Corona und der unheimliche Digitali­sierungs­schub

19. März 2021, 16:13
image

Q_Periors Schweiz-Chef im Gespräch über die Corona-Krise, die digitale Transformation und neue Ideen.

Gerade erst hat Q_Perior die Geschäftszahlen für das letzte Jahr vorgelegt. Mit einem Umsatzwachstum von 5% auf umgerechnet 247 Millionen Franken habe man die wirtschaftlich schwierige Zeit bestanden, heisst es in einer Mitteilung. Laut Hasan Tekin, der dem Business- und IT- Beratungshaus seit über 17 Jahren angehört und seit 2016 das Schweiz-Geschäft verantwortet, lag hierzulande der Umsatz bei 69 Millionen Franken, ein Plus von mehr als 6% gegenüber dem Vorjahr. Rund die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen im branchenbezogenen Beratungsgeschäft und die andere Hälfte mit Querschnittthemen, zu denen auch die Implementierung von SAP S/4Hana und Individuallösungen gehört. Insgesamt sei Q_Perior hierzulande nach der Finanz- und Euro-Krise nun auch durch diese 3. grosse Krise "mit einem blauen Auge gekommen", wie Tekin anfügt.
Dass dies im Jahr der Corona-Pandemie gelungen sei, erklärt er im Gespräch mit inside-channels.ch, insbesondere mit der breiten Aufstellung: "Zu jeweils einem Viertel adressieren wir den Banken-, Transport- & Logistik-, Versicherungs- und öffentlichen Sektor und die Industrie." Nirgendwo ist ein Klumpenrisiko entstanden, fügt er an, allerdings seien auch kaum Projekte storniert, wenn auch einige verschoben worden. "Einschnitte hat es bei Aufträgen für den Sektor Transport & Logistik gegeben, doch konnten wir die frei werdenden Mitarbeitenden in andere Bereiche verschieben." Ausserdem habe man trotz des problematischen wirtschaftlichen Umfelds nicht nach der "Rasenmähermethode" gehandelt, sondern das Notwendige flexibel umgesetzt und sich neue Möglichkeiten erschlossen.
So wurde im letzten Jahr auch personell weiter ausgebaut und 40 Mitarbeitende sind neu hinzugekommen. Zählte Q_Perior 2017 bei der Fusion mit der P5Group in der Schweiz 230 Angestellte, "sind es heute 290", so der Schweizer Geschäftsführer. Interessant ist, dass eher wenige der Neuzugänge von den Hochschulen kamen, sondern meist ausgewiesene Experten auf Stufe Senior angeheuert wurden, wie er erklärt. Auch im Krisenjahr habe das einige Anstrengungen bedeutet, denn "der Kampf um Talente geht weiter, weshalb wir uns als 'Great Place to Work' auch in 2020 behaupten mussten", so Tekin. Gesucht seien Branchen-orientierte Spezialisten und IT-Allrounder mit ausgeprägtem Umsetzungssinn. Wobei man wissen muss, dass Q_Perior etwa im Business Consulting unterem anderem mit Accenture, Deloitte oder PwC im Wettbewerb steht.
Ausserdem lobt Tekin die Schweizer Administration: "Der Bund hat in der Krise im Gegensatz zu anderen Ländern seinen Worten Taten folgen lassen." Es seien sehr viele öffentliche Ausschreibungen erfolgt und die wirtschaftsliberale Einstellung habe sehr aktiv dazu beigetragen, dass betroffene Unternehmen auch tatsächlich unterstützt wurden.

Der Kundenkontakt war abgebrochen

Als konkretes Problem im Pandemie-Alltag verweist Tekin auf Herausforderungen, die im Vertrieb und Beschaffungsmanagement entstanden sind. Mit dem Lockdown sei der Kontakt zum Kunden abgebrochen. Man habe schnell Krisenprodukte definieren und den Verkauf auf eine rein virtuelle Basis stellen müssen. Vielfach sei bei den Kunden der Umstieg aufs Homeoffice sehr gut gelaufen, Probleme seien nur dort aufgetreten, wo Unternehmen schon zuvor ihre Hausaufgaben nicht gemacht hätten, erklärt Tekin. Erstaunlich sei der "unheimliche Digitalisierungspush" gewesen, der mit Wechsel zum virtuellen Arbeiten Hand in Hand gegangen sei, führt er aus: "Wir haben von dieser digitalen Transformation besonders im Consulting profitiert."
Alles rund um Customer-Services und Customer-Experience sei stark nachgefragt worden. Indem Corona die Digitalisierung zum zentralen Thema auf der Agenda der CTOs, CIOs und CEOs gemacht hat, wird die Schnittstelle zum Kunden genauso wesentlich wie eine optimal realisierte Customer Journey. War früher schon manches ausprobiert worden, "sind jetzt endlich Projekte da, die umgesetzt werden", so Tekin. Selbst wo Q_Perior wie schon bei fast allen Versicherungen der deutschen Schweiz seit 15 Jahren in CRM-Projekten eingespannt gewesen sei, gehe es nun darum, mit einer neuen Software-Generation das nächste Level des direkten Kontakts zum Kunden zu realisieren: "Auch hier bestehen nun konkrete Projekte", fügt er an. Auf andere Weise zeichne sich dieser Corona-bedingte Digitalisierungsschub auch bei der Finanzindustrie ab. Die sei zwar schon seit geraumer Zeit dabei, ihre heterogenen IT-Landschaften abzulösen, doch nun werde viel stärker als bisher der Plattform-Gedanken fokussiert.
Hinzukomme, so Tekin weiter, dass heute "jeder einen Onlineshop haben muss, allerdings möglichst auf einer Omnichannel-Plattform, mit der sich beispielsweise auch B2B2C-Ansätze realisieren lassen". Der hier sich abzeichnende Wandel führe aus dem derzeit noch vorherrschenden Multichannel-Modell heraus, bei dem Organisation, Produktwelt und IT getrennt voneinander bestehen. Im Rahmen der verstärkten digitalen Transformationsbemühungen werden nun Omnichannel-Strategien immer wichtiger, mit denen die medienbruchfreie Verzahnung aller Vertriebs- und Kommunikationskanäle umgesetzt wird, so der Schweizer Geschäftsführer.

Fokus: Plattform-Ökonomie

Spürbar ist gemäss Tekin der krisenbedingte digitale Schub auch bei den technischen Ansprüchen der Kunden. Es reiche heute nicht mehr aus, allein mit Standardapplikationen zu trumpfen, "die wir auf SAP-Basis umsetzen", wie er festhält. Vielmehr rücke immer mehr der Plattform-Gedanke in den Vordergrund, der unter anderem die Anbindung der Hyperscaler zu umfassen hat. So sei Q_Perior auch Microsoft- und Google-Partner und fokussiere damit die "Plattform-Ökonomie". Die gehe in Richtung von künftigen hybriden Multi-Cloud-Umgebungen für Unternehmen, die etwa erlauben via "Rise with SAP" Microsoft Azure für die ERP-Cloud-Migration zu nutzen.
"Für alles was über Standards hinausgeht", so Tekin weiter, "haben wir eigene Entwicklerteams an unterschiedlichen Standorten". Ein Beispiel für agile Softwareentwicklung ist die Pricing-Plattform für die Credit Suisse, die durch Q_Perior gebaut wurde und gemeinsam von Onsite- und Nearshore-Teams betrieben wird. Zudem beschäftige man für so wichtige Fortschrittsthemen wie KI oder Data & Analytics Open-Source-Experten. Angesiedelt ist die rund 40-köpfige Nearshore-Entwicklertruppe im rumänischen Cluj, dem einst siebenbürgischen Klausenburg.

Kostenbremse überwinden

Das Fazit von Tekin am Ende des Gesprächs: "Der krisenbedingte Digitalisierungsschub bringt neue Ideen." Obwohl hier derzeit der Kostendruck bremse, erwartet er, dass neue Geschäftsmodelle und Produkte aufgrund der nun noch stärker datengetriebenen Entwicklung entstehen werden. Zudem bekomme die seit Jahren diskutierte Schnittstelle zwischen Business und IT viel grössere Bedeutung. Jedenfalls werde er mit seinen Kollegen dazu beitragen, die Prozesslandschaften der Unternehmen dem neuen Digitalisierungslevel anzupassen und entsprechende Projekte umzusetzen.
Das sagt interessanterweise ein früherer "bekennender Homeoffice-Gegner". Er hätte in dem Corona-Jahr schnell hinzugelernt und inzwischen akzeptiert, dass "es ein 'New Normal' geben wird". Dennoch sei seine "2. Jahreshälfte 2020 von vielen persönlichen Kundengesprächen geprägt" gewesen. Auch wenn blosse Virtualität nicht ausreiche, brauche man die Vorteile von Online-Meetings und Remote-Work nicht zu vernachlässigen. Gerade der Vertrieb werde künftig wohl das Beste aus beiden Welten nutzen. Tekin freut sich jedenfalls schon auf die Rückkehr ins Büro: "Den direkten Kontakt der Menschen miteinander dürfen wir nicht vernachlässigen."

Loading

Mehr zum Thema

image

Dritter Zukauf in drei Monaten: Infinigate übernimmt Distributor Starlink

Mit dem VAD aus Dubai will sich Infinigate die Region Mittlerer Osten und Afrika erschliessen und den Security-Bereich weiter ausbauen.

publiziert am 5.10.2022
image

Microsoft rollt neues Partner­programm aus

Migration in und Services um die Cloud stehen im Fokus des neuen Microsoft-Channel-Programms. ISVs werden im Laufe des Jahres nachgezogen.

publiziert am 5.10.2022
image

Nach Citrix-Tibco-Merger: Netscaler wird wieder unabhängiger

Das Gleiche scheint auch für Jaspersoft, Ibi und Sharefile zu gelten.

publiziert am 4.10.2022
image

Frédéric Weill übergibt OpenWT in neue Hände

Beim IT-Berater übernimmt Swisscom sämtliche Anteile. Anfang nächstes Jahr kommt mit Pierre Grydbeck ein neuer CEO.

publiziert am 3.10.2022