Zürcher Schule wollte Hortkinder tracken

5. Juni 2024 um 10:42
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Foto: Unsplash+

Dank Bluetooth-Armbändern sollten Betreuungspersonen jederzeit den Aufenthaltsort von Kindern überwachen können. Der geplante Pilot­betrieb wurde kurz vor dem Start auf Eis gelegt.

Ein Projekt der Primarschule Birmensdorf sorgte für Schlagzeilen: Die Schule wollte im Bereich der Tagesstrukturen eine Tracking-Lösung testen, um jederzeit den Aufenthaltsort von Schülerinnen und Schüler überwachen zu können. Dazu sollten die Kinder im Hort Letten während eines Pilotprojekts ein Bluetooth-Armband tragen, mit dem das Betreuungspersonal abrufen kann, wo sich die Kinder auf dem Schulgelände gerade aufhalten.
Zudem soll das Personal "aktiv informiert" werden, falls sich ein Kind unerlaubterweise vom Gelände entfernt. Besonders erwähnenswert an der ganzen Geschichte, die durch die französischsprachige Zeitung 'Le Temps' (Paywall) aufgedeckt wurde, ist, dass der Technologielieferant für das Trackingsystem gleichzeitig auch der Leiter des Hortes ist. Er hat im letzten Jahr ein Startup mit dem Namen Companion gegründet und das Projekt in Birmensdorf initiiert.
Wie die 'NZZ' (Paywall) schreibt, ist das Signet der Firma auch auf der Mitteilung der Schule abgebildet. Auf Nachfrage sah die Schulpflege von Birmensdorf darin aber keine problematische Verflechtung. So sagte Bettina Köhler, Präsidentin der Schulpflege Birmensdorf, gegenüber der 'NZZ': "Die Verantwortlichen der Tagesstrukturen der Schule Birmensdorf können durch das Pilotprojekt neue Erkenntnisse gewinnen und bieten der Firma gleichzeitig die Möglichkeit, das Produkt mit Fachpersonen zu testen."

Standort auf Tablet

Im Rahmen des Pilotprojekts wollte Companion die Schule mit einem Tablet ausstatten, das eine Übersichtskarte mitsamt allen Aussenräumen anzeigt. So sollte das Betreuungspersonal stets den Überblick haben, wie viele Kinder sich wo aufhalten. Dabei sollte es auch möglich sein, Räume nach einzelnen Kindern zu "filtern" und "wichtige individuelle Informationen zu Lebens­mittel­un­ver­träg­lich­keiten" zu hinterlegen. Das wiederum sollte das Check-in beim Mittagessen vereinfachen.
Der Test an der Primarschule in Birmensdorf hätte am 10. Juni beginnen und bis zu den Sommerferien dauern sollen. Vorgesehen war die Teilnahme für Kinder aus den dritten und vierten Klassen. Dabei wäre es den Eltern überlassen gewesen, ob sie ihre Schützlinge am Projekt teilnehmen lassen wollten oder nicht. Falls nicht, hätten die Kinder allerdings aktiv davon abgemeldet werden müssen.
Zwischen den Sommerferien und den Herbstferien sollte das Projekt dann auf sämtliche Klassen ausgeweitet werden, schreibt die Schule. Danach wäre das Pilotprojekt ausgewertet und über eine definitive Einführung des Systems entschieden worden.

Projekt kurzfristig gestoppt

Wie der 'Tages-Anzeiger' (Paywall) berichtet, hat die Schule nun nach "mehreren Medienberichten und einem Elternabend" das Projekt auf Eis gelegt. Es sei auf reges Interesse gestossen und es habe eine "konstruktive Diskussion zu den Vor- und Nachteilen stattgefunden", schreibt die Schule in einer Medienmitteilung. Aber der Elternabend habe auch gezeigt, dass das Pilotprojekt "in einigen Bereichen gewisse Fragen und Bedenken" auslöse. Deshalb stellen die Verantwortlichen das Projekt nun zurück.

Nur temporäre Datenspeicherung

Companion schreibt auf seiner Website, dass die Daten der Kinder "nur kurzzeitig" und während des Einsatzes der Armbänder gespeichert werden. Eine Archivierung soll es nicht geben. Zudem sei die Lokalisierung der Schülerinnen und Schüler ausschliesslich auf dem Gelände der Schule möglich. Weiter sollen die Armbänder weder personenbezogene Daten speichern, noch Bewegungsprofile der Kinder anlegen.
"Sämtliche verarbeitete Bewegungsdaten sind temporärer Natur und werden jeden Tag gelöscht", versicherte Hortleiter und Companion-Gründer Joel Giger gegenüber der 'NZZ'. Zusätzlich zum Vornamen mit dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens würden einzig allfällige Unverträglichkeiten und die Klasse im Datensystem erfasst. Diese Daten seien in einem separaten Netzwerk verschlüsselt und nicht vom Internet aus erreichbar.
Auf dem Tablet könne lediglich der ungefähre Standort erkannt werden. Dabei gehe es aber allein darum, die Betreuungssicherheit und die Auffindbarkeit der Kinder zu verbessern. Die Zahl der Kinder in schulischen Tagesstrukturen wachse stetig und konfrontiere die Mitarbeitenden mit neuen Heraus­forderungen, sagte Giger. Wenn dann Betreuungspersonen "bis zu zehn Minuten" aufwenden müssen, um ein Kind zu suchen, sei die Betreuung der anderen Kinder nicht mehr gleich gewährleistet.

"Für die Betreuung von Kindern nicht erforderlich"

Sämtliche Schritte bezüglich Planung und Durchführung des Pilotversuchs seien von der Schulpflege unabhängig geprüft und bewilligt worden, erklärte Giger der Zeitung. Dies gelte auch für die Auswertung der Versuchsphase und für einen möglichen Entscheid, das Betreuungskonzept einzuführen. Das Pilotprojekt zur Optimierung der Betreuung habe er auf eigene Kosten entwickeln lassen. Die Schule zahle also nichts.
Der kantonale Datenschutz steht dem Projekt aber dennoch kritisch gegen­über. Sprecher Hans Peter Waltisberg sagte zur 'NZZ', dass eine Daten­be­ar­bei­tung dann verhältnismässig ist, wenn ein "vernünftiges Verhältnis" zwischen dem verfolgten Zweck und der Datenbearbeitung besteht. Dabei stellt er klar: "Eine dauerhafte Lokalisierung von Schülerinnen und Schülern scheint nicht erforderlich für die Betreuung von Kindern."
Update 16:35 Uhr: Information eingefügt, dass das Projekt gestoppt wurde.

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