Russische Software bei Schweizer Polizeikorps im Einsatz

7. März 2024 um 11:28
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Foto: Nik / Unsplash+

Für die 3D-Darstellung von Tatorten haben Schweizer Ermittler auf eine Software aus Russland zurückgegriffen. Das wirft zahlreiche Fragen auf.

Eine Recherche der 'Tamedia'-Zeitungen (Paywall) zeigt, dass in der Vergangenheit verschiedene Schweizer Polizeikorps eine russische Software für forensische Aufklärungen eingesetzt haben. Einzelne Behörden sollen die Lösung laut Bericht auch heute noch benutzen. Das System mit dem Namen Agisoft Metashape hilft den Ermittlerinnen und Ermittlern vor allem bei der Spurensicherung.
So können Forensiker beispielsweise Verkehrsunfälle oder Verbrechen dreidimensional darstellen. Dazu werden Bilder mit Drohnen oder Spezialkameras aufgenommen und auf dem Computer übereinander gelegt, sodass Tatorte und Unfallschauplätze am Bildschirm in 3D angezeigt werden können.
Neben der Aufklärung von Verbrechen dienen die 3D-Darstellungen den Staatsanwaltschaften vor Gericht auch als Beweismittel. Wer die Anwendung zum Preis von über 1000 Franken erwirbt, bekommt danach kostenlose Updates, schreibt 'Tamedia'. In der Schweiz wurde das Produkt vom Unternehmen Remote Vision in Herisau vertrieben.
Gemäss der Vertriebsgesellschaft ist die Software nicht nur bei den Strafermittlungsbehörden, sondern auch bei Firmen aus der Vermessungs-, Immobilien- und der Baubranche verbreitet. Wie viele Lizenzen er in der Schweiz bereits verkauft hat, wollte der Geschäftsführer nicht verraten.

Verbindung zu Russland

Die Recherchen zeigen, dass Agisoft eng mit Geoscan, dem grössten Drohnenproduzenten Russlands, verbandelt ist. Beide Unternehmen haben demnach denselben russischen Besitzer. Der Drohnenhersteller bezeichnet Agisoft auf seiner eigenen Website denn auch als "unsere Software".
Wie 'Tamedia' weiter herausgefunden hat, steht hinter Geoscan wiederum eine russische Stiftung, die die staatliche Entwicklung von geistigem Eigentum bezweckt. Gemäss eigenen Angaben beteiligte sich die russische Staats­stiftung Innopraktika Ende 2023 mit 10% am Drohnenhersteller.
Dabei zeigt sich, dass das Unternehmen über Verbindungen zu den höchsten russischen Kreisen verfügt. Chefin von Innopraktika ist nämlich Katerina Tichonowa, die Tochter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Wie ihr Vater ist die Tochter von der westlichen Welt mit Sanktionen belegt, auch von der Schweiz.

Ein Sicherheitsrisiko für die Schweiz?

Diese Verflechtungen werfen zahlreiche Fragen für den Einsatz der Software bei den hiesigen Polizeikorps auf. Insbesondere muss man sich fragen, ob deren Verwendung ein Sicherheitsrisiko für die Schweiz darstellt oder ob allenfalls Hintertüren und Trojaner eingebaut wurden.
"Ich kenne die Software nicht und kann die Gefahr nicht einschätzen. Man weiss aber, dass Staaten in Applikationen Hintertüren einbauen oder Sicherheitslücken ausnutzen, um Spionage und Cyberattacken zu orchestrieren", sagte Nationalrat und IT-Unternehmer Gerhard Andrey (Grüne/FR) gegenüber den Zeitungen.
Seine Ansicht teilte auch Erik Schönenberger, Geschäftsführer der Digitalen Gesellschaft: "Ausschliessen kann man eine Backdoor nie", sagte er. Als Möglichkeit zur Minimierung der Risiken nannte Andrey im Bericht offene Quellcodes oder ein Auditrecht beim Lieferanten.

Kantonspolizeien suchen Alternativen

Die Software stand unter anderem bei der Berner Kantonspolizei im Einsatz. Von 2016 bis Mitte 2023 wurde mit dem russischen Programm gearbeitet. Danach machte sich die Behörde "aufgrund des Ukraine-Kriegs" und "Sicherheitsbedenken" auf die Suche nach einer neuen Lösung.
Auch andere Kantonspolizei wollten eine Alternative haben, so zum Beispiel die Kapo St. Gallen, die die Software ebenfalls bis 2023 in Betrieb hatte. Weil man "von der Möglichkeit, dass die Software eventuell zur Verbreitung von Schadsoftware genutzt werden könnte", erfahren habe, sei ein Konkurrenz­produkt beschafft worden, welches erst noch eine bessere Performance biete, heisst es von der Kapo.
Bei der Kantonspolizei Zürich hielt man sich zur Verwendung der Software bedeckt. Man verwende die russische Software nicht, schrieb ein Sprecher auf eine erste Anfrage der Zeitungen. Erst auf Nachfrage räumte er ein, dass die Kapo Zürich die russische Lösung ebenfalls bis ins vergangene Jahr nutzte.

In Basel noch im Einsatz

Noch im Einsatz steht die Software bei der Baselbieter Kantonspolizei. Gegenüber 'Tamedia' erklärte die Behörde, dass das Programm seit dem letzten Jahr "in einer Pilotphase" getestet werde. Die Lösung werde lokal und in einem gesicherten Netzwerk auf einer dafür speziell angeschafften Auswertestation betrieben, heisst es von der Kantonspolizei.
Über die weitere Verwendung von Agisoft bei der Polizei Basel-Landschaft wird in den kommenden Monaten entschieden. Die Berichterstattung dürfte hier so einige Fragen aufwerfen.

Keine allgemeine Sicherheitsgarantie

Agisoft bestreitet, eine besondere Nähe zum russischen Drohnenhersteller Geoscan zu haben. Geoscan sei bloss ein Wiederverkäufer der Agisoft-Produkte, heisst es vom Unternehmen. "Der Erhalt der Unabhängigkeit ist eines unserer Hauptziele seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 2006", verspricht ein Sprecher der Firma. Man sei "bemüht, die genauesten und effizientesten fotogrammetrischen Algorithmen zu entwickeln, die es auf dem Markt gibt", sagt der Sprecher.
Ob das Unternehmen damit die Sicherheitsbedenken in der Schweiz zerstreuen kann, bleibt fraglich. Selbst der Wiederverkäufer aus Herisau sorgt sich darum. Aus diesem Grund habe er den Wechsel auf ein alternatives Produkt bereits eingeleitet, sagte er gegenüber 'Tamedia'. Dazu betonte er aber auch: "Weder von Agisoft noch von anderen Softwareherstellern haben wir allgemeine Sicherheitsgarantien."

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