Neues Internetprotokoll Scion: "Interessant, aber unpraktikabel"

6. Juni 2014, 06:55
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Forscher Adrian Perrig entwickelt an der ETH ein neues Kommunikations-Protokoll für das Internet. Internet-Experte Fredy Künzler ist skeptisch.

Forscher Adrian Perrig entwickelt an der ETH ein neues Kommunikations-Protokoll für das Internet. Internet-Experte Fredy Künzler ist skeptisch.
"Nicht umsetzbar", lautet das Urteil vieler Ingenieure, wenn sie vom Internet-Protokoll-Projekt "Scion", zu Deutsch: Erbe, erfahren. ETH-Professor Adrian Perrig lässt sich allerdings davon nicht abhalten, berichtete die 'NZZ am Sonntag'.
Das neue Kommunikationsprotokoll ist nötig, sagt der Professor, denn das heute benutzte "Border Gateway Protocol" (BGP) wurde bereits vor Jahrzehnten entwickelt. Damals war das Internet noch eine kleine Mein-und-Dein-Rechenzentrum-Spielerei und kein Internet-of-Things-Moloch.
Um der neuen Idee eine Chance zu gewähren, müsste man von der alten "Ist so weil war so, bleibt so weil ist so."-Mentalität abweichen. Scion-Vater Perrig hofft, Netzbetreiber von den Vorteilen seines Protokolls zu überzeugen um den Wechsel zur neuen Kommunikations-Architektur zu beschleunigen. Ein schrittweiser Wechsel soll ebenfalls möglich sein, da Scion parallel zum BGP-Protokoll laufen könne, sagt der Professor. Das Projekt hat vielversprechende Kooperationspartner mit anderen Universitäten sowie Swisscom und dem japanischen Provider KDDI.
Was macht Scion?
Informationen reisen im Internet über Router. Trifft ein Datenpaket ein, wird die Adresse ausgelesen und der Router teilt dem Paket die kürzeste Strecke zu seinem Ziel zu. Das gelingt nur dank dem uniformen Protokoll, an das sich alle Router halten. Mit dem BGP ist es allerdings nicht möglich, den Weg eines Datenpakets vorauszusagen. Es lässt sich nur im Nachhinein auslesen, durch welche Router das Paket reiste. Scion setzt hier an.
Perrig erstellte ein Protokoll, in dem Empfänger und Sender vor dem verschicken wissen, durch welche Router ein Datenpaket reisen sollte. Dazu schafft Scion Instanzen.
Eine Instanz ist eine Gruppe von Netzwerken, wie beispielsweise alle Provider der Schweiz. Als Autonomes System (AS) wird eine Gruppe von Routern bezeichnet, die über einen gemeinsamen Administrator verfügen, wie zum Beispiel das Netzwerk von Swisscom.
Im Scion-Modell sollen Instanzen nur über gewisse vordefinierte Edge-Router miteinander kommunizieren. Innerhalb einer Instanz müssen die AS ebenfalls untereinander ausmachen, über welche Wege sie Daten empfangen und senden wollen.
Instanzen können selbst entscheiden, mit welchen anderen AS sie Daten empfangen und senden. Dies würde die Sicherheit erhöhen. Damit wären politische Grenzen auch im Internet realisierbar - das ist nicht unumstritten. Die Wege der Datenpakete zu kontrollieren, wird also einfacher. Das war vorher mit viel nur mit viel Aufwand realisierbar.
Warum nicht?
"Ein interessanter Ansatz, aber unpraktikabel", meint dazu Network Engineer und inside-it.ch-Kolumnist Fredy Künzler. Scion dürfte noch etwa zehn bis zwanzig Jahre brauchen, bis es, wenn überhaupt, BGP ersetzen könne. Scion werde durch die Instanzierung die bisherigen Routing-Policies der Provider "gründlich über den Haufen werfen".
Netzwerke, die Netzneutralität zu unterwandern versuchten, müssten dieses Ansinnen beerdigen, denn Routing innerhalb von Instanzen - etwa innerhalb der Schweiz - sei nur dann interessant, wenn auch kommerzielle Aspekte berücksichtigt würden, sagt Künzler. "Solange Routing via Transit im Ausland günstiger ist, gibt es keinen Anreiz, innerhalb der Schweizer Instanz zu routen."
Die neue Technologie laufe ausserdem Gefahr, nicht gebraucht zu werden. Routing-Einstellungen müssten vom Endnutzer vorgenommen werden, dieser habe jedoch in den meisten Fällen weder Lust noch Zeit, geschweige denn das Know-how, dafür. Es gebe auch Ansätze, wie das Vertrauen in BGP verbessert werden könne, etwa RPKI. Aber auch diese Methode, obwohl relativ einfach zu implementieren, sei nicht sonderlich beliebt.
"Der Leidensdruck der Industrie ist viel zu klein, um ernsthaft über eine Ablösung von BGP nachzudenken", kommt Künzler zum Schluss. (Colin Simon)

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