Gegenständen des Alltags. Oracle betrachtet Java als die beste Programmierumgebung in diesem Bereich. Viele Argumente für Java sind zwar altbekannt, aber speziell aufgrund der neuen Anforderungen, die sich aus dem Internet der Dinge ergeben, wieder topaktuell. Dazu zählen hohe Produktivität, Effizienz und Plattformunabhängigkeit im Vergleich etwa zur nativen Entwicklung in C/C++. Entwicklungen wie Java Standard Edition Embedded bieten vollen Sprachumfang für Java Embedded und beleben den "write once, run anywhere"-Gedanken. Dies erspart gerade im heterogenen "Embedded"-Umfeld viel Entwicklungszeit. Weitere Stärken von Java liegen zudem in den Bereichen Security und Entwicklungswerkzeuge.
Prominent eingebettet
Das "Embedded"-Thema war auf der Konferenz omnipräsent. So wurden in mehreren Keynote-Vorträgen, technischen Sessions und auf den Demoständen kleine Hardware-Boards gezeigt. Als Besucher der Konferenz konnte man auch sinnvoll selbst Hand anlegen. Mit dem sogenannten JavaOne-Kiosk illustrierte Oracle trefflich eine Internet-der-Dinge-Anwendung auf Java-Basis: Diese besteht aus einem kleinen und höchst billigen Hardware-Board – entweder das Raspberry Pi oder das Beagle Bone – und enthält einen grossen Touchmonitor und einen Scanner für 2D-Barcodes, wie sie am Konferenz-Badge aufgedruckt waren. Damit konnten Besucher bequem nach Sessions suchen und sich ihren eigenen Zeitplan für die Konferenz zusammenstellen. Die kleinen, Java-programmierbaren GSM-Module von Cinterion wurden ebenfalls als Referenz-Anwendungsfall in etlichen Sessions und Keynotes gezeigt. Dafür mussten sie extra auf ein visitenkartengrosses Stück Karton platziert werden, um dem Vortragenden nicht durch die Finger zu gleiten. Im Gespräch mit Besuchern habe ich gemerkt, dass diese Demos bei vielen Teilnehmern Interesse für diesen neuen Anwendungsbereich geweckt haben.
Die enormen Datenmengen, welche das Internet der Dinge in Zukunft prägen dürften, wurden durch ein Beispiel aus der Automobilindustrie illustriert: Die erzeugte Datenmenge der eingebauten Sensoren aller im Verkehr befindlichen Fahrzeuge eines grossen Automobilherstellers erreicht heute acht Petabyte pro Tag. Um diese Datenflut zu bewältigen, muss man bereits bei der Erfassung der Sensorwerte eine intelligente Auswertung relevanter Informationen extrahieren. Gleichzeitig hat diese Auswertung flexibel konfigurierbar zu sein, um dynamische Änderungen zu erlauben. Java bietet dafür die besten Voraussetzungen. Von den Konferenzteilnehmern wurden aber auch Bereiche angesprochen, in denen Java stärker werden muss. Beispielsweise wurde ein Realtime-Java-Support von Oracle vermisst. Es gibt zwar einige Echtzeit-fähige Java Virtual Machines (JVM), jedoch noch nicht von den ganz grossen Anbietern.
Neben vielen technischen Beiträgen zu "Java Embedded" wurde auch auf wirtschaftliche Aspekte hingewiesen. Es wurden zahlreiche neue Einsatzmöglichkeiten von Java und neue Geschäftspotentiale des Internets der Dinge dargestellt. Oracle liefert im Rahmen seiner "Device to Datacenter"-Strategie praktisch alle relevanten Werkzeuge. Aber erst Partner wie Cinterion, Hitachi, Freescale und Rockwell Automation waren in der Lage, bereits existierende, erfolgreiche Anwendungen zu zeigen. In den Sessions und in Pausengesprächen gaben sie ein überzeugendes und starkes Commitment zu Java ab. In Paneldiskussionen wurden auch handfeste Wirtschaftszahlen geliefert: So lassen sich zum Beispiel durch Monitoring von industriellen Produktionsmaschinen 20 Prozent der teuren Ausfallzeiten vermeiden. Der US-amerikanische Branchenverband AMT (Associaction for Manufacturing Technologies) mit über 600 Mitgliedern hat dazu den freien Standard MTConnect präsentiert, um Informationen über industrielle Produktionsprozesse in Echtzeit zu beziehen.
Sechs Weiterentwicklungen
Der "Embedded"-Einsatz von Java wird durch eine Reihe von technischen Weiterentwicklungen auf sechs Ebenen zusätzlich unterstützt: So wird erstens die neue touch-fähige Benutzeroberfläche Java-FX Bestandteil von Java SE Embedded werden. Ein entsprechender Developer-Release für ARM-Prozessoren wurde zur JavaOne veröffentlicht.
Zweitens sieht Oracle im JVM-Bereich eine Konsolidierung und gegenseitige Befruchtung seiner unterschiedlichen Produkte am Horizont. Momentan hat Oracle hier JRockit und mit Java ME, Java SE Embedded und Java SE mehrere Sun-basierte Varianten im Rennen. Technische Präsentationen zeigten das Potential auf, wie sich die speziellen Eigenschaften der verschiedenen JVM gegenseitig ergänzen und ihre Zukunft verbessern könnte.
Drittens wird der Sprachumfang von Java 8 erweitert – etwa mit Lambda-Operationen, die es in Zukunft auch für Java-Embedded-Anwendungen erlauben, die Produktivität der Programmierer zu steigern. Ein Entwickler kann einer Java-Bibliothek von aussen Arbeitsaufträge mitteilen, indem Programmcode wie Daten übergeben werden, so dass er sich nicht um die Ablaufreihenfolge des Arbeitsauftrages zu kümmern braucht. Auf Multi-Core-Prozessoren, die auch im Embedded-Umfeld immer häufiger anzutreffen sind, kann so automatisch ohne eine zusätzliche Zeile Programmcode eine echt parallele Abarbeitung erfolgen. Eine Testversion für Entwickler ist ebenfalls verfügbar.
Viertens wird das neue Modulsystem Jigsaw leider erst mit Java 9 kommen. Denn die Modularisierung wäre auch für den "Embedded"-Einsatz interessant. Sie erlaubt es, den Umfang der Laufzeitumgebung der Anwendung anzupassen und so Speicherplatz und Ladezeiten zu sparen.
Als Fünftes wurden neue "Embedded"-Produkte wie Java ME Embedded 3.2 und die Java Embedded Suite 7.0 präsentiert. Java ME Embedded ist für miniaturisierte Mikroprozessorsysteme optimiert und der Speicherverbrauch wurde weiter reduziert, allerdings wird nicht der volle Sprachumfang von Standard Java (SE) unterstützt. Die Java Embedded Suite bietet für leistungsfähigere eingebettete Systeme vollen SE-Sprachumfang mit eigener Datenbank und eigenem Anwendungsserver.
Last but not least eröffnet die Erweiterung von Java durch alternative Sprachen wie etwa JavaScript (Projekt Nashorn) neue Möglichkeiten in der kombinierten Programmierung. Scriptsprachen erfreuen sich auch im Embedded-Umfeld einer immer stärkeren Popularität.
Fazit
Insgesamt gefiel mir die diesjährige JavaOne sehr gut. Die Zukunft von Java gestaltet sich heute rosiger denn je. Es blieb nicht allein bei Lippenbekenntnissen von Oracle für neue Produkte. Die Programmierergemeinschaft hat ihrerseits ein beredtes Zeugnis von sehr vielen interessanten Arbeiten und Projekten demonstriert. Zudem garantiert der nun erneuerte Java Community Processes (JCP) einen so hohen Grad an basisdemokratischen Mitsprachemöglichkeiten wie bei keiner anderen Programmierplattform. (Gert Brettlecker, San Francisco)
Gert Brettlecker ist promovierter Informatiker und Technologieverantwortlicher der Abteilung Industry and Mobile Solutions beim Zürcher Softwarehersteller Ergon Informatik. Ergon ist Technologiepartner von inside-it.ch und inside-channels.ch.

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