Telco-Messe MWC im Schatten des Krieges

3. März 2022, 08:12
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Sailing-Match zwischen CH-Startups und Investoren. Bild: Screenshot

Eine eindrückliche Herde von Schweizer Hightech-Startups präsentiert sich an der vom Krieg überschatteten Mobilfunk-Messe MWC Barcelona.

Die Botschaft auf der Startseite des Mobile World Congress (MWC) ist klar. Der Veranstalter GSMA, weltweiter Organisator der Mobilfunkanbieter, verurteile die russische Invasion der Ukraine, heisst es da. GSMA befolge alle Sanktionen und Regeln und es gebe keinen russischen Pavillion auf der Messe, so die prominent platzierte Mitteilung. Viel zu spüren vom Krieg sei an der Messe aber nicht, so ein Besucher. Es seien lediglich einige ukrainische Fahnen oder entsprechende T-Shirts zu sehen.
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Jordi Monserrat
Wie viele Besucher der Kongress, der sich zu einem der weltweit wichtigsten Tech-Events überhaupt gemausert hatte, dieses Jahr angezogen hat, ist noch nicht klar. Jordi Montserrat, als Mitgründer des Schweizer Startup-Programms Venturelab einer der Aussteller, sagt, der MWC sei noch nicht dort, wo er 2019 vor der Pandemie war. "Doch viele Leute sind hier, es gibt viele Meetings. Es ist ein starkes Zeichen." Montserrat hat recht: Der MWC ist weit mehr als eine Mobilfunkmesse, sondern seit Jahren ein Stelldichein von Telekom-Providern, Start-ups, Risikokapitalisten, Big Tech, Medien und weltweiter Politik.
Venturelab trat zusammen mit zehn Schweizer Start-ups an der Sondershow 4YFN auf. Man hat von früheren, eher peinlichen Auftritten der Schweizer Techszene in Barcelona gelernt. Venturelab veranstaltete am Donnerstag nach der Messe ein Segelrennen zwischen Start-ups und Investoren und die Schweizer Botschaft lud am 1. März zur Swiss Tech Night im sehr schicken Royal Barcelona Yacht Club ein. Leider alles ohne den Schreibenden, der anstatt auf Kosten seiner Steuergelder Cüpli zu schlürfen und mit Startup-Techies und Investoren zu plaudern, zu Hause sein Bett vollschwitzte und dafür nicht mal die Hilfe des Corona-Virus gebraucht hatte.

Klimawandel, Gerechtigkeit für Carrier und ein hartnäckiger Techkonzern

Die grossen Themen des MWC wurden anlässlich der Begrüssungsreden rasch klar. Man verurteilte mehr oder weniger (oder gar nicht – siehe unten) den Krieg und betonte ansonsten, wie viel die Telekommunikation zur Bekämpfung von Klimawandel und Ungleichheit beitragen könne.
GSMA-Generaldirektor Mats Ganryd sagte schon zu Beginn seiner Rede, mobile Technologien würden noch viel zu wenig genützt, um den CO₂-Ausstoss zu reduzieren. Er behauptete, alleine durch den massiven Einsatz von mobiler Telekommunikation in den vier entscheidenden Industrien (Energie, Logistik, Bau und Produktion) könne man 40 Prozent der nötigen CO₂-Reduktion erreichen.
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José Maria Alvarez-Pallete
José Maria Alvarez-Pallete, Chef des grossen Telkos Telefonica und neuer Vorsitzender der GSMA, ging in seiner Keynote auf einen Punkt ein, der die Telko- und Tech-Welt noch länger beschäftigen wird: Gerechtigkeit. Und zwar Gerechtigkeit bei der Last der Verteilung der Kosten der Investitionen in Bandbreite, die aktuell die Telkos alleine tragen. "Wir respektieren alle Player, wollen aber auch Respekt. Die riesige Last der Investitionen sollten fair geteilt werden, sagte Alvarez-Pallete und erntete Applaus. Wie die Vertreter und Vertreterinnen der grossen Content-Schleudern wie Netflix, Google oder Tiktok reagiert haben, wissen wir nicht.
Die drei Vertreter der chinesischen Telkos traten nur per Video auf und blieben auf der technischen Seite. Sie betonten die Errungenschaften ihrer Firmen, das Tempo der Verbreitung von 5G-Infrastrukturen. Zum Krieg in der Ukraine äusserten sie sich – im Gegensatz zu ihren europäischen Kollegen – nicht.
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Guo Ping
Auffallend am diesjährigen MWC ist die starke Präsenz von Huawei. Der chinesische Telekomausrüster war – soweit es von Zürich aus zu beurteilen ist – omnipräsent. Das Ziel der Botschaft ist klar: Huawei ist trotz des Boykotts seitens der USA und ihrer Verbündeten nicht bereit, den europäischen Markt aufzugeben. Der aktuelle CEO des Konzerns, Guo Ping, betonte in seiner Keynote, die ICT-Industrie müsse die Herausforderung der CO₂-Neutralität annehmen. Huawei investiere deshalb massiv in Grundlagenforschung und entwickle neue Technologien. Die Philosophie laute nun "mehr Bit, weniger Watt", sagte Ping. Zum Schluss stellte er die Frage der Fragen gleich selbst: Wird sich Huawei von den internationalen Märkten zurückziehen? Die Antwort sei Nein, sagte er ein bisschen "unchinesisch" emotional.
Dazu kam eine ganze Reihe von Ankündigungen, mit denen der chinesische Tech-Konzern zeigen will, dass mit ihm zu rechnen ist. Dazu gehören eine neue, "grüne" optische Netzwerklösung für Carrier, eine Disaster-Recovery-Lösung für Grossfirmen und Behörden, Updates der Huawei-eigenen Cloud-Fabrics, einen neuen WAN-Router, neue WLAN-Router wie auch energieeffiziente, modulare Rechenzentren. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Heisse Startup-Show

Huawei ist nicht nur als Weltkonzern sichtbar, sondern tritt zusammen mit Swisscom und Vischer, die Anwaltskanzlei supportet das Segelrennen, als Sponsor des Auftritts des Schweizer Startup-Förderers Venturelab auf. Huawei sei kein Risikokapitalist und am Kauf von Start-ups nicht interessiert, sagt Linda di Geronimo, Technical Cooperation Manager bei Huawei Schweiz in einem Video. Doch es könnten sich interessante Zusammenarbeiten ergeben und überhaupt: wenn Start-ups wachsen, könne tendenzielll auch Huawei wachsen.
Das "Line-Up" der zehn aus total 90 ausgewählten Start-ups ist eindrücklich. Wie Montserrat sagt, geht es überhaupt nicht nur darum, potenzielle Kunden zu finden, sondern auch Investoren und Partner treffen und sich mit Peers auszutauschen. In der Tat eignet sich die vibrierende und sehr diverse Atmosphäre am MWC und der dazugehörenden Startupshow 4YFN wie fast kein anderer Ort dazu. Eindrücklich ist die Unterschiedlichkeit der präsenten Start-ups, die allerdings fast alle aus den Forschungsküchen von EPFL und ETH stammen.
Es gibt Nischenprodukte, wie etwa die SaaS-Lösung Adresta, Pathmate Technologies oder Perspective Robotics. Adresta speichert alle Daten über ein Luxusprodukt in einer Blockchain als NFT und macht das Produkt damit nachvollziehbar und handelbarer. Pathmate hat einen Sensor und Chatbot für die Behandlung von Bluthochdruck entwickelt. Perspective wiederum hat mit Fotokite eine Lösung für Blaulichtorganisationen entwickelt. Sie bestehen aus RGB- und Wärmekameras, die auf einer kabelgebundenen Drohne montiert, rundum-Sichten der Lage streamen. Die Firma hat bereits 60 Mitarbeitende.
Näher am Kernthema des MWC sind die Start-ups Imverse, Inergio, Loriot, Sharekey, Technis und Tyxit. Imverse hat ein System für das Streaming von Holografien entwickelt. Inergio entwickelt neuartige Brennstoffzellen für Mobilfunkzellen, Loriot vertreibt bereits weltweit Software zum Bau und Betrieb eines Lora-Netzwerk, das wenig Strom braucht und sich deshalb für IoT-Anwendungen eignet. Sharekey bietet eine sichere, verschlüsselte App für Kommunikation an. Die Lösung von Technis erfasst und analysiert Daten aus Gebäuden und Retail-Stores. Tyxit wiederum hat eine Lösung entwickelt, die die Latenz in Online-Konferenzen so weit reduziert, dass Musiker effektiv zusammen spielen und arbeiten können.
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Remco van Erp
Aus der Menge ragt Corintis heraus. Das Start-up aus der EPFL-Szene hat eine Lösung für die Kühlung von Chips mittels Flüssigkeit innerhalb des Chips entwickelt. Die Kühlung von Computern und Rechenzentren ist einerseits eine zunehmende Herausforderung für Chip- und Computerhersteller und konsumiert anderseits immer mehr Energie. Für Corintis-Gründer Remco van Erp war der Besuch am MWC ein Erfolg. Der Austausch mit anderen Start-ups sei enorm wertvoll. Und ausserdem seien an der Messe Vertreter der Betreiber der grossen Rechenzentren, aber auch der Halbleiterhersteller präsent. Das Thema Energie stünde bei den Cloud-Betreibern wie bei den Chipherstellern zuoberst. Entsprechend sei Corintis auf Interesse gestossen. Er habe interessante Partner für erste Pilotprogramme getroffen, so van Erp.
Interessenbindung: Der Autor wurde von Huawei nach Barcelona eingeladen (Flug Economy und Hotel), konnte den Trip aber nicht antreten. Und berichtete nun zu seinem Leidwesen aus dem Homeoffice.

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