Exklusiv: Die Jagd auf Sage-Kunden ist eröffnet

22. Dezember 2020 um 14:59
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Während Sage Schweiz für 100 Millionen Franken angepriesen wird, hat das Buhlen um Kunden und Partner begonnen.

Soreco will Sage Schweiz nicht, Axians, Opacc sowie Topal Solutions ebenfalls nicht und Abacus ist schon dabei, einstige Sage-Kunden zum Umstieg zu bewegen. Da fragt sich, wer Sage Schweiz mit den drei KMU-ERP-Produkten Sage Start (ehemals Winway), Sage 50 (ehemals Sesam) und Sage 200 (ehemals Simultan) denn überhaupt kaufen will.
Gelassen reagieren jedenfalls die Nutzer von Sage 200 wie Opacc. Dort erwartet man lediglich, dass ein potentieller Käufer Software-Kompetenz mitbringt. Anders sieht es bei den allgemein immer wieder als Legacy-Systeme beschrieben kleineren ERP-Paketen aus. So stehen in Sachen Sage 50 die Konkurrenten in den Startlöchern, um die Sage-Treuhänder zum Umstieg zu bewegen. Sage Start betrachten wir hier nicht näher, doch ist offensichtlich, dass Player wie Bexio, Klara, Swiss21.org und Co. die grossen Profiteure der Ungewissheit über die Zukunft der Kleinfirmen-Lösung von Sage sein werden.
Was soll Sage Schweiz kosten? Dem uns vorliegenden Verkaufsprospekt der M&A-Abteilung der französischen Bank Rothschild & Co ist jedenfalls kein Preisschild angehängt, auch wenn im Markt herumgeboten wird, dass der britische Software-Konzern etwa 100 Millionen Franken verlange und damit mehr als das 10-fache des EBITDAs (Gewinn vor Steuern, Abschreibungen, Zinsen und Wertberichtigungen).
Als potentielle Käufer der laut seiner Meinung "drei Legacy-Produkte mit wenig Zukunftsaussichten" nennt unser Kolumnist Urs Prantl mehrere Varianten. Ein Finanzinvestor oder strategischer Partner könnten einsteigen oder Sage-Partner könnten sich für den Kauf zusammentun. Prantl spricht von einer Europa3000-Lösung. Nur indirekt erwähnt er die Möglichkeit, dass ein ausländischer ERP-Anbieter, der hierzulande nicht oder kaum im Markt präsent ist wie die tschechische Firma Abra interessiert sein könnte.
Welche Variante sich zu welchem Preis durchsetzt, mag unklar sein, Prantl ist sich aber sicher, dass der Verkauf wie geplant zum Ende des Geschäftsjahres 2021 (30. September) über die Bühnen gegangen sein wird.
Es verwundert jedenfalls wenig, wenn Sage-Schweiz-Chef Thomas Hersche das Unternehmen recht positiv darstellt. So hat er schon unsere erste, unter dem Queen-Song-Titel "Another One Bites the Dust" erfolgte Analyse zum Verkauf, mit recht guten Zahlen kommentiert: "Bei den Software-Subskriptionsangeboten stieg der Umsatz im Geschäftsjahr 2020 um 14% gegenüber Vorjahr. Das höchste Wachstum bei den lokalen Produkten verzeichnet Sage Start mit 27%, gefolgt von Sage 200 Extra mit 25% und Sage 50 Extra mit 12%". Laut Hersche biete sich angesichts dieser Resultate für die Zukunft von Sage denn auch viel mehr der Queen-Song "The Show Must Go On" an.
Wie aber soll "die Show weitergehen"? Abacus ist schon auf Werbetour bei Sage-Kunden, ähnlich will Topal Solutions vorgehen. Soreco wie Axians zeigen sich gegenüber inside-channels.ch nicht interessiert und Opacc sieht gelassen in die Zukunft, will allenfalls eine internationale Alternative prüfen. Doch der Reihe nach.

Abacus

Kein Interesse am Kauf scheint ERP-Branchenprimus Abacus zu haben, der wohl als einziger Schweizer Anbieter die ganze Bandbreite der drei zum Verkauf stehenden Sage-Produkte abdecken könnte. Nahegelegt wird das Desinteresse, durch ein der Redaktion vorliegendes ziemlich aggressives Werbeschreiben an die Treuhänder, die (noch) Sage nutzen.
Mit hohen Rabatten von 60% auf den erstmaligen Lizenzverkauf und dem Entfallen der Wartungsgebühren für ein Jahr locken die St. Galler die Schweizer Treuhänder zum Umstieg. Adressiert werden in dem Brief, "ausschliesslich Treuhandunternehmen mit Sage". Weiter betonen die St. Galler, dass den Treuhändern bis zum 31. Mai 2021 kostenlos eine Migrationsschnittstelle zur Verfügung steht.
Konkret geht es wohl insbesondere um die Ablösung von Sage 50 durch AbaNinja respektive AbaWeb, die bisher schon von insgesamt 1300 Treuhändern genutzt werden, wie Abacus auf seiner Webseite ausweist. Dass bei Sage noch Kunden zu gewinnen sind, ist dem uns vorliegenden Verkaufs-Prospekt zu entnehmen, der immerhin "mehr als 2400 Treuhänder" als Kunden der angepriesenen "leading Swiss ERP and HCM software platform" nennt.

Topal Solutions

Dass der Kundenstamm auch für Topal Solutions interessant ist, unterstreicht Moritz Bättig, der seit gut einem Jahr in der Geschäftsleitung sitzt und bis 2018 zehn Jahre lang für Sage Schweiz unter anderem die Produktentwicklung und -vermarktung von Sage 50 verantwortet hat. "Topal bietet den noch auf Sage setzenden Treuhändern zusammen mit seinen Partnern ein attraktives Angebot für den Umstieg an, wovon erste Treuhänder bereits profitiert haben", erklärt er auf Anfrage.
Er betont insbesondere, dass Topal zu den ganz wenigen ERP-Anbietern gehöre, die einen Sage-Migrationspfad anbieten und so den Umstieg der Treuhänder sehr einfach ermöglichen könne.
Nach möglichen Käufern gefragt, gibt sich Bättig zugeknöpft und weist lediglich darauf hin, dass das hiesige ERP-Business als Verdrängungsmarkt funktioniere, der bisher von Abacus und Sage dominiert worden sei. Deshalb sei ja das Interesse an der Kundenbasis, die mit Sage 50 adressiert werde, gross.

Axians

Eindeutig kein Interesse am Sage-Kauf äussert Stefano Camuso, der seit  Februar 2020 die Schweizer ICT- und Automatisierungstöchter Axians und Actemium der französischen Vinci Energies leitet. Er verweist auf seine Kollegen Urs Röthlisberger, der die Post-Merger-Integration von Ruf Informatik (heute Axians Ruf) in Vinci Energies durchgeführt hat und heute die gesamte "Business Area Public Software" in der DACH-Region verantwortet.
Röthlisberger hält fest, dass man zwar sehr wohl Unternehmen zukaufe, wie zuletzt die Übernahme der Firma Müllerchur gezeigt habe. Allerdings geschehe das nur mit einem klaren Fokus auf die öffentliche Verwaltung, wie er in einem kurzen Telefonat erläutert. "In diesem Sektor treffen wir auf keine Kunden die Sage im Einsatz haben", schiebt er nach. Ansonsten masse er sich zum Verkauf von Sage kein Urteil an.

Soreco

Auch Walter Wyss, Marketing- und Verkaufschef in der Geschäftsleitung von Soreco, winkt ab, bei der Frage, ob man das Schweizer-Business des britischen Konzerns übernehme. "Wir sind weder kontaktiert worden, noch sind wir interessiert", hält er im Gespräch fest. Soreco habe zwar immer schon insbesondere Sage 200 integriert, aber auch Abacus-, SAP- oder Microsoft-Lösungen. Wie alle anderen Gesprächspartner verweist auch Wyss auf die zum Verkauf stehenden Legacy-Systeme, die für Soreco als Software-Haus wenig attraktiv seien.
Statt einen Kauf zu evaluieren widme sich Soreco lieber den konkreten Aufgaben, die derzeit akut sind. Dies seien zum Beispiel die Standardisierungen für das elektronischen Lohnmeldeverfahren (ELM5) oder die elektronische Übermittlung von Leistungsdaten (KLE), so Wyss weiter. Dass man vom Sage-Verkauf profitieren könnte, streitet Wyss nicht ab, denn Sage-200-Partner wie Opacc oder Informing müssten sich fragen, welche FiBu sie künftig nutzen werden. Jedenfalls könne Soreco hier mit ihrer Xpert.Line eine Alternative bieten, fügt er an.

Opacc

Bei Opacc selbst gibt man sich gelassen. Beat Bussmann, Gründer und CEO der Rothenburger Software-Schmiede, sieht sich nirgends zum Handeln gedrängt. Ohnehin umfasse die hiesige Sage-200-Community nur wenige hundert Unternehmen. Aber auch er ist sicher, dass sich ein Käufer findet und hofft dabei, dass es einer sein wird, der einen Fokus auf die Software hat. Sage habe sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem Finanzunternehmen entwickelt, einen Wandel würde er daher begrüssen.
Falls der Fokus auf Software keine Priorität mehr habe, werde Opacc eine internationale Alternative prüfen so, Bussmann weiter. Auf die Frage, ob Opacc als Mitglied des seit Anfang 2019 bestehenden Sage-Beirates in der Schweiz konkretere Angaben zum Verkauf machen könne, antworten Bussmann nur: "Ich habe nichts gehört und bin auch nicht kontaktiert worden".

Hinweis: Ready for 2021?

Ist die Schweizer ICT-Branche gewappnet für die Herausforderungen von 2021? Top-Player diskutieren am 28.1.2021 am Inside Channels Forum Pre-Event. Mit Ralph Meyer (Business IT), Ana Campos (Trivadis), Stephan Mahler (ProCloud) und Pascal Schmid.
28.1.2021. 16 bis 18 Uhr. Online.

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