Die andere Sicht: Gefressen werden oder gefressen werden

6. Oktober 2023 um 06:23
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Inside-IT-Mitgründer und Buchautor Christoph Hugenschmidt.

In der Szene der Schweizer Standard-Business-Softwarehersteller ist kein Stein auf dem anderen geblieben, schreibt Inside-IT-Mitgründer und Buchautor Christoph Hugenschmidt in einem Gastbeitrag.

Standard-Business-Software zu entwickeln und zu verkaufen ist ungeheuer lukrativ. Anders als zum Beispiel bei Bürosoftware wie Excel oder Teams ist der Markt geschützt, da nationale Eigenheiten wie Gesetze, Sprache und das Finanzwesen von Land zu Land unterschiedlich sind. Und die Kunden sind ungeheuer treu. Kein Wunder, denn Business-Software deckt den Kern jedes Unternehmens ab und lässt sich nur schwer austauschen. Und so zahlen Abertausende von Unternehmen brav monatliche Mietgebühren und/oder Wartungsgebühren, schlucken Preiserhöhungen und nehmen es jahrelang hin, wenn "ihre" Software nicht mehr up-to-date ist.
Entsprechend attraktiv sind Hersteller von Business-Software für ihre Gründer und (selten) Gründerinnen. Hat man einmal einen gewissen Marktanteil erreicht, so lässt sich gut – sehr gut – von den regelmässigen Erträgen leben. Und hat man keine Lust mehr, sich die Plagerei mit dem Business anzutun und möchte sich doch endlich die Yacht im Mittelmeer leisten, so kann man den "Laden" verkaufen. Und genau dies ist in den letzten fünf Jahren erstaunlich häufig passiert – rund 60 kleine, mittlere oder auch grosse Schweizer Software-Firmen sind verkauft worden. Die erzielten Preise sind gigantisch: Avaloq kostete 2,2 Milliarden Dollar und auch die kleine Bexio ging für angeblich 115 Millionen Franken über den Ladentisch.

Seit 2017 wurden knapp 60 Schweizer Software-Firmen verkauft

Will man eine Software-Firma verkaufen, so hat man die Wahl: Man kann versuchen, sie den Mitarbeitenden zu verkaufen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn Mitarbeitende sind meistens nicht in der Lage, einen "Marktpreis" zu bezahlen. Der Verkäufer müsste also auf Geld verzichten. Oder man kann eine Firma suchen, die sich in einem ähnlichen Markt bewegt und die mit dem Kauf ihre Position im Markt verbessern könnte. Auch in diesem Fall muss der Besitzer vielleicht auf Geld verzichten, denn ein Käufer, der eine industrielle Logik verfolgt, hat nicht beliebig Mittel. Er möchte ja in die Weiterentwicklung der gekauften Software investieren. Ganz selten findet man auch eine Grossfirma, die ihr Portfolio ausbauen will. Ein Beispiel dafür ist der Kauf von Avaloq durch NEC oder dann die Übernahmen von Software-Häusern durch Bechtle. Wer Glück hat, kann seine Firma auch an einen Player wie die Post verkaufen, die mit massiven Zukäufen versucht, ein neues Geschäftsfeld aufzubauen.
Die meisten Besitzer wollen aber nicht auf Geld verzichten und verkaufen ihre Firma an den Meistbietenden. Und das ist oft eine Beteiligungsfirma (englisch Private Equity) oder bösartig ausgedrückt: eine Heuschrecke. Der Begriff wird dem ehemaligen deutschen Minister für Arbeit und Soziales, Franz Müntefering, zugeschrieben. Von den knapp 60 seit 2017 verkauften Schweizer Software-Firmen wurden weit über ein Drittel, nämlich 24, an eine Beteiligungsfirma verkauft. Der Verkauf an eine "Heuschrecke" ist für Mitarbeitende und Kunden leider oft keine positive Entwicklung. Denn der neue Besitzer will sein Investment meistens rasch und mit hohem Gewinn zurück haben. Er möchte die gekaufte Firma entweder an die Börse bringen oder dann weiter verkaufen. Deshalb muss der ausgewiesene Gewinn auf Teufel komm raus erhöht werden. Das ist bei einem Hersteller von Standard-Software nicht so schwierig: Man kann ziemlich straflos die Preise erhöhen oder die (Entwicklungs-)Kosten senken oder beides. Es gibt auch Beteiligungsfirmen, die eine "Buy and Hold"-Strategie haben. So verspricht etwa die kanadische Volaris-Group, die 2017 die ziemlich erfolgreiche BBT (Software für Krankenkassen) übernommen hat: "Die Volaris Group kauft Software-Unternehmen und hält sie für immer." Doch auch Volaris will regelmässige, hohe Erträge denn ihre Mutterfirma ist an der Börse von Toronto kotiert.

Wer sich an Beteiligungsfirmen verkauft, verliert an Relevanz im Markt

Nicht selten haben Schweizer Software-Firmen, die an Beteiligungsfirmen verkauft wurden, Marktanteile und Relevanz im Schweizer Markt verloren. Erinnern sie sich an Sesam? Sesam war einst eine echte Gefahr für die heutige Nummer 1 im Markt, Abacus. Denn Sesam brachte lang vor Abacus eine Windows-fähige Version und wurde dafür weitherum gelobt. Wenig später, 1999, verkauften die Gründer Sesam an den britischen Sage-Konzern. Dieser hat das Unternehmen nach vielen Irrungen und Wirrungen dann 2021 an Infoniqa verscherbelt. Infoniqa gehört Warburg Pincus und Elveston. Sesam, einst ein ernstzunehmender Player im Schweiz-KMU-Markt, wurde x-mal umgetauft und heisst heute Infoniqa One 50. Die Software gibt es durchaus noch, hat aber massiv Marktanteile verloren. Wirklich relevant ist sie im Schweizer Markt nicht mehr. Leider nur ein Beispiel von vielen. Das ist schlecht für die Kunden, die Mitarbeitenden und die Industrie.
Quelle und Methode: Für diese Story habe ich das Archiv von Inside IT abgeklappert und alle Übernahmen von Software-Firmen nach vier Kategorien (Heuschrecke, Industrielle Logik, Weltfirma, Digitaliserungskrücke) sortiert. Herausgekommen sind die oben genannten Zahlen. Der Text widerspiegelt die persönliche Meinung des Autoren.

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