Was steckt hinter der "Überwachungs-Offensive" der SBB?

16. Februar 2023 um 15:34
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Fotos: Timon Studler / Unsplash

Der 'K-Tipp' deckt umfassende Pläne für ein Tracking-System auf Bahnhöfen auf. Das System wurde seit spätestens 2017 aufgebaut, die SBB dementieren Vorwürfe vehement.

Die SBB wollten Kunden an ihren grösseren Bahnhöfen auf Schritt und Tritt vermessen und auswerten. Der Bahnbetrieb plane dazu an 57 Bahnhöfen Überwachungskameras mit Gesichtserkennung zu installieren. Dies schreibt der 'K-Tipp' , der die entsprechende Ausschreibung auf der Plattform Simap entdeckt hat. Ab September wollen die SBB demnach nicht nur die Reisenden auf Schritt und Tritt überwachen, sondern auch ihr Konsumverhalten analysieren.
Laut dem 'Blick' war der Eidgenössische Datenschützer im Herbst von den SBB grob über die Pläne informiert worden – das Ausmass war Adrian Lobsiger aber offenbar nicht bewusst. Er erklärte nun, dass das Projekt ein erhebliches Risiko für die Persönlichkeit der Passantinnen und Passanten darstellen könne und verlangt von den SBB eine Abschätzung der Folgen für den Datenschutz. Diese wollen dem laut eigenem Bekunden nachkommen.

Das Projekt startete schon 2017

Bereits heute betreiben die SBB eine Vielzahl an Kameras in ihren Bahnhöfen. Im November 2021 haben die Bundesbahnen die Analyse der Pendlerströme ausbauen lassen, die Firma Analysis Simulation Engineering (ASE) erhielt dafür über 10 Millionen Franken. Die erhobenen Daten dienten der Messung und Weiterentwicklung der Infrastruktur, hiess es vom Bahnkonzern, der gegenüber inside-it.ch beteuerte: Rückschlüsse auf Einzelpersonen seien nicht möglich. Klar war schon damals, dass die Sensoren die Position von Personen wahrnehmen und ihnen auch eine Identität zuweisen.
2021 hatte die SBB das Personentrackingsystem – wie der Auftrag hiess – bereits an den Bahnhöfen Bern, Basel SBB, Lenzburg und Zürich Hardbrücke betreiben lassen. Sie planten bis zu 70 Standorte mit Sensoren ausstatten zu lassen. Das Projekt reicht aber weiter zurück: Die Firma ASE hatte bereits 2017 einen Auftrag für ein Kundenfrequenzmesssystem (KFMS) erhalten. Der neue Auftrag trägt denselben Namen – mit der Ergänzung "2.0". Hegte die SBB schon 2021 die Idee einer persönlichen Auswertung, trotz gegenteiliger Beteuerung?
Eine SBB-Sprecherin erklärt auf Anfrage, das System laufe seit über 10 Jahren, man halte sich seit jeher an alle Datenschutzbestimmungen. Der Konzern hat nach der Publikation des K-Tipp-Artikels eine Blogbeitrag veröffentlicht. "Fakt ist: Die Daten werden anonymisiert erfasst, und es findet keine Verknüpfung mit Personendaten statt", heisst es dort. Es steht also Aussage gegen Aussage, denn das Konsumentenmagzin schreibt: Die Daten würden unter anderem mit Informationen aus dem "Swisspass" verknüpft, das würde eine Personalisierung voraussetzen – und damit auch die Erkennung eines spezifischen Gesichts mittels künstlicher Intelligenz.

Wie wird das Kaufverhalten analysiert?

Der 'K-Tipp' (Paywall) schreibt weiter: Ab September wollten die SBB das Kaufverhalten von Passanten auswerten. Zu den Informationen zählen unter anderem Alter, Geschlecht, Grösse und Gepäck. Zudem wie lange sie sich im Bahnhof aufhalten, wie sie sich in Läden verhalten und wie viel Geld sie ausgeben. Zugang zu den Informationen sollen laut Projektbeschrieb nicht nur SBB-Mitarbeitende bekommen, sondern auch Ladenbetreiber.
Es seien keine Rückschlüsse auf Personen möglich, der Datenschutz bleibe gewährleistet, beteuert die SBB, es würde nur mit aggregierten Daten gearbeitet. Die Informationen der Laden­kassen würden nur "all­gemein genutzt" , das Einkaufsverhalten nicht mit den Daten des Swiss­pass verknüpft. Und - das ist entscheidend: "Die 'Person-ID' hat nichts mit der Person zu tun, sondern ist eine rein technische Nummerierung".
Wie das Kaufverhalten analysiert wird oder die Daten mit den Kassendaten verknüpft werden, wie das in den Ausschreibungsunterlagen gefordert wird, lässt sich nicht abschliessend beurteilen. Gerade zu letzterem fehlt auch eine Erklärung im Blogbeitrag. Klar ist aber: Das System dürfte sich auf Knopfdruck auf Gesichtserkennung umstellen lassen, denn es muss nicht nur demographische Informationen erkennen, sondern auch Grösse der Person und Blickrichtung. Die SBB täte gut daran, hier technische Details und Schutzmassnahmen zu nennen.
Nun könnte offenbar die Verkehrskommission des Nationalrats aktiv werden. Deren Präsidenten Jon Pult erklärte gegenüber 'Blick': "Es ist sicher nicht wünschenswert, dass sich die SBB an ihren Bahnhöfen wie Google oder Facebook verhalten, Bewegungsprofile von uns allen erstellen und unser Konsumverhalten aufzeichnen." Man verlange Auskunft vom Bahnbetrieb, falls sich die Angelegenheit nicht demnächst aufkläre.

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