Viele Schuldige im Stadtzürcher "IT-Debakel"

10. September 2009, 12:42
  • e-government
  • software
  • stadt zürich
  • zürich
image

Der Zürcher Stadtrat hat die Ursache für die massiven Probleme im Software-Projekt FAMOZ untersucht. Ein Lehrstück.

Der Zürcher Stadtrat hat die Ursache für die massiven Probleme im Software-Projekt FAMOZ untersucht. Ein Lehrstück.
Im Software-Projekt FAMOZ (Fallmanagement Modell Zürich) wollte das Stadtzürcher Sozialdepartement vier unterschiedliche, untereinander nicht kompatible Systeme für die Fallführung und die Klientenbuchhaltung mit einer einzigen Neuentwicklung ersetzen. Dafür wollte man das Produkt KiSS (Klienteninformationssystem) der Berner Born Informatik sowie das SAP-Modul PSCD (Funktionen-, Kassen- und Einnahmenmanagement) einsetzen.
Das Projekt lief aus dem Ruder: statt wie geplant per 1.1.2008 wird das System voraussichtlich erst nächstes Jahr eingeführt werden können und statt 11,5 Millionen Franken wird es 20,3 Millionen kosten.
Aufgrund einer Anfrage im Zürcher Gemeinderat hat nun gestern der Stadtrat (Exekutive) einen Bericht vorgelegt, der die Ursachen des Debakels analysiert. Er liest sich wie eine Liste der möglichen Fehler, die man in einem Software-Projekt machen kann.
So wurden die funktionalen Anforderungen an die Lösung bei der Ausschreibung des Projektes offenbar massiv unterschätzt, was zu Change Requests führte. Dann ging man im Januar und April 2008 mit unstabilen Modulen in Betrieb und versuchte, die auftauchenden Probleme laufend zu beheben. Dies führte natürlich zu hoher Unzufriedenheit mit dem Lösungspaket im Zürcher Sozialamt. Man forderte eine externe Untersuchung des Projektes an, die gravierende Schwächen in der ganzen Projektorganisation aufdeckte.
"Projekt in Auflösung"
So stellte man "starke Krisensignale" seitens der Anwender fest, fand parallele Strukturen im Projektmanagement, fehlende Ressourcen im Projektteam, ausser Kontrolle geratene Pendenzen und zu guter letzt auch eine "seit Monaten inexistente Projektleitung" seitens einer externen Generalunternehmung.
Nach dem vernichtend ausgefallenen externen Gutachten stellte man die Projektorganisation völlig um und der politisch verantwortliche Stadtrat übernahm persönlich die Führung des Projektsteuerungsausschusses.
Viele sind schuld, niemand ist haftbar
Im März dieses Jahr liess der Stadtrat dann das Projekt auch juristisch untersuchen, um allfällige Verantwortlichkeiten festzustellen. Die untersuchenden Rechtsanwälte fanden zwar viele, "sich gegenseitig verstärkenden" Fehler, aber niemanden, den man auch rechtlich hätte für das Debakel haftbar machen können.
So konstatierten die Rechtsanwälte, dass man die abzubildenden Prozesse zu wenig diszipliniert erfasst hat. Aber auch die Projektführung und -Überwachung kritisiert. So ist der Projektcontroller zu wenig bestimmt aufgetreten und er wurde zu wenig unterstützt.
Katastrophal scheint gewesen zu sein, dass man zu Beginn nie klar festlegte, ob man nun die Abläufe eher an die Software anpassen wolle oder umgekehrt. Wer Software-Projekte kennt, kann sich leicht die endlosen Diskussionen, Gruppenbildungen und Machtkämpfe zwischen allen Involvierten vorstellen, die in einem solchen Fall zwangsläufig ausbrechen müssen.
Wie so oft in gescheiterten Softwareprojekten stellten die Anwälte auch im Fall des FAMOZ unvorhergesehene Anforderungsänderungen (Change Requests) fest. Diese haben dazu geführt, dass man mitten im Projekt "schleichend" vom klassischen "Wasserfallmodell" wechselte.
Mitverantwortlich für das Debakel war gemäss dem Bericht des Stadtrates auch eine unverantwortlich optimistische Kommunikation innerhalb des Projektes. So wurde offenbar zu lange kommuniziert (und geglaubt), es sei alles in Butter und die Software könne problemlos am 1.Januar 2008 eingeführt werden.
In rechtlicher und finanzieller Sicht Verantwortliche konnten die Anwälte dann aber nicht mehr eruieren, da es das Verfehlen der Ziele "verschiedene Ursachen, die sich gegenseitig bedingen und verstärken", gab.
Allen, die mit grossen Software-Projekten mit unterschiedlichen Lieferanten und Kundenorganisationen zu tun haben, sei die 8-seitige Weisung des Stadtrates an den Gemeinderat in Sachen FAMOZ zum Studium empfohlen. (Christoph Hugenschmidt)

Loading

Mehr zum Thema

image

Verwaltungsverfahren beim Bund werden vereinfacht

Für digital eröffnete Verfügungen ist neu keine qualifizierte elektronische Signatur mehr notwendig. Eine komplizierte Geschichte, die aber vieles leichter macht.

publiziert am 19.5.2022
image

Berns Microsoft-365-Zug rollt

Die Stadt Bern zementiert den Microsoft-Kurs. Jetzt sind der Dienstleister für die MS-365-Einführung gewählt und die MS-365-Lizenzen für die Schulen gekauft worden.

publiziert am 18.5.2022
image

Bund will die Landwirtschaft digitalisieren

Es geht nicht um VR für Kühe oder digitale Milch, sondern um den Aufbau eines Kompetenzzentrums für digitale Transformation im Agrar- und Ernährungssektor.

publiziert am 18.5.2022
image

Der Bundesrat macht das NCSC zum Bundesamt

Bis Ende Jahr soll klar sein, wie das Bundesamt für Cybersicherheit ausgestaltet und in welchem Departement es angesiedelt sein soll.

publiziert am 18.5.2022