Schliddern Unternehmen in die "IT-Schuldenkrise"?

24. September 2010, 13:38
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Updates, Migrationen und Applikationsmodernisierung wegen Budgetzwängen immer weiter zu verschieben, ist ein gefährliches Spiel, sagt Marktforscher Gartner.

Updates, Migrationen und Applikationsmodernisierung wegen Budgetzwängen immer weiter zu verschieben, ist ein gefährliches Spiel, sagt Marktforscher Gartner.
Das IT-Marktforschungsinstitut Gartner kreiert wieder einmal einen (zumindest uns) neuen Begriff: Die "IT-Verschuldung". Und die, so Gartner, habe in den letzten Jahren gefährlich zugenommen und könnte noch schneller weiter steigen. Gemeint sind mit der "IT-Debt" nicht gemietete Systeme oder ausgelagerte Infrastruktur. Gartner braucht den Begriff Schulden in einem übertragenen Sinne und bezeichnet damit die Investitionen, die ein Unternehmen aufbringen müsste, um alle seine Applikationen auf einen Schlag auf den neusten Release-Stand zu bringen. Insgesamt würde dies, schätzt Gartner, heute alle Unternehmen zusammen global 500 Millarden Dollar kosten.
Gartner hat den Begriff "Verschuldung" mit seinen aktuellen Beiklängen wie Staatsbankrott und Schuldenkrise wohl mit Bedacht gewählt. 500 Milliarden Dollar scheinen zwar verglichen mit den Gesamtbudgets für IT – Gartner schätzt die weltweiten Gesamtausgaben für 2010 auf rund 3,4 Billionen Dollar – noch verkraftbar. Die "IT-Verschuldung" ist allerdings laut Gartner in den letzten Jahren klar schneller gewachsen als die IT-Budgets, und könnte sich bis 2015 auf eine Billion Dollar verdoppeln. Gerade für Grossunternehmen, glaubt Gartner, könnten sich die IT-Schulden so zu einem "systemischen Risiko" auswachsen.
Die schleichende Schuldenfalle
"Natürlich hat es nie eine IT-Abteilung gegeben, bei der es keine Warteschlange für Unterhaltsarbeiten gibt. Aber das Ausmass des Problems war noch nie so gross wie heute", kommentiert Gartner-Analyst Andy Kyte.
Das Vertrackte bei den IT-Schulden ist laut Gartner, dass sie sich schleichend im Hintergrund und aus kurzfristig gesehen immer wieder vernünftig scheinenden Entscheidungen heraus anhäufen. IT-Abteilungen standen nicht nur in der vergangenen Krise, sondern schon das ganze letzte Jahrzehnt über unter anhaltendem Budgetdruck, und eine grundsätzliche Änderung ist auch in den kommenden Jahren nicht abzusehen. Gleichzeitig wird verlangt, dass die IT-Abteilungen innovativ bleiben und dauernd neue Funktionalitäten anbieten, die direkt dem Unternehmen etwas nützen. Die Reaktion darauf ist verständlich: CIOs konzentrieren sich einerseits darauf, beim laufenden Betrieb der bestehenden Systeme die Servicequalität zu halten und übrigbleibende Investitionsbudgets für neue Funktionalitäten und Applikationen zu verwenden. Der Bereich des Applikationsunterhalts wurde dagegen immer wieder überproportional von Budgetkürzungen betroffen. "Das geht ein Jahr oder auch zwei Jahre lang völlig problemlos", so Kyte. "Aber wenn der Unterhalt Jahr für Jahr immer wieder verschoben wird, steht man irgendwann vor gefährlich veralteten Applikationslandschaften."
Wie bei normalen Schulden gibt es bei der "IT-Debt" eine Art "Zinsen" in Form von höheren Betriebs- und Supportkosten, Sicherheitsrisiken oder der Schwierigkeit, Fachleute für veraltete Systeme zu finden. Im Gegensatz zu normalen Schulden wachsen die IT-Schulden à la Gartner aber auch wenn man alle "Zinsen" bezahlt im Laufe der Zeit von selbst. Updates, Migrationen und Modernisierungen werden typischerweise umso teurer, je grösser der Versionssprung ist oder je älter die zu modernisierende Applikation. Zudem tragen auch die genannten dauernd neu angeschafften Funktionalitäten und Applikationen dazu bei, dass der Wartungsbedarf und damit der "Schuldenberg" immer weiter wächst. Und irgendwann wird eben doch alles zur "Bezahlung" fällig.
Erster Schritt: Ein Schuldeninventar
Einen magischen Trick um das Problem zu beheben, hat auch Gartner nicht auf Lager – ausser natürlich in den sauren Apfel zu beissen und das notwendige zusätzliche Geld zu investieren. Dieser Gedanke dürfte aber vielen Geschäftsleitungen noch sauer aufstossen. CIOs könnten aber, so rät Gartner, zumindest das Terrain vorbereiten, indem sie einen jährlichen "Schuldenreport" vorlegen. Dieser sollte den Status des Applikationsportfolios in einer Form darstellen, den auch Nicht-Informatiker verstehen und laut Gartner zum Beispiel beinhalten, wieviele Applikationen im Betrieb sind, wieviele neu angeschafft und wieviele nicht mehr gebraucht werden und vor allem natürlich die aktuellen und für die Zukunft projizierten Kosten, um sie in einem brauchbaren zustand zu halten.
"Auch ein solcher Schuldenreport", räumt Andy Kyte allerdings ein, "wird bei den Geschäftsleitungen kaum eine blitzartige Reaktion auslösen." Aber nach dem Prinzip "Steter Tropfen höhlt den Stein" könnte die dauernde Erinnerung sie doch irgendwann dazu bringen, sich mit dem Problem "IT-Verschuldung" zumindest auseinanderzusetzen. (Hans Jörg Maron)

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