Prantl behauptet: Xing ist tot, lang lebe Linkedin?

28. September 2020, 09:23
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Unser Kolumnist nutzt Xing kaum mehr. Nun muss er sich aber auf Linkedin mit altbekannten Problemen herumschlagen.

Wenn ich hier feststelle, dass Xing in den letzten Jahren von einem ehemals nützlichen beruflichen Netzwerk zur plumpen Anmache vor allem für arbeitslose Coaches und Berater und zusätzlich zur profanen Cash-generierenden Werbemaschine mutiert ist, dann liege ich wahrscheinlich für den Grossteil der Leser goldrichtig. War ich selbst noch vor wenigen Jahren ein überzeugter Poweruser, so bin ich mittlerweile soweit, dass ich den Premium Account gekündigt habe und mich bestenfalls noch einmal im Monat einlogge. Als aktive Kommunikationsplattform nutze ich Xing schon seit Monaten nicht mehr. Oder anders gesagt, Xing ist für mich tot!
Doch, das spielt eigentlich keine grosse Rolle. Denn, es gibt ja Linkedin. So hat sich Linkedin – vor allem in der Schweiz – parallel zum schleichenden Untergang von Xing sukzessive hochgearbeitet und füllt die entstandene Lücke im Angebot seriöser beruflicher Netzwerke gar nicht mal so schlecht. Insbesondere dann, wenn sich das eigene Netzwerk in der Tech- und IT-Szene tummelt, denn dort geht die Abdeckung fast schon gegen einhundert Prozent. Die einzigen IT-Unternehmer, die ich gelegentlich auf Linkedin nicht finde, sind die noch wenigen Social-Media-Muffel, die kurz vor ihrem Ruhestand stehen. Ansonsten sind sie alle da.
Kommt hinzu, dass es sowieso effizienter und wesentlich übersichtlicher ist, bloss EIN Netzwerk pflegen zu müssen. Auch wenn ich – wie viele andere wohl auch – noch zögere, mein Xing-Profil gleich ganz zu löschen, so hält sich der Aufwand seiner Aktualisierung doch arg in Grenzen. Somit kann ich meine Energie voll auf Linkedin konzentrieren, was ich auch ausgiebig tue.
Soweit, so gut. Leider schlage ich mich aber seit einigen Wochen auch auf Linkedin wieder mit den altbekannten Xing-Problemen herum. Erst heute habe ich einmal mehr 4 Kontaktanfragen nach dem Motto "Guten Morgen Herr Prantl, mit wie vielen Neukunden können Sie langfristig zusammenarbeiten?" oder "Ganz wichtig: Ich möchte Ihnen absolut nichts verkaufen! Das ist nicht der Grund für diese Nachricht" wegklicken müssen. Dieses stupide Vorgehen, neudeutsch als "Social Selling" bezeichnet, will uns weismachen, dass wir bloss ausdrücklich darauf hinweisen müssen, ja nichts verkaufen zu wollen und dann ist schon gut.
Es sieht also leider ganz danach aus, dass nicht nur ich realisiert habe, dass Xing tot ist, sondern alle arbeitslosen Coaches und Berater ebenfalls. Gleichzeitig mag ich mir gar nicht ausmalen, welch penetrante Belästigungsnachrichten "echte" Unternehmer täglich so bekommen mögen, bin ich ja selbst auch nur ein Berater. Es muss wahrlich ein Horror sein.
Daher frage ich mich mit echter Sorge, ob Linkedin über kurz oder lang in die gleiche Falle tappen wird wie Xing. Noch sind die Beiträge im Feed auf einem hohen Niveau und die Kontakte mit neuen Mitgliedern meist straightforward und von guter Qualität. Wenn wir aber bald von ganzen Heerscharen von erfolglosen Freelancern jeglicher Couleur zu gespammt werden, dann könnte schnell dem einen oder anderen die Lust am Netzwerken vergehen und sie/er sich aus dem Staub machen. Das wäre wirklich schade.
Urs Prantl (57) war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT- und Software-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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