SCSD 2026: Die Schweiz, ein Land der IT-Mieter

19. Februar 2026 um 13:45
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Bundeskanzler Viktor Rossi an den Swiss Cyber Security Days. Foto: SCSD

Die Swiss Cyber Security Days stellten die digitale Souveränität ins Zentrum. Europa sei eine IT-Kolonie der USA geworden, war zu hören. Es sei aber noch nicht zu spät, um das zu ändern.

Die Eröffnungsrede an den Swiss Cyber Security Days (SCSD) in Bern hielt Bundeskanzler Viktor Rossi. Zum Motto "Digital Sovereignty – The New Frontier" der diesjährigen Ausgabe sagte er: "Die Bundesverwaltung ist abhängig: von externen Anbietern und auch von grossen ausländischen Konzernen." Aber der Bundesrat wolle die digitale Souveränität stärken, sowie "das selbstbestimmte Agieren und Entscheiden von Staaten, Menschen, Unternehmen und Institutionen im digitalen Raum".
Rossi appellierte an die IT-Branche: "Entwickeln Sie Produkte, die austauschbar mit Produkten von anderen Lieferanten sind. Zwar machen Sie sich damit als Firma scheinbar ersetzbar, aber genau das kann für Sie ein strategischer Vorteil und damit ein Businessmodell sein." Das Thema gehe alle an und brauche uns alle: "Die Behörden, die eine grössere Unabhängigkeit der IT-Infrastrukturen vorantreiben und bei Partnern auf die Anliegen pochen; die Unternehmen, die in Forschung und Produkte investieren und diesen Anliegen Rechnung tragen; und die Menschen in unserem Land, die sich bewusster und sicherer im digitalen Raum bewegen", sagte der Bundeskanzler.

Zwei Nationen dominieren die IT-Welt

Bacs-Direktor Florian Schütz schlug im Anschluss in seiner Keynote einen Bogen vom Erfinder des World Wide Web Tim Berners-Lee, den Neunzigern als "Jahrzehnt des freien Internets" über die Snowden-Leaks ins Hier und Jetzt. "Wenn wir heute schauen, haben wir zwei Teile auf der Welt – einen amerikanisch dominierten und einen chinesisch dominierten. Und, wenn wir schauen, was für Policy Tools verwendet werden, ist es vor allem Regulierung, die verwendet wird, um eine Dominanz zu etablieren: die Limitierung von Investitionen aus dem Ausland, die Limitierung von Studienplätzen für ausländische Studierende, Einschränkungen, sodass Produkte schwierig auf dem Markt verkauft werden können."
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Florian Schütz.
Auf den Markt bezogen sagte Schütz: "Wir brauchen, um Wahlfreiheit zu haben, Firmen, die IT- und Cybersecurity-Produkte global vermarkten können." Er höre immer wieder: Europa, Europa, Europa. "Ja, wir sind in Europa. Ich denke, es gibt durchaus Chancen. Wenn wir zum Beispiel die Märkte betrachten, ist Europa der zweitgrösste IT-Markt der Welt." Es reiche aber nicht, "wenn ein Anbieter kommt und sagt, ich habe das tollere Analyse-Tool, das ist einfach besser. Das müsste man dann auch noch zeigen. Denn jemand, der 5 Milliarden investierte, war wahrscheinlich effektiver, als jemand, der eine Million investierte."

Cyberangriffe als grösstes Risiko

Zu digitaler Souveränität gehöre auch die Cybersicherheit. "Das grösste Risiko für die Schweiz, aus meiner Sicht, sind die zunehmenden ökonomischen Schäden durch Cyberangriffe. All die Ransomware-Vorfälle, egal ob man Lösegeld bezahlt oder nicht, führen zu einer Verringerung der Wirtschaftsleistung. Das führt schlussendlich zu einer Verringerung des Bruttoinlandsprodukts, des Wohlstands und zu weniger Investitionen in die Sicherheit." Unternehmen müssten ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Risikopolitik selbst kontrollieren, forderte der Bacs-Direktor.
Von der Schweiz als einem Land der IT-Mietenden sprach SCSD-Programmdirektor Nicolas Mayencourt an der Medienkonferenz. "Wir haben alles digitalisiert, aber auch Infrastrukturen, welche nicht in unserem Sinn betrieben werden. Mit dem Resultat, dass wir heute in einer digitalen Kolonie auf Infrastrukturen weniger hochpotente Anbieter zur Miete leben. Die Miete zahlen wir mehrfach. Wir akzeptieren andere Werte, andere Jurisdiktionen und Narrative." Für den einzelnen Bürger sei das Mieten eine Möglichkeit, für die Schweiz als souveräne Nation jedoch nicht. "Die Mietkonditionen legen nämlich wenige andere fest. Es ist an der Zeit, dies zu ändern."

Regulierungen haben wenig verändert

Das Bild von Europa als eine IT-Kolonie benutzte auch Cristina Caffarra, Vorsitzende der Eurostack Initiative, in ihrer Keynote. Die Stiftung will Technologie, Governance und Finanzierung für europaorientierte Investitionen zusammenführen, um eine Reihe digitaler Infrastrukturen aufzubauen und einzuführen – von Konnektivität über Cloud Computing bis hin zu KI und digitalen Plattformen.

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Cristina Caffarra.
Die Ökonomin verfügt über langjährige Erfahrung in Wettbewerbsverfahren und setzt sich für die Verknüpfung von Kartellrecht, Datenschutz und Wachstum ein. Seit 2010 habe es einige Tech-Verfahren der EU-Kommission gegeben. "Es wurden Entscheidungen in Brüssel getroffen. Gute Entscheidungen. Vor Ort aber hat sich nichts geändert. Gar nichts", konstatierte Caffarra. Die Stellung der Monopole sei nicht geschwächt worden. "Tatsächlich sind diese Konzerne zu intelligent, zu reich, zu mächtig und agieren zu schnell."
Sie hege keinerlei antiamerikanische Ressentiments, stellte Caffarra klar. "Ich bewundere diese Unternehmen. Sie leisten hervorragende Arbeit." Aber: "Was ist in den letzten 20 Jahren geschehen, dass wir uns in diese Abhängigkeit hineinmanövriert haben? Wenn ich mit Technologiezentren und Tech-Unternehmern in ganz Europa spreche – von Amsterdam über Berlin, Paris, Schweden und Kopenhagen –, sehe ich immer wieder erstaunliche Fähigkeiten und Talente. Wir haben Dinge, die die Amerikaner nicht haben. Denken Sie nur an die KI-Revolution, die unmittelbar bevorsteht."

Europäische Nachfrage ankurbeln

Leider sei es aber so, dass diese Fähigkeiten und daraus entstehende Produkte teilweise nicht genutzt würden. Neulich hätte sie bei Digit, der für den Einkauf von Dienstleistungen zuständigen Einheit der EU-Kommission, einen Vortrag vor 400 Softwarentwicklern gehalten. "Ich fragte: Warum verwenden Sie AWS und Microsoft? Antwort: Wenn etwas kaputt geht, drücke ich einen Knopf, dann kann ich eine Zigarette rauchen und Mittagessen gehen. Mal ehrlich, das sind doch Softwareentwickler!"
Um den Kreislauf in Gang zu bringen, müsse die Nachfrage nach europäischen IT-Produkten angekurbelt werden. "Dies ist für Europa im Moment eine existenzielle Frage. Und das Unverzeihliche ist, dass wir uns zurücklehnen und einfach nichts tun. Wir können und müssen es in Angriff nehmen, weil wir absolut keine Alternative haben. Wir müssen die Leute davon überzeugen, europäische Produkte zu kaufen", schloss Caffarra.
Interessenbindung: Inside IT ist Medienpartner der Swiss Cyber Security Days.
2800 Besuchende an den SCSD
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Messe-Bereich der SCSD.
Die siebte Ausgabe der SCSD zählte an zwei Tagen rund 2800 Besuchende in der Bernexpo und über 100 Ausstellende. In einem Punkt seien sich die Expertinnen und Experten einig gewesen: Europa und die Schweiz müssen ihre digitale Souveränität stärken und langfristig sichern. "Wie dieser Weg konkret aussehen soll, darüber wurde engagiert und leidenschaftlich diskutiert. Klar ist: Die Innovationskraft Europas darf nicht ausschliesslich auf der Wertschöpfung nicht europäischer Tech-Unternehmen aufbauen", ziehen die Veranstalter Bilanz. Die nächsten Swiss Cyber Security Days finden am 23. und 24. Februar 2027 statt.

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