Tracing-App: "Wir erfinden die Epidemiologie nicht neu"

5. Mai 2020, 15:32
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Was ist mit den False positives? Wie steht's mit der Privatsphäre? Wofür braucht's ein Gesetz? Marcel Salathé stellt sich Fragen von Parlamentariern.

Die Schweizer Corona-Tracing App steht kurz vor der Lancierung. Die App DP-3T, die von den beiden ETHs mitentwickelt wird, sollte bis zum 11. Mai fertiggestellt werden. Erste Tests wurden bereits durchgeführt, aber sie zeigten auch Schwierigkeiten auf: Etwa die Kalibrierung, um gute Resultate zu erlangen. So gaben neben dem Datenschutz auch die möglichen Falschmeldungen zu Reden.
Der EPFL-Epidemiologe Marcel Salathé, der massgeblich an der Entwicklung beteiligt ist, stellte sich Fragen der Parlamentariergruppe Parldigi. Er erklärte im Stream vor rund 180 Zuschauern, dass die EPFL Mitte Mai, wie angekündigt die App technisch fertiggestellt hätte. Die Berichte über eine mögliche Verzögerung wies er nicht von sich, gab eine allfällige Schuld dafür aber zumindest implizit weiter.

Die freiwillige App und ihre gesetzlichen Grundlage

Das Parlament will gesetzliche Grundlagen für die Nutzung in der App. Der Nationalrat stimmte einer entsprechenden Motion am Dienstag mit 127 zu 55 Stimmen bei 11 Enthaltungen zu. Er wies einen Einzelantrag von Barbara Steinemann (SVP/ZH) auf Ablehnung ab. Der Ständerat hatte am Montag einen gleich lautenden Vorstoss angenommen.
Die befürchtete Verzögerung könnte damit zusammenhängen, auch wenn Bundesrat Alain Berset im Rat erklärt hatte, dass eine geforderte Gesetzesgrundlage innert Tagen bis Wochen vorgelegt werden könnte.
Unter den Räten von Parldigi war man sich über die Notwendigkeit eines Gesetzes nicht einig: Schliesslich brauche es für andere freiwillige Apps auch keine gesetzliche Grundlage, erklärte etwa FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann. Dem widersprach Edith Graf-Litscher (SP), die erklärte, dass die Freiwilligkeit wie auch andere Bestimmungen festgelegt werden müssten. Sie sei zuversichtlich, dass die Regelung schon während der laufenden Sondersession bestimmt werden könne.
Ihr zur Seite sprang GLP-Mann Jörg Mäder, der die gesetzliche Grundlage als Signal verstanden haben wollte, dass die Menschen die App auch in grossem Umfang nutzen.
Wichtig ist eine gemeinsame Grundlage für den internationalen Gebrauch. Nur ein gemeinsamer Standard könne sicherstellen, dass Schweizer Reisende im Ausland von möglichen Infektionen erfahren würden. Es habe von Anfang an im Projekt DP-3T internationale Zusammenarbeit gegeben, sagte Salathé dazu.
Er beobachte derzeit auch eine Entwicklung zum dezentralen System hin. Das könnte auch damit zu tun haben, dass Apple und Google explizit erklärt hatten mit ihren APIs nur dezentrale Systeme zu unterstützen.

Zu viele falsche Warnungen? "Das gibt es auch beim Contact-Tracing"

Die Kritik seitens IT-Fachleuten aber auch Wissenschaftlern war bislang, dass es zu viele False positives geben könnte und so zu viele Leute unter Quarantäne gestellt würden. Aber auch False negatives, also Infektionen, die die App nicht meldet, wurden als Problem ausgemacht. Der Grund: Die App kann per Bluetooth schlicht Feinheiten, aber auch so grobes wie etwa Trennwände, nicht exakt registrieren.
Salathé ist kein IT-Mann und so waren seine Antworten naturgemäss vor allem epidemiologischer Natur: "Wir erfinden die Epidemiologie nicht neu", erklärte er. Die vorläufigen Erkenntnisse, dass eine Übertragung bei Kontakt über 15 Minuten bei einer Distanz von unter 2 Metern stattfinde, sei in sich schon ungenau und bloss ein Annäherungswert.
Man habe entsprechend auch beim üblichen Contact-Tracing viele falsche Warnungen. "Das ist keine App-spezifische Problematik", unterstrich er. Man werde auf der Grundlage neuer Erkenntnisse versuchen die Applikation zu verfeinern, wolle aber derzeit die Komplexität nicht noch mehr erhöhen.
Da Bluetooth über die Signalstärke die Distanz messe, sei dies tatsächlich ungenau und werde etwa durch eine Gipswand oder andere Hindernisse beeinträchtigt. Aber: "Wir unterstützen das Contact-Tracing mit der App und ersetzen es nicht", betonte der EPFL-Professor. Darum helfe es auch schon, wenn eine verhältnismässig geringe Anzahl Menschen die App nutzen würden.

Was ist mit dem Datenschutz? "Ich glaube nicht an Backdoors"

In der Einführung in die Diskussion wurde von Salathé vor allem betont, dass die App für die Privatsphäre bombensicher sei: Open Source, kein Standort-Tracking, keine Personendaten, Daten-Verarbeitung dezentral auf dem eigenen Gerät, regelmässig wechselnde und verschlüsselte Identität der Geräte, Daten-Austausch mit dem Server nur im Falle einer Infektion. Ausserdem könne man die App ganz einfach ausschalten, hielt Salathé fest.
Alle Einwände konnte er allerdings nicht ganz ausräumen, so etwa welche Lücken im Betriebssystem schon vorhanden sein könnten. Oder wie anfällig die App für Hacker ist.
Mit im Boot sind gewissermassen auch Apple und Google mit ihren OS für Smartphones: Hier gab es in der Vergangenheit immer wieder Kritik, was die Datensammelwut angeht. Salathé erklärte nun, dass etwa Apple bezüglich Privacy sehr verlässlich sei. Zudem teile man keine Daten mit den beiden Herstellern.
Die beiden Tech-Konzerne bekräftigten, dass sie keinen Zugang zu den GPS-Positionsdaten der Smartphones bekommen und keine Daten für Werbung verwenden dürfen. Ausserdem hatten sie bereits erklärt, dass sie neben dem dezentralen Ansatz auch nur Applikationen unterstützen, die von den Gesundheitsämtern empfohlen würden. 
"Ich gehe stark davon aus, dass es keine Hintertüren gibt", zeigte sich Salathé zuversichtlich. Ausserdem würden allfällige Hacker nur eine verschlüsselte Geräte-ID erbeuten können.
Schliesslich betonte der Epidemiologe, dass es wichtig sei, die anonymisierten und verschlüsselten Daten auf dem Server jeweils so rasch wie möglich zu löschen und das Projekt zu beenden, sobald dies möglich sei. "Das ist dann aber wiederum eine politische Frage", hielt er gegenüber den Parlamentariern fest.
Update (6.5.2020): Der Artikel wurde um die Entscheidung des Nationalrats ergänzt. 

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