Zürcher Hochschule erklärt Probleme bei Online-Prüfungen

7. Juli 2021, 10:47
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Ungewöhnlich viele Studierende meldeten technische Probleme. Die Ursache könnte bei der umstrittenen Prüfungssoftware Proctorio liegen.

Im Juni begannen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Semesterprüfungen. Insgesamt fanden an der ZHAW in der Prüfungsphase 109 Prüfungen unter Einsatz der Fernprüfungssoftware Proctorio an fünf Departementen statt. Das entspricht rund 11’000 Einzelprüfungen.
In den ersten beiden Prüfungswochen bis zum 25. Juni lag die Meldungsquote bezüglich technischer Probleme bei 3 bis 5%, erklärt die Medienstelle der ZHAW auf unsere Anfrage. Dann schnellte die Quote hoch: "Am Freitag, 25. Juni, gingen hingegen deutlich mehr Meldungen ein als in den Wochen zuvor, konkret bei circa 19% der an diesem Tag stattfindenden Einzelprüfungen." Die Prüfungen an besagtem Freitag fanden am Departement Angewandte Psychologie und der School of Management and Law statt. Die Anzahl Fehlermeldungen danach und bis zum Prüfungsschluss am 5. Juli werde zurzeit noch evaluiert.
Als technische Probleme bei Prüfungen unter Einsatz der Fernprüfungssoftware Proctorio hätten Studierende gemeldet, dass sie zum Beispiel Ladeverzögerungen hatten oder vorübergehend aus dem Prüfungssystem abgemeldet wurden und die Prüfung erst nach einem Unterbruch fortsetzen konnten. "Die Problemmeldungen der betroffenen Studierenden werden analysiert und je nach Ursache und Umständen wird gegebenenfalls eine Kompensation gewährt, beispielsweise in Form einer Punktegutschrift."

Keine Serverprobleme als Ursache

Serverprobleme an der ZHAW-Infrastruktur konnten als Grund bereits ausgeschlossen werden, erklärt die Medienstelle gegenüber inside-it.ch. "Die Gründe für die genannten Probleme sind je nach Fall unterschiedlich und können beispielsweise auch mit der Übertragungstechnik des Netzwerkverkehrs oder mit lokalen Netzwerkproblemen bei den Prüfungsteilnehmenden zusammenhängen." Die entsprechenden Meldungen würden gesammelt und die Ursachen analysiert. Die ZHAW sei dabei auch in Kontakt mit dem Hersteller von Proctorio, um mögliche Ursachen bei der Prüfungssoftware zu prüfen.
Die vom gleichnamigen Unternehmen Proctorio in Scottsdale, Arizona, entwickelte Software ist umstritten: Sie misst während der Prüfung die Kopf- und Augenbewegungen der Studierenden. Zeigt sich dabei ein Verhalten, das auf Schummeln schliessen lässt, wird dies markiert. Proctorio zeichnet zudem den Ton- und den Netzwerkverkehr auf.

Proctorio greife zu stark in die Privatsphäre ein

Proctorio stösst bei Studierenden auf Kritik, wie die 'NZZ' (Paywall) bereits vor den aktuellen Problemen Anfang Juni unter dem Titel "Keiner überwacht strenger als die ZHAW" berichtete. Die Gruppe "kriPo" (Kritische Politik Zürich) monierte, die Software greife "zu stark in die Privatsphäre der Studierenden ein". Ausserdem sei sie ein weiterer Stressfaktor während der Prüfung. Andere Zürcher Hochschulen wie die ETH oder die Universität Zürich setzen Proctorio bei Online-Prüfungen nicht ein. Die ETH erklärte, Proctorio sei "fehleranfällig".
Die Zürcher Kantonsrätin Leandra Columberg hat nun zu Proctorio eine parlamentarische Anfrage eingereicht. Sie will vom Regierungsrat unter anderem wissen: "Auf welcher Rechtsgrundlage basiert die Anwendung der Überwachungssoftware? Wurde dies von den entsprechenden Hochschulen vorab sorgfältig abgeklärt?"
Die Kritik der Studierenden und der Politik an Proctorio hat auch die Zürcher Datenschützerin Dominika Blonski auf den Plan gerufen. Es hätten vor dem Einsatz der Software Gespräche mit der ZHAW stattgefunden. Diese seien aber allgemeiner Natur gewesen. "Die Software Proctorio haben wir weder gutgeheissen noch freigegeben", sagte sie der 'NZZ'. Ihr Team schaue sich die Software nun genau an. "Wenn wir dabei feststellen, dass der Einsatz der Software unverhältnismässig ist, könnten wir aufsichtsrechtlich tätig werden und deren Verwendung stoppen."

ZHAW will Prüfungssession evaluieren

Die ZHAW begrüsse das Vorgehen der Datenschützerin, schreibt uns die Hochschule. "Die kantonale Datenschutzbeauftragte hat uns im Rahmen unserer Abklärungen mitgeteilt, dass eine Fernprüfungsaufsicht verhältnismässig sein müsse und die ZHAW dafür verantwortlich sei, dies sicherzustellen." Die ZHAW habe daraufhin ein Reglement "Fernprüfungen in der Lehre" verabschiedet, das den verhältnismässigen Einsatz von Aufsichtsmassnahmen regle. Der Einsatz von Proctorio sei zudem durch den ZHAW-eigenen Datenschutzbeauftragten sowie den ICT-Sicherheitsbeauftragten geprüft und gutgeheissen worden.
Die ZHAW evaluiere die vergangene Prüfungssession nun sorgfältig. "Ob und wenn ja in welchem Umfang zum Beispiel eine digitale Fernprüfungsaufsicht auch in künftigen Semestern an der ZHAW eingesetzt werden wird, kann zum aktuellen Zeitpunkt nicht gesagt werden."

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