Corona-App: Mehr Demokratie, mehr Kontrolle und Opt-Out

17. November 2020, 16:02
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Die Swisscovid-App wird weniger als erwartet genutzt. ETH-Forschende haben die Gründe untersucht und schlagen Lösungen vor.

Mit viel Hoffnung hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Ende Juni die Swisscovid App lanciert. Diese sollte helfen, Übertragungsketten schneller zu stoppen. Mittlerweile wurde die Tracing-Anwendung weniger als 2,8 Millionen Mal heruntergeladen und ist bei knapp 1,9 Millionen Usern aktiv. Dies zeigt das Monitoring des BAG. Das ist weniger, als man sich erhofft hatte. Wieso die Zahlen so tief sind, haben nun Forschende der ETH Zürich eruiert und die Resultate in der Wissenschaftszeitschrift 'Science' veröffentlicht.
Die beiden Bioethik-Professoren Alessandro Blasimme und Effy Vayena schreiben, dass in der Debatte über die Privatsphäre ein soziales Dilemma vernachlässigt worden sei: Soll die App eine gute Wirkung erzielen, müssten genügend Leute die Anwendung aktiviert haben. Solange allerdings die tatsächliche Wirksamkeit der App nicht erwiesen sei, würden sie viele nicht herunterladen. Und: Solange die App nicht weitverbreitet – und damit auch wirksam – sei, lasse sich ihre weite Verbreitung in der Bevölkerung nur schwer rechtfertigen.
Damit beschreiben die Forschenden ein Dilemma, das laut dem Bericht in vielen Ländern zu beobachten ist. Bei Umfragen im Frühling hätten sich zwischen 55 und 70% der Erwachsenen in der Schweiz, den USA und Italien bereit gezeigt, eine Corona-Tracing-App zu nutzen. Die Nutzerquote ist nun aber in allen Ländern deutlich tiefer: Sie überstieg nirgends die 30%. Die Schweiz kommt laut den Studienautoren auf 21,5% der Bevölkerung.
Zugleich räumen die Wissenschaftler ein, dass Verschlüsselungs-Mechanismen, dezentrale Datenarchitektur und zeitlich begrenzte Datenspeicherung offenbar nicht ausgereicht haben, um alle Ängste auszuräumen. Bedenken in Sachen Datenschutz und Privatsphäre hätten mit dazu beigetragen, dass sich die App nicht rasch und weit genug verbreite. Tatsächlich wurden einige der Vorbehalte bezüglich der Bluetooth-Technologie und den Google- und Apple-APIs auch in verschiedenen Studien von Informatik-Wissenschaftern geäussert.
Als Lösung schlägt das ETH-Forschungsteam vor, die Öffentlichkeit stärker einzubinden. Die Umstände der Pandemie hätten dazu geführt, dass das System ohne Einbezug der Bevölkerung umgesetzt worden sei. Dies würde das Vertrauen untergraben, gerade wenn die Applikation Überwachungsfunktionen hätte, die in der Wahrnehmung dem demokratischen Ideal zu widersprechen scheinen. Man müsse deshalb demokratische Mechanismen etablieren.
So sollen etwa Kontrollgremien eingeführt werden, die nicht nur mit Experten, sondern auch mit Vertretern der Zivilgesellschaft bestückt werden, fordern die ETH-Forschenden. Zudem fordern sie regelmässige Umfragen und beratende Foren.
Auf der technischen Seite votieren sie für ein Opt-Out-Verfahren, dass also Anwender, die die App installierten, der Aktivierung aktiv widersprechen müssten. Begleiten solle man dies mit grossen Studien, in deren Rahmen die Anwendung ausprobiert werde. Mit diesen Massnahmen könne man das soziale Dilemma mildern und mit der demokratischen Kontrolle zugleich die Bedenken in Sachen Privatsphäre und Datenschutz reduzieren.

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