Schulen müssen mit grossen Mehrausgaben für Microsoft-Lizenzen rechnen

19. Juni 2020, 15:35
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Educa.ch hat soeben den Rahmenvertrag mit den Redmondern verlängert. Es stehen erhebliche Mehrkosten an.

Die Schweizer Fachagentur ICT und Bildung des Bundes, educa.ch, hat rückwirkend auf Anfang Jahr den Rahmenvertrag mit Microsoft bis 2023 verlängert. In der Pressemitteilung ist von "langwierigen Verhandlungen" die Rede, in denen neben rechtlichen Aspekten insbesondere die Lizenzgebühren zu Diskussionen geführt haben müssen.
Denn Microsoft hat neue Bedingungen für die Beschaffung von Lizenzen eingeführt. Waren Bildungseinrichtungen bisher über das Vollzeitäquivalent als Berechnungsgrundlage sämtlicher Angestellten mit sogenannten CASA-EES-Lizenzen ausgestattet, muss neu für alle Mitarbeitenden, die das Bildungsplattform-Produkt nutzen, je eine Lizenz beschafft werden. Ähnliches gelte auch beim Bezug über das Programm OVS-ES. Abgemildert worden sei die Umstellung nur durch eine 3-jährige Übergangsfrist, so educa.ch auf Anfrage.
In der Mitteilung heisst es, dass die Umstellung auf die User-Lizenzierung "massive Kostensteigerungen" bei den Bildungseinrichtungen zur Folge habe. Denn die "von Microsoft eingeführten Anpassungen im Geschäftsmodell bedeuten für die betroffenen Bildungsinstitutionen in den allermeisten Fällen eine erhebliche Zunahme der Anzahl zu beschaffenden Lizenzen". Darum müssten sie "deutlich steigende Lizenzkosten budgetieren".
In der Open-Source-Gemeinde hat der Vertrag bereits zu heftigen Reaktionen geführt. So warnt Andrea Wörrlein, dass der amerikanische Software-Gigant "Stück für Stück staatliche Kultusbehörden in Europa" erobere. Denn nicht nur educa.ch müsse sich den neuen Lizenzbedingungen beugen, nicht anders sei es kürzlich dem bayerischen Schulen ergangen. Wörrlein ist Geschäftsführerin und Verwaltungsrätin von VNC, einem Entwickler von Open-Source-basierten Unternehmensanwendungen.
Wörrlein hält fest, dass die persönliche Lizenzierung ein "ein teurer Rückschritt gegenüber der vorherigen Vollzeitäquivalent-Pauschale" sei. Sie wirft educa.ch vor, zu wenig exakt zu informieren und insbesondere keine Angaben zu datenschutzrechtlichen Fragen zu machen. "Mit Transparenz und Offenheit, wie wir das aus der Open-Source-Szene kennen, hat das wenig zu tun. Und die Frage, warum sich immer mehr staatliche Bildungsorganisationen in die kostspielige Abhängigkeit von proprietären US-Systemen begeben, statt europäischen Alternativen eine faire Chance zu geben, erwartet dringend plausible Antworten", so Wörrlein weiter.
In einem kurzen Telefonat, bestätigt educa.ch-Projektleiter Simon Graber die massiven Kostensteigerungen, die auf Schulen zukommen werden. Er macht zudem darauf aufmerksam, dass auch Microsoft eine Cloud-first-Strategie verfolge. Der Service-Bezug übers Internet sei für die Schulen ein zusätzlicher Kostentreiber, weil sie neue Vorkehrungen in Sachen Datensicherheit treffen müssen.
Auf die Frage, warum keine Alternativen zu Microsoft geprüft worden seien, verweist Graber darauf, dass man zwar schon lange mit Open-Source-Werkzeugen arbeite, diese aber vielfach noch unausgereift seien.
Dem widerspricht VNC-Gründer und -VR-Präsident Bernd Rodler entschieden. Ausgereifte Open-Source-Lösungen seien in der Schweiz unter anderem in so sensiblen Branchen wie dem Banking und dem Gesundheitsbereich seit Jahren im Einsatz. Nicht anders sehe es in der Bildungslandschaft aus. Nur schon VNC investiere Millionen in die Anwenderfreundlichkeit der Tools und in die Erweiterung der Funktionalitäten. Die Behörden müssten sich nur entschliessen, Alternativen zuzulassen.
Der Entwickler von Open-Source-basierten Unternehmensanwendungen Virtual Network Consult (VNC) ist hierzulande in Zug ansässig und auch in Deutschland und Indien vertreten. Das Unternehmen positioniert sich selbst "als offene und sichere Alternative zu den etablierten US-Softwaregiganten".

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