DSI Insights: Dank KI passt Gott in die Hosentasche

20. Februar 2026 um 08:00
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Beth Singler. Foto: zVg

Chatbots können religiöse Erfahrungen auslösen und zur Entstehung neuer religiöser Bewegungen beitragen – sowohl gewollt als auch ungewollt.

Es gibt Apps für alles. Apps, die Ihnen dabei helfen, neue Sprachen zu lernen, Sport zu treiben, daran zu denken, genug Wasser zu trinken, und mit Ihnen und für Sie zu beten. Letzteres mag für manche überraschend sein, aber die Schnittstelle zwischen Spiritualität und digitaler Technologie, oder "digitaler Religion", wird seit Jahrzehnten erforscht.
In diesem Forschungsfeld wird untersucht, wie mit dem Aufkommen neuer digitaler Plattformen und ihrer zunehmenden Verbreitung auch religiöse Anwendungen entstehen und diese damit Teil des spirituellen Lebens von Menschen auf der ganzen Welt werden. Religiöse Apps sind für viele Menschen attraktiv.

Jugendpastor in der Hosentasche

Ein gutes Beispiel hierfür ist die neue App "Creed". Sie wirbt damit, mit ihr sowohl einen besten Freund als auch einen Jugendpastor in der Hosentasche dabei haben zu können. Aufgrund seines niedlichen Lamm-Avatars wird schnell klar, warum "Creed" von seinen Entwicklerinnen und Entwicklern als "Tamagotchi meets Duolingo" für Christen beschrieben wird. Nebst "Creed" gibt es viele weitere religiöse Apps, die für Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen entwickelt wurden.
Unsere Vorstellungen davon, was eine "App" sein kann, entwickeln sich weiter. Chatbots, die auf grossen Sprachmodellen (LLMs) basieren, haben unsere Technologien zunehmend interaktiver gemacht. Lenny, der Lamm-Avatar von "Creed", wird als Freund und Pastor beschrieben, weil er Glaubensfragen beantwortet. Die Verwendung von KI für religiöse Fragen kann jedoch riskant sein.
Nehmen wir zum Beispiel "Father Justin", einen Avatar, der auf einem LLM basiert und von der konservativen Apologetik-Plattform Catholic Answers erstellt wurde. Nur zwei Tage nach seiner Veröffentlichung wurde der bärtige, grauhaarige Avatar mit Priesterkragen "aus dem Amt entlassen" und durch eine Nicht-Priester-Version ersetzt. Warum? Weil die Unvorhersehbarkeit der Antworten des LLM theologische Ratschläge extrem variabel machte – und oft nicht doktrinär korrekt: Einem Nutzer wurde gesagt, es sei in Ordnung, sein Baby mit einem Energydrink zu taufen.
Was Informationen und das digitale Zeitalter angeht, verliessen sich religiöse Institutionen jahrzehntelang auf statische, aber aktualisierbare FAQ-Seiten im Internet. Davor verwiesen sie Gläubige an lokale Religionsführer, die wahrscheinlich jahrzehntelang Theologie studiert hatten und durch Systemvorschriften und Verantwortlichkeiten beaufsichtigt wurden. Die Hinwendung zum Digitalen geht jedoch über reine Informationen hinaus.

KI, Religion und Graubereiche

Technologie fasziniert: Die Nutzung digitaler Plattformen, LLMs oder anderem technologischen Schnickschnack kann neugierig machen. Wohin diese Anziehungskraft führt, ist aber nicht absehbar.
Nebst der wachsenden Zahl an religiösen Apps und den dafür erstellten Benutzeroberflächen gibt es die herkömmliche, sehr weltliche Nutzung von KI-Systemen. Jedoch wurden auch diese Systeme auf einer Vielzahl religiöser und spiritueller Texte trainiert.
Als OpenAI die ersten generativen vortrainierten Transformer (GPTs) entwickelte, gab es Sicherheitsbedenken hinsichtlich ihrer Veröffentlichung und der Frage, wie die Menschen sie nutzen würden. GPT-2 wurde beispielsweise zunächst als zu leistungsfähig angesehen, um es freizugeben, da die Wahrscheinlichkeit zu gross war, dass es für die Verbreitung massiver Desinformation missbraucht werden könnte. Kommerzielle Interessen setzten sich schliesslich aber durch, und die Diskussionen über die Gefahren schienen zu verstummen. Zumindest bis die Interaktionen der Menschen mit LLMs weit über das Nachahmen bestehender Werke hinausgingen.
Die engen Beziehungen von Menschen zu LLMs wurden in einigen Fällen als "KI-Psychose" oder "KI-bedingte Wahnvorstellungen" bezeichnet. Insbesondere in offenen, nicht-strukturierten Dialogen treten religiöse und spirituelle Themen als sensible Bereiche hervor, in denen die Grenze zwischen gesunder und problematischer digitaler Nutzung zunehmend infrage gestellt wird.
Eine weitere Regulierung der KI sollte sich auch mit dieser unscharfen Grenze und mit Fragen der Religionsfreiheit auseinandersetzen. Als Religionsanthropologin unterstütze ich die Religionsfreiheit, einschliesslich der Freiheit spiritueller Improvisation und Erfahrung. Ich stelle auch historische Parallelen zu früheren Epochen fest, in denen neue Technologien wie der Telegraf neue Visionen unseres Kosmos und unseres Platzes darin inspirierten.

Neue KI, neue Götter?

Allerdings geht eine Technologie, die mit uns spricht und sich in einigen Fällen selbst als buchstäblicher Gott bezeichnet, vielleicht etwas zu weit. Zumindest dann, wenn wir den Vergleich zu früheren Technologien ziehen wollen, die ebenfalls spirituell inspirierend auf Menschen gewirkt haben. Eine positive Interpretation, dessen, was wir gerade erleben, könnte sein, dass es einen gewissen "demokratisierenden" Effekt hat, "Gott in der Hosentasche" zu haben, der jederzeit verfügbar ist, um unsere religiösen Fragen zu beantworten und um uns zu neuen spirituellen Wegen inspirieren zu können. Eine negativere Interpretation ist, dass KI als kommerziell orientiertes Werkzeug, das stark von der Interaktion abhängt, nicht so frei und unpolitisch sein kann wie frühere Werkzeuge der Weissagung (zum Beispiel Kartenlegen), die von spirituell Suchenden genutzt wurden.
Und was als Nächstes kommt, ist ebenfalls nicht klar. Werden wir langlebige religiöse Institutionen auf der Grundlage von KI sehen? Oder nur eine diffusere Spiritualität rund um das Konzept der KI als Ganzes? Und was passiert mit dem nächsten Paradigmenwechsel hinsichtlich der Fähigkeiten der KI? Oder wenn sich die Modelle nicht als tragfähig erweisen und das KI-Unternehmen an Fahrt verliert oder sogar ganz zum Stillstand kommt? Was nützt ein Gott in der Tasche, wenn er nicht mehr antwortet?

Über die Autorin

Beth Singler ist Assistenzprofessorin für Digital Religion(s) an der Universität Zürich. Sie ist Co-Direktorin des universitären Forschungsschwerpunkts "Digital Religion(s)" und Co-Direktorin der Digital Society Initiative. Ihre Monografie "Religion and AI: An Introduction" wurde 2025 mit dem britischen ISSR Book Prize ausgezeichnet.

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