Ist die Angst vor Künstlicher Intelligenz in der Berufswelt berechtigt?

2. August 2023 um 09:05
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Illustration: Erstellt durch inside-it.ch mit Midjourney

Viele fürchten sich um ihren Job, doch die Technologie kann in der Berufswelt durchaus auch Chancen bieten. Dazu braucht es aber gesellschaftliche und ethische Debatten.

Spätestens seit November letzten Jahres hört es nicht mehr auf: Jeden Tag gibt es neue News über Künstliche Intelligenz. Seither bietet sich Big Tech ein Wettstreit um die Marktführerschaft und die Debatten über Regulierungen sind schon längst in der Politik angekommen. Gleichzeitig schüren die neuen Möglichkeiten Ängste in der Berufswelt.
"ChatGPT und seine KI-Kollegen könnten 300 Millionen Arbeitsplätze weltweit vernichten", heiss es im März 2023 von Ökonomen der Grossbank Goldman Sachs. Es ist die neuste bedrohliche Zahl in einer Abfolge von Zukunftswarnungen vor der Automatisierung.
Dystopische Zukunftsszenarien zu den Auswirkungen von KI haben auch Wissenschaftler der Universität Oxford prognostizierten: Laut ihnen würde die Digitalisierung in den USA fast die Hälfte der Arbeitsplätze kosten – und damit sorgten sie für grosse Aufregung in der Öffentlichkeit, aber auch für Kritik von weiteren Forschenden.

Ersetzt generative KI Angestellte?

"Ich gehe davon aus, dass es in einigen Berufen zu Veränderungen der Berufsbilder kommen wird", sagt Mascha Kurpicz-Briki, Professorin für Applied Machine Intelligence an der Uni Bern, auf Anfrage von inside-it.ch. Ist die Angst von der neuen Technologie berechtigt? "Es braucht den Menschen unbedingt weiterhin. Die Maschine kann zwar sehr gut grosse Mengen an Daten auf Muster durchsuchen, jedoch kann sie beispielsweise keine Entscheidungen reflektieren."
Auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Organisation OECD beschäftigt sich mit diesen Fragen. Die jüngsten Fortschritte von KI haben noch keine grossen Veränderungen an den Arbeitsplätzen nach sich gezogen, heisst es in der Studie. Dabei hat die Technologie sehr wohl das Potenzial, eine Revolution in der Arbeitswelt zu entfachen, wie die OECD-Forscherinnen und -Forscher schreiben.
Derzeit ist die Technologie nur in einem begrenzten Teil der Unternehmen wirklich verbreitet. Vor allem grosse Unternehmen setzen darauf. Sinkende Kosten könnten eine Einführung der Künstlichen Intelligenz aber auch in anderen Firmen beschleunigen.
Zusätzlich könnten Arbeitgeber, anstatt Mitarbeiter zu entlassen, eher auf eine allmähliche Reduzierung der Belegschaft setzen, zum Beispiel durch natürliche Fluktuation oder den Übergang in die Rente. Dadurch könnte es noch eine Weile dauern, bis sich die nachteiligen Auswirkungen des KI-Einsatzes tatsächlich am Arbeitsmarkt zeigen. Trotzdem schlussfolgert der Bericht: Wenn man alle Automatisierungstechnologien einschliesslich KI berücksichtigt, sind 27% der Arbeitsplätze in Berufen mit hohem Automatisierungsrisiko angesiedelt. Erste Ergebnisse der OECD-Umfrage zu den Auswirkungen von KI auf die Fertigungs- und Finanzsektoren von sieben Ländern verdeutlichen sowohl die Chancen als auch die Risiken, die KI mit sich bringt.
"Ich gehe davon aus, dass es bei Jobs, welche ausschliesslich aus sehr repetitiven Aufgaben bestehen, eher zu Veränderungen kommen wird", erklärt auch Kurpicz-Briki. "Allerdings bringt der Mensch auch sehr viele Fähigkeiten mit, welche die Maschine nicht hat, und wir sollten daher anstreben, den Menschen nicht zu ersetzen, sondern mit Tools auszustatten, welche dem Menschen die Arbeit erleichtern und ihn unterstützen.

Viele machen sich trotzdem Sorgen um den Arbeitsplatz

Laut der OECD-Studie unterscheidet sich KI in mehrfacher Hinsicht von früheren Veränderungen auf dem Gebiet der digitalen Technologien:
  1. Sie erweitert das Spektrum der automatisierbaren Aufgaben deutlich über den Bereich der routinemässigen nichtkognitiven Tätigkeiten hinaus.
  2. KI ist eine Universaltechnologie, was bedeutet, dass fast jeder Sektor und Beruf davon betroffen sein wird.
  3. Das Tempo der Entwicklung ist beispiellos.
Bei der grössten Auswirkung, die auch von anderen Studien bestätigt wurde, geht es um die Qualität der Arbeitsplätze. Angaben von Beschäftigten und Arbeitgebern zufolge kann KI zum Beispiel monotone Aufgaben reduzieren, wie auch Kurpicz-Briki bereits erklärte.
"Ich denke, dass die Gesellschaft mehr einbezogen werden muss in die Entwicklungen. Es ist davon auszugehen, dass die Technologie einen Einfluss hat, auf die Art, wie wir arbeiten, lernen oder lehren", so die Professorin. "Wie genau dieser Wandel gestaltet wird, sollte auch davon abhängen, wo wir als Gesellschaft hinwollen." Sie sehe es als zielführender, KI-Software als spezifisches Tool zur Unterstützung des Menschen einzusetzen, anstelle anzustreben, eine KI zu entwickeln, die vollumfänglich den Menschen ersetzen soll.
Trotzdem machen sich einen Grossteil der Mitarbeitenden Sorgen darüber, durch die Technologie ersetzt zu werden, so die Studie. Ein Ergebnis der bereits erwähnten Umfrage zeigt, dass rund 63% der Finanzangestellten Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Die Arbeitgeber in den untersuchten Branchen nannten laut OECD zu etwa zwei Dritteln die Umschulung und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter als Reaktion auf die Herausforderungen durch KI.
Abhängig von der Branche sahen etwa ein Drittel bis die Hälfte der Arbeitgeber Neueinstellungen als notwendig, während weniger als ein Fünftel Entlassungen für erforderlich hielt.

Ethische und gesellschaftliche Fragestellungen

Es gibt Risiken, die die Technologie mit sich bringt. Durch die schnelle Entwicklung und den Einsatz am Arbeitsplatz müsse man gleichzeitig auch Richtlinien schaffen, sagen die Forscherinnen und Forscher der Studie. Bestehende Rechtsvorschriften – etwa Diskriminierung, Datenschutz oder Arbeitnehmervereinigungsrechten – stellen eine wichtige Grundlage für die Steuerung des KI-Einsatzes dar.
Auf die Frage hin, welche ethische und gesellschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit KI in der Arbeitswelt aufkommen, antwortet Kurpicz-Briki: "Es ist wichtig, dass die Ausgestaltung dieses Wandels nicht einzig den Tech-Firmen überlassen wird. Ein Einbezug der Gesellschaft, also der breiten Öffentlichkeit, ist meiner Meinung nach wichtig. Dies erfordert aber auch, dass Kenntnisse über die neuen Technologien, sowie deren Limitationen und Risiken, an eine breite Öffentlichkeit vermittelt werden."
Die Stereotypen unserer Gesellschaft sind in den Daten enthalten, welche unsere Gesellschaft produziert. Dadurch könne es zu Diskriminierung oder einer Verstärkung von Stereotypen in Anwendungen der KI kommen, die auf diese Daten trainiert ist. "Leider gibt es dagegen aktuell keine abschliessende oder allgemeine Lösung", so die Professorin. "Es ist daher wichtig, sich in jedem KI-Projekt die Frage zu stellen, was für Risiken hier aufkommen könnte, und wie damit umgegangen werden kann."

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