Langsame Zunahme der ICT-Lehr­stellen bereitet "echt Sorgen"

26. September 2022, 12:36
letzte Aktualisierung: 28. September 2022, 09:21
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ICT-Nachwuchskräfte messen ihr Können an den Swiss Skills. Foto: ICT-Berufsbildung Schweiz

Verschiedene Regionen vermelden für 2022 zwar ein Wachstum bei der Zahl der neuen ICT-Lehrverträge. Das reicht aber nicht, sagen uns Verantwortliche, die nach Erklärungen suchen.

Der Kanton Luzern vermeldete kürzlich, dass dieses Jahr mehr Jugendliche eine Lehrstelle im Informatik-Bereich antreten werden. Die Zahl der ICT-Lehrverträge in Luzern sei um 17% auf über 170 angestiegen. Mit 86 neuen Lehrverträgen gebe es auch im Nachbarkanton Zug ein deutlich zweistelliges Wachstum, sagt uns David Tassi, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Zentralschweiz. Insbesondere die Fachrichtung Applikationsentwicklung gewinne enorm an Beliebtheit. Dies sei mit Blick auf die wachsende Bedeutung der Digitalisierung nicht überraschend. Mit dem neuen Beruf "ICT-Fachfrau/-mann EFZ" ermögliche man zudem auch schwächeren Schülerinnen und Schülern einen Einstieg in die ICT-Berufswelt.
Das Wachstum tut bekanntlich auch Not. Gesamtschweizerische Zahlen zu den neu abgeschlossenen ICT-Lehrverträgen sind noch nicht vorhanden. Unter anderem, weil noch bis zu den Herbstferien Lehrverträge abgeschlossen werden, sagt uns Serge Frech, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz.
Ein leichtes Wachstum der Lehrstellen gibt es auch in der Ostschweiz, ist von der dortigen Organisation der Arbeitswelt (OdA) zu erfahren. Die Zahl der neuen Plattformentwickler und -Entwicklerinnen sei zwar rückläufig, aber es gebe einen Zuwachs im Bereich Applikationsentwicklung sowie bei den ICT-Fachleuten, so Geschäftsführer Christian Schlegel. Die Anzahl der neuen Lehrstellen entwickle sich aber nicht schnell genug und "insbesondere bei den Mediamatikern ist das Potenzial in der Ostschweiz noch nicht ausgeschöpft", so Schlegel.

"Grosses Potenzial" in der Berufsbildung

Rund 80% der ICT-Fachkräfte kommen aus der Berufsbildung, führt Serge Frech aus. Somit gebe es noch grosses Potenzial, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. 2021 gab es laut ICT-Berufsbildung Schweiz rund 10'400 ICT-Lernende, die 176'500 Vollzeitäquivalenten im ICT-Umfeld gegenüberstehen. Dies entspricht einer Quote von 5,9%. Längerfristig sollte dieser Wert auf 8,1% ansteigen, um den Fachkräftemangel nachhaltig zu entschärfen.
Im Raum Basel gebe es kaum Grossbetriebe, die ICT-Lernende ausbilden, sagt Martin Kropik, Geschäftsführer der dortigen OdA. Im Mediamatik-Bereich gebe es dieses Jahr eine Steigerung der neuen Ausbildungsplätze. In den anderen Fachrichtungen starte man im Raum Basel seit Jahren immer etwa mit der gleichen Anzahl Lernenden. Gerade, weil auszubildende Grossbetriebe fehlen, sei dies dennoch erfreulich, denn man halte den Bestand der Ausbildungsplätze mit rund 150 KMU, ergänzt Kropik.

Die Branche hat ein ICT-Nachwuchsproblem

Im Zeitraum von 2010 bis 2021 sei die Gesamtzahl der ICT-Lehrverhältnisse um mehr als 50% gewachsen, so die Zahlen von ICT-Berufsbildung. Dies sei erfreulich, betont Frech. Auch von der neuen EFZ-Ausbildung "Digital Business" erhofft sich ICT-Berufsbildung einen Aufschwung. Bereits heute seien 50 Lehrstellen von Unternehmen zugesagt worden. Man sei optimistisch, dass diese Zahl auf den Start nächstes Jahr nochmal deutlich wachse.
Aber die von uns angefragten regionalen OdA sind sich einig: Die Zahl der Ausbildungsplätze wächst zu langsam. Bern meldet gar einen Rückgang der neuen Lehrverträge. Nachdem man 2021 fast 800 neue Lehrverträge verzeichnet habe, müsse man in diesem Jahr einen Rückgang von 10% hinnehmen, so Thomas Riesen, Präsident von ICT-Berufsbildung Bern. Gewisse Schwankungen seien zwar normal, da nicht alle Lehrbetriebe jedes Jahr neue Lernende aufnehmen würden, "aber in der Höhe macht uns der Rückgang schon Sorgen", erklärt Riesen.

"Gymi" statt Lehre"

Eine weitere Herausforderung ist gemäss dem Präsident der Berner OdA, dass die Berufslehren in der ICT anspruchsvoll sind. Es gebe somit auch Betriebe, die mangelns geeigneter Bewerbungen ihre Lehrstellen nicht besetzen können. Man stelle fest, dass Lehrpersonen das Angebot in der ICT-Berufsbildung zu wenig kennen. "Guten Schülern" würde häufig das Gymnasium empfohlen.

Braucht es neue Ausbildungs-Gefässe?

Laut Serge Frech gibt es noch ein weiteres Problem: Hierzulande gebe es einige sehr grosse "Abnehmer von ICT-Fachkräften", die aber selbst nur sehr wenig Leute ausbilden – gemeint sind wohl Google, Facebook, Apple und Co.
Die "stagnierenden Zahlen oder nur mässig zunehmenden Zahlen" machen Barbara Jasch, Leiterin der Zürcher OdA, "echt Sorgen", wie sie uns sagt. Entweder habe die ICT-Branche doch kein Fachkräfteproblem oder wolle "keine Ressourcen einsetzen, um den eigenen Nachwuchs auszubilden", fügt sie an. Für das Lehrstellenmarketing brauche es sehr viel Überzeugungsarbeit, es sei eine langwierige, konstante Aufgabe, so Jasch. Ihrer Meinung nach lasse sich das Nachwuchsproblem aber auch nicht einfach mit ein paar 100 zusätzlichen Ausbildungsplätzen lösen. Als OdA werde man die Lage im Grossraum Zürich genau beobachten und klären, ob die ICT-Branche noch andere Gefässe für die Ausbildung des Nachwuchses braucht.
Ja, man könne durchaus fragen, ob eine höhere Ausbildungsquote für die Betriebe machbar sei, so Frech. Aber man müsse sich ebenso fragen, ob der sich verschärfende ICT-Fachkräftemangel für die Wirtschaft tragbar sei.
Update (28.9.2022): Der Artikel wurde um die Informationen von ICT-Berufsbildung Bern ergänzt.

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