Merken Sie es auch? Da stimmt was nicht. Warum hat es hier nirgends kreischende, schreiende, hustende, ewig hungrige, höhnisch lachende Möwen auf dem Dach? Und wo ist die schwarze Blutwurst auf meinem Frühstücksteller? Müssen Aprikosen härter als Stein sein? Warum höre ich
die Brandung nicht mehr und warum hat es im Zürisee keine Amphibienfahrzeuge, mit denen die Bauern bei Ebbe täglich ein paar hundert Kilo Moules an Land bringen? Und was ist mit der Limmat los? Immer nur in eine Richtung fliessen - geht's noch langweiliger?
Und vor allem: Was wollen all die Menschen, die sich nach 17 Uhr in Blechkisten quetschen, nach Zürich fräsen, um sich dort zu einer Art rollenden Landbewohner-Vollversammlung in der Langstrasse im Stau zu treffen? Ich sage Ihnen, da stimmt was nicht.
Dabei könnte man so einen Sommerabend so sinnvoll verbringen. Man könnte zum Beispiel eine Kuh umbringen, respektive sich
crowd-mässig so lange Kuhfleisch kaufen, bis die Kuh bis zum letzten Müskelchen verkauft ist und dann zum
"Crowdbutcher" darf. Nur gut, dass Kühe keinen Internet-Anschluss haben, und wenn sie einen haben, diesen nicht dazu benützen können, ihrem eigenen nahenden Ende entgegenzusehen. Sonst könnte es uns passieren, dass so eine verzweifelte Kuh, zum Beispiel die arme Mimi mit der Ohrmarken-Nummer CH 120.1074.4322.6 twittert oder facebooked, was für eine miesfleischige, zähe und mit krebserregenden Substanzen ernährte Kuh sie ist, deren Fleisch rein gar nicht zu empfehlen sei.
Oder man könnte das wichtige literarische Werk "
Datacenter for Dummies" lesen, das uns ein lieber PR-Mann mit besten Connections zur Kuh-Branche, aber darum geht es jetzt nicht, gratis mit folgendem tollen Satz garniert, gesandt hat:
"Sehr geehrte Redakteure, Redaktionen, Medienschaffende. Sie gleich zu Beginn der Sommerferienzeit mit einer weiteren Medienmitteilung einzudecken, wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit keine gute Idee." Lieber PR-Mann mit besten Verbindungen zur Kuh-Branche: Mir ein Buch über Rechenzentren zu senden und zu hoffen, ich würde dieses nicht nur in die Ferien mitnehmen, sondern in dieses auch hineinschauen, statt beim
romantischen Sonnenuntergang in den schönen blauen Augen der Liebsten zu versinken,
"wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit keine gute Idee." Wenn nicht Schlimmeres.
Oder man könnte an so einem Sommerabend ein revolutionäres Produkt entwickeln. Zum Beispiel
"ein Wearable, das Paaren dabei hilft, schwanger zu werden und ein gesundes und glückliches Kind auf die Welt zu bringen." Gerade in der Ferienzeit, mit ihren Sonnenuntergängen und so, kommt so ein Ding, das
"auf einem fundierten Verständnis der Physiologie des Menschen, der Fortpflanzungsmedizin, Sensortechnologien und Big Data Analysen" aufbaut, gerade richtig. Auch volkswirtschaftlich
wird genanntes Wearable äusserst nützlich sein, denn man wird künftig auf unternehmerisch gesehen fragwürde Aktivitäten wie Reisen an Küsten mit romantischen Sonnenuntergängen zwecks Steigerung der Schwängerungswahrscheinlichkeit glatt verzichten. (Christoph Hugenschmidt)