Mgmt Summary: die Cloud

7. Juli 2022, 11:11
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In der Kolumne Mgmt Summary erklärt Rafael Perez Süess Buzzwords. Heute erklärt er, woher der Begriff Cloud kommt, was dahintersteckt und warum es "die Cloud" eigentlich gar nicht gibt.

Wir starten astronomisch: Eine kleine Geschichte der Cloud sozusagen. Um uns nämlich der Cloud selbst zu nähern, müssen wir zuerst einmal dieselben grundlegenden Fragen wie beim Universum stellen: Woher kommt sie? Was war vor der Cloud? Und natürlich auch: was ist eigentlich ausserhalb?
Begeben wir uns also ins digitale Mittelalter. In die 90er-Jahre – als man notabene noch nicht von "digital", sondern von "EDV", "Software", "Rechnern" und "Servern" sprach – und nähern uns der Etymologie des Begriffs "Cloud". Am Anfang war wie so oft die Softwarearchitektur-Grafik: mit verschiedenen Symbolen zeichnet man die Komponenten einer IT-Lösung. Damals verwendete man das Wolken-Symbol für "das Internet" oder eben irgendein Rechnernetz, von dessen Beschaffenheit man überhaupt keine Ahnung hat. Und das ist natürlich heute noch so. Also nicht nur das Verwenden des Wolken-Icons in Architektur-Grafiken, sondern auch der Umstand, dass man immer noch keine Ahnung hat, was drin steckt.
Früher, also vor der Cloud, war es so: Man hatte Computer, darauf liefen Betriebssysteme und darauf wiederum Software und irgendwo im Rechenzentrum standen Server, also auch Rechner. Und zwar je nachdem ganz viele Rechner, die mit ausgeklügelten Systemen zusammengeschlossen waren. Man sprach von "Loadbalancing", "Ausfallsicherheit" und dergleichen. Der Zugriff vom Computer auf diese Server fand über primitive Protokolle wie zum Beispiel FTP ("File Transfer Protocol") für Dateien, SOAP ("Simple Object Access Protocol") statt oder über eine sogenannte Shell: SSH. Aber man "kommunizierte" immer mit einem physischen Rechner, sprich Server. Und ganz wichtig: man benötigte immer eine ganze Abteilung Systemadministratoren, deren jährlicher Gedenktag notabene in drei Wochen, jeweils am letzten Freitag im Juli, stattfindet und die als Heiligen Linus Torvalds, den Erfinder von Linux, verehren. Was diese Systemadministratoren taten, war und ist seit jeher nebulös, also im eigentlichen Sinne in der Cloud. In dieser Zeit waren Server aber der Stolz und ein Statussymbol einer jeden anständigen Firma. Sic transit gloria mundi!
Irgendwann in den Nullerjahren traten die heutigen IT-Giganten aufs Parkett, die wesentlich an der Entstehung des Begriffs Cloud beteiligt waren. 2004 kam Facebook und erlaubte online (das ist ganz wichtig!) das Speichern und Teilen von Bildern, Videos und anderen Daten. 2006 startete Amazon mit der S3: Simple Storage Service. Kurz darauf, im Jahr 2008, kam Google auch mit einem Angebot namens "Google Cloud Platform" und von da an überschlugen sich die Ereignisse: sogar Apple ändert 2012 den Namen ihres 2008 lancierten "MobileMe" in – tataaahhhh - "iCloud"! Die eigentliche Etablierung des Begriffs Cloud in der breiten Öffentlichkeit fand also schleichend statt und ist nicht ganz eindeutig.
Aber was steckt technisch hinter "der Cloud"? Es sind zwei Dinge:
  1. Es entstand eine zusätzliche Abstraktionsebene (Software!) zwischen dem Computer und dem ehemaligen Server. Diese zusätzliche Abstraktion nennt man "einen Service", also auf Neudeutsch "X as a Service". (Mehr dazu in einer späteren Kolumne). Jetzt spricht mein Computer also nicht mehr mit dem Server, sondern er kommuniziert mit dem Service. Dramatically changed!
  2. Die Systemadministratoren arbeiten nicht mehr bei der eigenen Firma, sondern beim Cloud-Anbieter und wurden damit aus Kundensicht ebenfalls abstrahiert. Man muss auch nicht mehr mit ihnen sprechen. Aber sie machen immer noch denselben Job und stöpseln kilometerweise RJ45-Stecker in Ethernet-Anschlüsse derselben Server.
Was elegant und digital und voll modern-automatisiert klingt, gibt es in Wahrheit also nicht. Man muss sich zwar nicht mehr mit den Problemen auseinandersetzen, geändert hat sich technisch aber sehr wenig. Es sind immer noch die gleichen Server und insbesondere dieselben Menschen, die zusammen die Cloud "machen" und ausmachen. Es sind nun einfach andere, unbekannte Menschen, die man selber nicht mehr einstellen muss.
Aber klar, im Jargon klingt es einfach sexy, wenn man sagen kann: "ich habe meine Daten in die Cloud transformiert", anstelle von "ich habe eine Datei mittels FTP auf den Server geladen, Du kannst sie jetzt bei Dir herunterladen".
Die Cloud ist letztlich eine Erfindung, um das mooresche Gesetz zu brechen: Rechenleistung und Speicherplatz werden nicht mehr alle 2 Jahre (zum selben Preis) verdoppelt. Sie sind nun wieder teurer geworden (und bleiben so).
Wir sehen: Die Cloud gibt es gar nicht. Es gibt sie nur in Zürich in der Innenstadt. Und weil es die Cloud gar nicht gibt, ist auch die Frage geklärt, was ausserhalb ist: alles.
Und was kommt nun nach der Cloud? So einfach: das Metaverse! Weil Meta ist immer gut, das wussten schon die alten Griechen.

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