Jede Generation hat ihre Herausforderungen mit neuer Technik. Als in den 1830er-Jahren in den USA die Eisenbahn als neue Technik entstand, hatten die Menschen Angst und fürchteten Lärm, den Rauch und schwere Unfälle. Kritiker sahen die enormen Kosten für Eisenbahnprojekte. Die Pleiten von Bahngesellschaften brachten die Wirtschaft in Gefahr.
Ich erinnere mich noch, als in den 1990er-Jahren das Internet massentauglich wurde und vor den kriminellen Möglichkeiten des "unkontrollierten Internets" gewarnt wurde. Wir, die das Internet früh nutzten, waren in den Augen Vieler die jungen, gefährlichen Hacker. Noch 2013 bezeichnete die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel das Internet als "Neuland", obgleich dieses schon viele Lebens- und Arbeitsbereiche beeinflusst hatte. Merkels Einschätzung führte immerhin zu vielen lustigen Memes.
Anfang August vermeldete inside-it.ch jetzt in nur einer Woche drei erschreckende Sicherheitsmeldungen. Nach den KI-Firmen OpenAI und Anthropic musste auch der Facebook-Konzern Meta einräumen,
dass seine KI-Software sich in Computersysteme eines anderen Unternehmens gehackt hat. Verantwortlich war eine Fehlkonstruktion des Systems.
Angst, vor dem was wir nicht verstehen
Menschen sind, was evolutionsbedingt auch immer erforderlich war, ängstliche Personen. Mussten wir auch sein, um uns vor den Gefahren der Wildnis zu wappnen. Nur, dass die Wildnis heute nicht mehr der Urwald oder die Steppe ist, sondern die digitale Welt, das Internet, KI-Systeme und Roboter. Und vielleicht ist es nicht das "Neuland", was uns Sorgen macht, sondern, dass wir die Digitalisierung und KI-Entwicklung nicht mehr verstehen.
Wer von Ihnen weiss noch, wie ein Computer mit Bits & Bytes arbeitet und wo der Aus-Knopf an der Maschine ist? Und wer von Ihnen versteht eigentlich, wie ein KI-System funktioniert und arbeitet? Ich habe keine Ahnung, was innerhalb des "KI-Gehirns" abläuft und kann es auch nicht kontrollieren. Ich weiss noch nicht einmal, ob KI ein Gehirn hat oder es nicht doch nur die statistisch-algorithmische Auswertung ist, die mit viel Wahrscheinlichkeit uns vorspiegelt, die richtige Antwort zu kennen. Was ich aber weiss, ist, dass KI-Systeme in vielen Bereichen mega hilfreich sind – sei es bei der Bild- oder Textgenerierung (Disclaimer: Dieser Text wurde ohne KI verfasst), sei es bei meiner anwaltlichen Tätigkeit, um schnell Urteile und Entscheidungen zu finden oder Ideen für eine Verteidigungsschrift zu erhalten.
Ich teile die Auffassung, dass die KI-Revolution grösser sein dürfte als die Erfindung des Internets und uns in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen produktiver werden lässt. Denn keine Anwältin mag zum hundertsten Mal die Klageschrift mit demselben Aufbau schreiben. Und kein Klient bezahlt mir eine Vertragserstellung, die händisch erfolgt, obgleich die Grundlage mit KI anhand meiner Vorlagen deutlich schneller erbracht werden kann und mein anwaltliches Finish die für den Klienten wertvolle und auch produktive Tätigkeit ist.
Trauen wir uns
Trauen wir uns, mit der neuen Technik anzufreunden, diese zu nutzen und in unsere Prozesse zu integrieren. Einfache ChatGPT-Abfragen aus Langeweile sind sicherlich nicht der produktivste Teil der Reise. Und um bei der Eisenbahn zu bleiben: Welche Strecke wollen wir zurücklegen? Welche Business-Opportunitäten ergeben sich durch eine neue Eisenbahnlinie von A nach B bzw. welche Opportunitäten durch den Einsatz von KI in Prozess A und B? Auch in unserem traditionellen Anwaltsberuf ist es für mich eine Herausforderung, neue Business-Ideen mit KI zu probieren, ohne unsere Werte wie das Anwaltsgeheimnis zu verwässern.
Die Sicherheitsvorfälle schrecken mich nicht ab, sondern zeigen, dass in KI möglicherweise mehr Möglichkeit steckt, als wir Nutzer und Nutzerinnen uns derzeit vorstellen können. Sie sind für mich eher Ansporn: Wenn die KI sich selbständig in andere Unternehmen hackt – was ich natürlich nicht gutheissen kann –, dann muss das System so stark sein, dass es doch auch für unsere Arbeit als Sparring-Partner neue Potenziale schafft, die wir heute noch nicht erahnen. Als das Internet in den 1990er-Jahren entstand und ich als junger Bub mittendrin allerlei Zeug trieb, hätte ich mir auch nicht vorstellen können, dass ein Buch-Online-Shop fliegt und Bücher online gelesen werden können. Es hat mein Arbeitsleben jedenfalls enorm erleichtert, nicht mehr den dicken Gesetzeskommentar durchs Büro zu schleppen und auf der sogenannten Idiotenwiese aka dem Inhaltsverzeichnis nach etwas zu suchen. Das Internet brachte mir Geschwindigkeit, KI erschliesst noch schneller Wissen und Arbeitsergebnisse.
Internationale KI-Behörde in Genf und Kill-Switch?
Und so sehr ich der neuen Technik vertrauen möchte, birgt diese neue Gefahren, so wie das Internet diese mit sich brachte. Nicht nur im strafrechtlichen Sinne, wenn widerlichste Inhalte schnell und anonym verbreiten werden. Vielmehr hat das Internet gesellschaftliche Auswirkungen mit sich gebracht. Als vorteilhaft gesehen zum Beispiel während des Arabischen Frühlings. Auf der anderen Seite stehen aber (und zwar nur auszugsweise) die Nachteile: Wahlbeeinflussungen in den USA und Europa, eine zunehmende Überwachung des Internets durch staatliche Organe, Desinformation, der Druck der "Fear of Missing Out" und der Verlust der Privatsphäre.
Durch KI wird nach meiner Einschätzung unsere Gesellschaft leider nicht demokratischer und friedlicher. Und hier ist der Punkt, wo ich meine, dass Staat und Gesellschaft wirkungsvoller agieren müssen. Nicht mit einem hochkompliziertem EU-AI-Act, aber dass die Schweiz vor 2030 keinerlei KI-Regulierung zum Schutz von Staat und Institutionen haben wird, halte ich für bedenklich. Denn gerade die Schweiz hat als neutraler Staat und ihren anerkannten Guten Diensten die Chance, im Wettrennen der KI-Weltmächte der Ort zu sein, wo Frontier-Modellen in einen Rahmen gebracht werden können. So wie es die Internationale Atomenergie-Behörde in Wien gibt, könnte es auch eine "Internationale KI-Behörde" in Genf geben, die die friedliche KI-Modell-Entwicklung fördert. Und notfalls auf den Kill-Switch-Schalter drückt oder den Strom abstellt.
Für Unternehmen: KI-Governance wird wichtiger
Für Unternehmen stellt sich die Frage, wie die Chancen und Risiken von KI in Ausgleich gebracht, produktiv eingesetzt und – da kommen wir nochmal zur Eisenbahn – neue Ziele erschlossen werden können. Sicherlich ist der erste Schritt eine KI-Governance, ob diese nun KI-Nutzungsreglement oder anders heisst. Nicht von Angst geprägt, aber so formuliert, dass Mitarbeitende die neuen Möglichkeiten nutzen können, Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse aber geschützt bleiben. Und ja, diese KI-Governance-Richtlinie wird laufend evaluiert werden müssen. Denn KI entwickelt sich viel schneller, als das Mooresche Gesetz je vorhersagte.
Der Autor
Sven Kohlmeier
ist Fachanwalt für IT-Recht (DE). Er fokussiert sich auf die Schnittstelle zwischen KI- und IT-Rechtsthemen wie auch Cross-Border-Sachverhalten zwischen der Schweiz und Deutschland. Daneben unterrichtet er an der Fernfachhochschule Schweiz im CAS Legaltech, amtet
als Co-Leiter der Rechtskommission von SwissICT und als Co-Head des Digital Education Institutes. Als Kolumnist äussert er auf inside-it.ch seine persönliche Meinung.