"Der Widerstand gegen Rechenzentren ist das überparteilichste Thema seit Bier", meinte der amerikanische Komiker Charlie Berens gemäss 'New York Times'. Dieser Widerstand ist in den letzten Monaten massiv gewachsen und vereint in einem polarisierten Land links und rechts, Jung und Alt sowie urban oder ländlich. Nicht nur Bernie Sanders fordert ein Moratorium für den Bau von Rechenzentren, sondern auch Greg Abbott, der republikanische Gouverneur von Texas.
Woher kommt dieser Widerstand? Es gibt viele Gründe: Zum einen wird der Energie- und Wasserverbrauch kritisiert. Andere stören sich an der fehlenden Mitsprache der Standortgemeinden. Wiederum andere ärgern sich über den Lärm oder die Ästhetik.
Maschinensturm
Und vermutlich schwingt dabei auch eine gehörige Portion Grundmisstrauen gegen die Technologie und die Unternehmer und Unternehmen, die diese vorantreiben, mit. Es wäre zu einfach, das mit irrealer Technikfeindlichkeit, was gerne unter dem Etikett "Maschinensturm" subsummiert wird, abzutun. Denn die Maschinenstürmer waren nicht irrational, sondern Arbeiter, die sich gegen die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen wehrten. Die Zerstörung der Maschinen war das einzige Druckmittel, das sie hatten. Und zudem haben sich die Tech-Unternehmer den Widerstand selbst zuzuschreiben.
Denn die KI-Evangelisten verbreiten seit Jahren zwei Botschaften: KI ist eine Technologie, die so mächtig ist, dass sie die Menschheit zerstören kann. Und: KI ist eine Technologie, die so mächtig ist, dass sie alle Jobs vernichten wird. Letztere ist die optimistische Vision. Dass da die Menschen nicht mit totaler Begeisterung reagieren, scheint mir ganz nachvollziehbar zu sein. Und der Widerstand gegen Rechenzentren ist somit das wohl wirkungsvollste Druckmittel, das Konsumentinnen und Konsumenten haben.
Politik und Zauber
Die Tech-Unternehmer von Musk bis Thiel und Zuckerberg haben in den vergangenen Jahren massiv an wirtschaftlichem und politischem Einfluss gewonnen. Man erinnere sich an die Inauguration von US-Präsident Donald Trump, wo sie alle in der ersten Reihe sassen.
Gleichzeitig verlieren ihre technologischen Errungenschaften den Zauber und das Versprechen, das sie einst innehatten. Immer mehr Menschen sehen in den sozialen Medien beispielsweise nicht mehr Mittel zu mehr Verbindungen, mehr Austausch und mehr Diskurs, sondern als schwarzes Loch, das Zeit vernichtet und im schlimmsten Fall zu psychischen Schäden führt.
Schweizer Digitalisierungsskepsis
Bis anhin ist der Rechenzentren-Diskurs erst in Ansätzen in der Schweiz angekommen. Nur schwappen erfahrungsgemäss praktisch alle Diskussionen, die in den USA für Wellen sorgen, am Ende auch über den grossen Teich. Die Schweiz hatte letztes Jahr fast ihren kleinen Maschinensturm-Moment: Mit dem hauchdünnen Ausgang der E-ID-Abstimmung zeigte sich, dass die Digitalisierungsskepsis auch in der Schweiz weit verbreitet ist.
Weil die Gründe und Motive so vielfältig sind, lässt sich das Problem auch nicht ganz einfach technokratisch lösen. Sondern wohl nur grundsätzlich: Wenn eine Technologie wichtig ist und sie das Potenzial hat, viel Gutes zu tun, ist es falsch, sie defacto in den Händen einiger weniger, ideologisch recht fragwürdiger Typen zu lassen. Es braucht bessere, ethischere und demokratische Alternativen. Und ganz ohne Geld wird es wohl auch nicht gehen.
Über die Kolumne
Jeden Monat äussern sich Politikerinnen und Politiker sowie digital-politisch Engagierte aus allen Lagern zum Geschehen in Bern und in den Kantonen in der "
Parldigi direkt"-Kolumne. Heute schreibt Nationalrätin Min Li Marti (SP/ZH).