Leider Nein (heute mit Event)

2. November 2012, 17:13
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Messen sind tot, Werbung von gestern, Pressearbeit sinnlos, da es keine Presse mehr gibt, Call-Center unbeliebt und Ihre Verkäufer haben zu wenig Biss. Bleiben Ihnen also gerade noch die sozialen Medien. Also twittern Sie, was das Zeugs hält, veranstalten Wettbewerbe auf Facebook, organisieren Gruppen auf Xing und Diskussionen auf LinkedIn und zeigen Ihre alten PowerPoint-Folien nun im Web und nennen das ein "Webinar". Und wenn das alles nicht reicht, dann machen Sie einen Event. Um sicher zu sein, dass auch jemand an Ihren Event kommt, stellen Sie am besten ein Call-Center ein, das Ihnen die Gäste herbeiprügelt, verlangen Sie von der Presse Gratis-Werbung (es nennt sich "Medienpartnerschaft") und organisieren Sie mit Ihren Partnern eine Mini-Messe im Foyer. Und laden Sie mich unbedingt ein.
So durfte ich am Montagabend an die 43. Ausgabe des Berner CNO-Panels, an dem es Speck und trockene Rippli auf einem winzigen Häufchen Sauerkraut gab. Serviert wurde an Tischen, die von IT-Firmen beim Veranstalter gemietet worden sind. Oben auf der Bühne gab es vor und zwischen Salat, Rippli und Dessert viele schöne, lange Reden und Podiumsgespräche, was die Gäste der Mieter der Tische an ihre Stühle nagelte, auf dass sie dem interessanten Gespräch mit den Chefs der IT-Firmen auf keinen Fall entkommen konnten. Während der Vortrag von Herrn Professor bei mir erst Erinnerungen an früher gehörte Vorträge und dann Fluchtgedanken auslöste, fand ich die folgende humoristische Einlage hervorragend. Ein Imitator imitierte den bekannten Wirtschaftsjournalisten Beat Kappeler so gut, dass das Publikum gar nicht merkte, dass nicht der richtige Kappeler auf der Bühne stand, sondern ein Kabarettist. Spätestens beim Aufruf des Humoristen zur Abschaffung der AHV ("Opt-Out-Option bei Sozialversicherungen") und beim Lob des "3D-Ausdruck aus dem Fax" hätte man doch merken müssen, dass unmöglich ein Autor der 'NZZ am Sonntag' auf der Bühne stehen kann. Oder?
Einig waren sich Professor, Wirtschaftsfachmann-Imitator und Podiumsteilnehmer, dass Beamte faul, gefrässig und dumm und dass PolitikerInnen böse Fortschritts- und Wohlstandsverhinderer sind. Feststellungen, die vom Publikum, besonders von den vielen vertretenen Beamten, mit frenetischem Beifall bejubelt wurden. Dass Beamte Beamtenbashing bejubeln, ist in Bern übrigens nicht selten und zeigt nicht etwa schlechtes Gewissen, sondern die unbegründete Gewissheit, dass immer nur das andere Amt gemeint sein kann.
Am Dienstag durfte ich wählen: Ich hätte an die die SNW in Frankfurt fahren können, wo mir ein CEO persönlich erzählt hätte, wie das nun mit "Enterprise-Cloud-Backup-und-Restore-Software-Produkten" läuft, hätte aber auch als "thematische Einstimmung auf die Jahrestagung Business Intelligence" im Januar den "Vortrag Self Service BI" kostenlos anhören dürfen oder aber in einem Restaurant in der Zürcher Innenstadt erst lunchen und dann "Produkt-Demos, Hands-On und Fragerunden im Meeting-Raum 'Paris'" geniessen dürfen. Alternativ hätte ich an der SNW an den "ExecEvent" zum ersten "Tape Summit auf der Powering the Cloud" gehen dürfen. Sie haben richtig gelesen, da oben steht "Tape Summit".
Auch am Mittwoch musste ich mich nicht einsam fühlen, denn ich konnte zwischen dem "IT Reseller Disti-Award", der weltweit schnellsten Preisverleihung, an der seit 35 Jahren immer Also gewinnt, in Thalwil, dem ONE-Roundtable in Züri 5, dem "Swiss Retail Technology Day" im GDI in Rüschlikon oder dem Opacc-Kundentag im Verkehrsmuseum wählen. Ich wählte Luzern samt der nächtlichen Schifffahrt, bei der ich bei Kalbsbraten und ein, zwei Bierchen einen netten Menschen aus "Obedoof" (Baselbieterisch für Oberdorf, Basler und Baselbieter können wie ChinesInnen das "R" nicht aussprechen) kennenlernte, der doch tatsächlich in der Textilindustrie tätig ist. Wusste gar nicht, dass es die noch gibt.
Auch gestern blieb ich - gelobt sei die Industrie! - nicht alleine, denn ich durfte an die Vernissage der zweiten Ausgabe des Swiss-Made-Software-Buchs ins Basler Gundeli. Es gab weder Rippli noch Kalbsbraten sondern Lachsrölleli auf Roggenbrot und Tomatensalat mit Mozzarella-Perlen und so Zeugs und ich durfte mich wahlweise als "käuflich", "reisserisch", "negativ" und "effekthaschend" (jaa - wir machen gerne schöne Titel) beschimpfen lassen. Wenigstens in Basel ist man noch ehrlich! (Christoph Hugenschmidt)
P.S. Falls Sie einen Event planen, so versuchen Sie, den 6. oder 7. November zu umgehen. Da gibt es nämlich schon gefühlte 184 IT-Events. Und tragen Sie Ihren Event unbedingt auf der brandneuen, eigentlich noch gar nicht, für Sie aber schon, existierenden ICT-Agenda des Kantons Zürich ein. Bitte!

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