Von Hensch zu Mensch: Aluhüte mitten unter uns

9. Juni 2020 um 08:48
  • kolumne
  • coronavirus
  • insideit
  • Von Hensch zu Mensch
image

Nerds haben einen starken Hang zu Verschwörungstheorien. Und sind deren grösste Entlarver. Grund genug, diesem Phänomen hier auf den Grund zu gehen.

Die Corona-Pandemie hat einem Begriff zu neuer Popularität verholfen, der schon bisher immer mal wieder zu Ehren kam: Ich spreche von der Verschwörungstheorie. Diese hatte schon mal eine hohe Zeit im Nachgang zu den 9-11-Ereignissen, aber es gibt sie auch als Evergreen (wenn nicht gar Phänomen der Popkultur), z.B bei den Aliens von der Area 51. Allerdings hat mit der Corona-Pandemie erstmals eine Verschwörungstheorie sozusagen die Mitte der Gesellschaft erreicht. Die Wirkungsmacht der Corona-Verschwörungstheorie kann man nicht nur an zahlreichen Medienbeiträgen messen, sondern auch daran, dass es tatsächlich Menschen gibt, die unter Berufung darauf auf dem Sechseläutenplatz in Zürich demonstrieren. Man erkennt sie unter anderem daran, dass sie zum Schutz vor Handy-Strahlung Aluhüte tragen.

Konspirativ und schädlich

Was braucht es, damit eine Verschwörungstheorie entsteht? Zwei Faktoren sind nötig: Einerseits ein Ereignis oder eine Krise, die als ernsthafte Bedrohung oder Ungerechtigkeit wahrgenommen wird. Und andererseits der Eindruck, dass die herkömmlichen Lösungen nicht funktionieren oder falsch sind. In dieser Situation erklärt die Verschwörungstheorie, dass die Krise durch das konspirative Wirken von verborgenen, aber mächtigen Akteuren mit schädlichen Zielen verursacht wird.
Nehmen wir als konkretes Beispiel die meist verbreitete Corona-Verschwörungstheorie: Die Multimilliardäre Bill und Melinda Gates haben das Coronavirus in einem Labor in Wuhan erschaffen, um die Welt zu regieren und die Menschheit durch Zwangsimpfungen zu kontrollieren. Sie benutzen die WHO als Werkzeug und machen zur besseren Durchsetzung die Menschen mit 5G-Technologie gefügig.
Was macht nun diese doch eher hirnrissige These so anziehend für viele Menschen? Nun, das Virus ist zweifellos eine bedrohliche Realität. Sie ist für uns sehr schwer zu verstehen, da das Virus unsichtbar und seine Ausbreitung unberechenbar ist. Das Bedürfnis nach Erklärung ist riesig, doch die rationalen Erklärungen von offiziellen Stellen sind weder hilfreich noch besonders glaubwürdig. Wissenschafter widersprechen sich gegenseitig und ändern laufend ihre Meinung. Dies verunsichert enorm, obwohl es doch das einzig Richtige ist: Wissenschaft beruht ja darauf, Hypothesen zu formulieren, zu prüfen, zu bestätigen oder zu verwerfen und dann zu optimieren. Gerade bei einem unbekannten Virus ist nachvollziehbar, dass die Bandbreite der wissenschaftlichen Hypothesen sehr gross ist.

Befehl und Gegenbefehl

Aufgrund der drängenden Aktualität schwappt nun dieser bewährte und unerlässliche "innerwissenschaftliche" Diskurs – von clickdurstigen Medien noch befeuert – auf den verunsicherten Normalbürger über. Dieser nimmt ein ständiges Hüst und Hott wahr, die Anweisungen und Anleitungen der Behörden verändern sich ständig und sind teilweise widersprüchlich – man denke da nur an die Diskussion um den Einsatz von Gesichtsmasken. All dies führt zu einem Gefühl völliger Verwirrung und absoluter Hilflosigkeit. Massiv verstärkt wird der emotionale Druck durch den als bedrohliche Freiheitsberaubung empfundenen Lockdown. Da geht es doch nicht mit rechten Dingen zu!

Die einfache Lösung

Hier nun bietet die Verschwörungstheorie ein einfache Erklärung an. Um zu wirken, muss sie natürlich auf die Zielpersonen abgestimmt sein. Es dürfte heute schwerfallen, Menschen in Europa davon zu überzeugen, dass eine protoreligiöse Geheimgesellschaft – die Illuminaten – hinter allem steckt. Da muss doch was Plausibleres her: Im Internetzeitalter bietet sich da ein steinreicher IT-Unternehmer geradezu an, der sich tatsächlich intensiv mit Gesundheitsfragen befasst und dafür Milliardenbeiträge spendet. Das macht er doch sicher nicht ohne Hintergedanken!
Diese Verschwörungstheorie ist einigermassen gut konstruiert, da sie auf zahlreichen objektiv nachprüfbaren Fakten beruht und unsere Leichtgläubigkeit nicht allzu stark strapaziert. Sie trifft auch auf die Prädisposition vieler Menschen, für welche die einfache Gleichung von reich = mächtig = böse gilt.
Dies erklärt wohl die bisher nicht dagewesene Breitenwirkung einer Verschwörungstheorie. Vor allem im Vergleich zu exotischeren Theorien wie die Erde als Scheibe, Chemtrails oder gar Reptiloide, obwohl auch sie in unseren Breitengraden durchaus einzelne Anhänger finden, von den USA ganz zu schweigen.

Die finsteren Mächte

Wenn wir uns auf die Suche nach den Hintermännern von Verschwörungstheorien machen, begeben wir uns auf schlüpfriges Terrain. Denn wir sind dann selbst in Gefahr, zu Verschwörungstheoretikern zu werden, die hinter einem unheimlichen Phänomen eine dunkle Macht vermuten. Deshalb bleiben wir auf dem Boden der Realität und analysieren nüchtern, wem Verschwörungstheorien nützen (Cui bono?) und wer sich an ihrer Verbreitung aktiv beteiligt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es Gruppen sind, welche daran Interesse haben, unsere Gesellschaft zu destabilisieren. Das geht je nach Verschwörungstheorie von Internettrolls über Rechtsextreme bis zu Endzeit-Fanatikern. Bei Corona sind sie wohl alle mit Begeisterung dabei.

Grund zur Paranoia?

Die Verschwörungstheorie wirkt nach dem Motto: Es gibt für jedes Problem eine Lösung: klar, einfach, eingängig … und falsch. Was aber sorgt dafür, dass jemand für Verschwörungstheorien empfänglich wird? Es gibt meines Erachtens drei Kriterien, die ins Gewicht fallen: Erstens Ferne zu Bildung und Wissenschaft, zweitens mangelnde Integration und Akzeptanz in der "breiten" Gesellschaft und drittens das Gefühl der Machtlosigkeit und des sozialen oder materiellen Abgehängtseins.
Zum Glück steht unser Land in all diesen Bereichen vergleichsweise gut bis sehr gut da. Daher bin ich trotz der Demonstrationen in unseren Städten optimistisch, dass die Schweiz insgesamt gegenüber Verschwörungstheorien resistent bleibt.
Ist der Corona-Spuk erst vorbei, ziehen sich die Aluhütler von allein wieder dorthin zurück, wo sie hingehören: in die Erdlöcher der Reptiloiden, wo die Regierung bekanntlich medizinische Experimente an Aliens durchführt.
Jean-Marc Hensch ist seit 2012 Kolumnist von inside-it.ch und inside-channels.ch. Als Verwaltungsrat, Startup-Investor und Coach ist er in der ICT- sowie in weiteren Branchen engagiert. Er äussert hier seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.

Loading

Mehr zum Thema

image

Parldigi direkt: Die Bratwürste nicht vergessen

Digitalisieren lässt sich fast alles, aber nicht alles wird dadurch besser. Beim Unterschriftensammeln ist E-Collecting Pflicht, denn es vermiest den Fälschern das Geschäft. E-Voting bleibt die heikle Kür. Unbedingt fördern sollten wir echte Begegnungen und Austausch.

publiziert am 1.7.2026
image

Code & Paragraphen: Wäre KI der gerechtere Richter?

Kolumnist Sven Kohlmeier plädiert für menschliche Entscheidungen in Strafverfahren. Bei zivilrechtlichen Fällen sieht er für KI hingegen durchaus ein Potenzial.

publiziert am 26.6.2026
image

Schlicht und einfach: Das Ende des Wilden Westens

Die Softwareentwicklung bekommt mit regulatorischen Vorgaben neue Leitplanken gesteckt. Sheriffs übernehmen die Kontrolle im Wilden Westen, meint Kolumnist Markus Schlichting.

publiziert am 19.6.2026
image

Von Hensch zu Mensch: 60 IT-Stellen weg. Na und?

Die Post schweigt zum Stellenabbau in der IT. Kolumnist Jean-Marc Hensch ist verwundert über die seltsame Stille eines Unternehmens, das uns alle kennt.

publiziert am 12.6.2026