In den letzten zwei Jahren sind hunderttausende neuer Glasfaseranschlüsse in Betrieb gegangen, aber ebenso viele sind nach wie vor blockiert – weil sie illegal gebaut worden sind. Darob verzweifeln viele, und doch passiert wenig. Den Grund kennt Fredy Künzler, der Gründer und Chef des Internet-Providers Init7. Er wird nicht müde, die Praktiken des Marktführers Swisscom zu kritisieren und sich für faire Internetanschlüsse einzusetzen. Dafür wurde er 2024 unter anderem mit dem "Pioneer des Jahres", damals noch unter dem Namen "The Pascal", ausgezeichnet, was ihn anfänglich überfordert hat, wie er im Interview sagt.
Inside IT: Welche Bedeutung hat die Auszeichnung "Pioneer des Jahres" für Sie?
Fredy Künzler: Der Award honoriert unseren jahrelangen Kampf für ein offenes und faires Internet.
Die Herausforderungen sind zahllos. Der Incumbent tut alles Legale und auch manches Illegale, um innovative alternative Telekommunikationsunternehmungen der Schweiz zu bremsen und zu behindern. Der Glasfaserstreit ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Am liebsten wäre es der Ex-Monopolistin, wenn alle anderen ihre vorkonfektionierten BBCS (Broadband Connectivity Services) resellen würden. Das tun die meisten anderen auch schön brav.
Innovations-Wettbewerb jedoch sieht anders aus, und um diesen überhaupt zu ermöglichen, mussten wir den langen Weg durch die Instanzen gehen: Wettbewerbskommission, Bundesverwaltungsgericht, Bundesgericht. Dank des Erfolgs im Glasfaserstreit gibt es heute unser 25-Gigabit-Internet fast überall, wo es FTTH-Glasfaser gibt. Aber nicht nur: Wir haben auch Business-Services wie Ethernet7, ein Carrier-Ethernet-Produkt, das bis jüngst nur bei Swisscom zu haben war – mit schmürzeliger Bandbreite zum Premium-Preis. Der Sieg im Glasfaserstreit ist deshalb ein Sieg der Innovation der Schweiz über die Verhinderer und Bremser. Swisscom wollte und will diese Innovation nicht, weil Innovation kostet. Und gefährdet damit Rendite, Dividende und Bonus. Der Kampf ist noch nicht ausgestanden, die meisten Verfahren sind nach wie vor bei der einen oder anderen Instanz hängig.
Mit welchem Gefühl sind Sie damals auf die Bühne gegangen?
Mit Freude, Aufregung und auch ein bisschen Nervosität. Anfänglich, nach der Nomination, war ich etwas überfordert. Aber unser Marketingteam war der Meinung, dass ich diesen Preis verdient hätte und deshalb haben wir fürs Publikums-Voting eine Social-Media-Kampagne gemacht.
Den Abend konnte ich dann mit meinen engsten Vertrauten bei Init7 feiern. Das war eine schöne Anerkennung für all die Jahre Arbeit, aber noch mehr für all die Jahre Unsicherheit. Denn ein juristisches Verfahren erfordert vor allem eines: Geduld. Denn es dauert Jahre, und meistens kommt ein Urteil oder eine Verfügung zum denkbar dümmsten Zeitpunkt, wenn man mit anderen Themen absorbiert ist.
Was war die schönste Reaktion nach der Preisverleihung?
Ich erhielt natürlich unzählige Glückwünsche und Gratulationen, kann aber keine Reaktion speziell herausheben. Der Award ist für mich eher so eine externe Bestätigung, dass der lange Kampf für Gerechtigkeit in der Internet-Industrie nicht vergeblich war und ich auf dem richtigen Weg bin. Eine wichtige Ermutigung, nicht aufzugeben und immer weiter zu gehen.
Konnten Sie durch die Auszeichnung etwas erreichen, das sonst schwieriger gewesen wäre?
Mein Ruf in der Branche hat sich akzentuiert. Entweder ist man gleicher Meinung und unterstützt unser Tun moralisch, oder man hasst mich von ganzem Herzen.
Man darf nicht vergessen: Nach wie vor ist eine sechsstellige Zahl von gebauten FTTH-Anschlüssen nicht vermarktbar, weil die Bauweise von Weko und Gerichten als illegal erklärt worden ist. Selbst wenn im Urteil steht, dass Swisscom diese Anschlüsse "vorsätzlich" und "wider besseres Wissen" illegal gebaut hat, machen doch einige mich oder Init7 dafür verantwortlich, dass sie kein Glasfaser-Abonnement abschliessen können und weiterhin mit einer langsamen Kupferleitung vorliebnehmen müssen. Swisscom alloziert viel zu wenig Ressourcen für die Legalisierung dieser Anschlüsse.
Ich bin selbst auch von einem blockierten Anschluss betroffen. In meiner Ferienwohnung im Bündnerland wurde 2021 Glasfaser installiert, aber eben illegal, obwohl der Entscheid der Weko zu jenem Zeitpunkt bereits bekannt war. Seither, also schon seit mehr als fünf Jahren, passiert einfach nichts – und das ist nur ein Beispiel von einer Vielzahl an vergleichbaren Fällen. Wir werden immer wieder kontaktiert von Möchtegern-Kunden, die ihre unnütze Glasfaserinstallation im Keller betrachten und darob verzweifeln. Vermutlich muss man die Swisscom mit einer Reihe von Klagen auf Vertragserfüllung eindecken, damit sich die Verantwortlichen endlich bewegen.
Sie werden sicher nicht müde, die Digitalisierung der Schweiz weiter voran zu treiben. Möchten Sie ein Projekt hervorheben, das Ihnen derzeit besonders wichtig ist?
An der Preisverleihung trug ich ein T-Shirt mit der Aufschrift "Your AI runs in my network". Denn Digitalisierung kann nur dann stattfinden, wenn die darunter liegende Infrastruktur tauglich ist. In der Schweiz sind wir noch nicht überall so weit.
Die Zahl der Glasfaseranschlüsse wächst zwar, aber insbesondere strukturschwache Gegenden können vorderhand nur warten und hoffen. Man müsste in Bundesbern zur Einsicht gelangen, dass FTTH kein "nice-to-have" ist, sondern eine Notwendigkeit. Glasfaser braucht ein "Service public"-Verständnis. Jeder Haushalt und jede Gewerbeliegenschaft in der Schweiz sollte in einigen Jahren Anspruch auf FTTH haben. Auf dieser Glasfaser soll dann aber maximaler Wettbewerb herrschen – sowohl in Technologie und Innovation wie auch beim Preis. Das ist nur dann möglich, wenn Vorleistung für alle zugänglich und fair bepreist ist. Daran arbeite ich kontinuierlich weiter – denn wer weiss schon, welche Technologie uns in der nächsten Dekade beschäftigen wird? Sicher ist nur, dass künftige Technologien vernetzt sein werden.
Wer kommt Ihnen aus Ihrer Karriere spontan in den Sinn, die oder der den Preis damals verdient hätte? Warum?
Tobi Oetiker. Er hat die Open Source Tools
MRTG (Multi Router Traffic Grapher) und
RRDtool geschrieben, die bei praktisch jedem Internet Provider auf der ganzen Welt im Einsatz sind. Die allererste Version 1.0 von MRTG erschien vor über 30 Jahren, am 23. Juni 1995.
Wer ist für Sie der Pioneer des Jahres 2026? Wer prägt die digitale Schweiz wirklich?
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