9 von 10 Schweizer Softwareunternehmen nutzen KI für die Entwicklung. Das treibt Investitionen hoch und macht gleichzeitig Kunden ungeduldiger.
Künstliche Intelligenz hat sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Softwarebranche eingenistet. Fast 90% der Unternehmen geben an, dass KI die Mitarbeitenden bei der Softwareentwicklung unterstützt. Das zeigt der neueste Swiss Software Industry Survey (SSIS) der Universität Bern im Auftrag von Swico. Auch im Marketing (68,5%), bei Führungsaufgaben (60,4%) und im Vertragsmanagement (48,7%) käme der intelligente Helfer öfter zum Einsatz. Der Beschaffungsbereich gibt mit 16,2% an, am wenigsten mit KI zu arbeiten, gefolgt von Finanz- und Personalwesen.
Diagramm: Swiss Software Industry Survey
Die Verantwortung bleibe aber dennoch beim Menschen. Gemäss SSIS gibt keines der Unternehmen an, eine vollständig autonome Dark Factory zu betreiben – 11,8% nutzen aber Multi-Agent-Orchestrierungen. KI fungiere hauptsächlich als Partner während der Codeentwicklung, wie beispielsweise beim Pair Programming (38,2%), wo Entwickler und Maschine gemeinsam am Code arbeiten. Bei 26,5% der Unternehmen definieren die Mitarbeitenden zuerst die Anforderungen, während die KI den Code generiert und durch Tests laufen lässt. Danach würden die Mitarbeitenden diesen überprüfen und genehmigen.
"KI verändert die Softwareentwicklung bereits spürbar", sagt Jon Fanzun, CEO von Swico. "Von einer weitgehend autonomen Produktion sind die meisten Unternehmen aber noch entfernt: KI unterstützt, der Mensch steuert und prüft."
Mehr Ausgaben, weniger Zeit
Die befragten Unternehmen erwarten im Durchschnitt, das Jahr 2026 mit KI-Investitionen in Höhe von über 199'000 Franken zu beenden. 2025 lag dieser Wert noch bei 119'000 Franken. Für nächstes Jahr planen die Befragten im Schnitt rund 234'000 Franken auszugeben. Am meisten investieren die Unternehmen in KI-Plattformdienste (47,6%). 25,5% der befragten Unternehmen nutzen Claude mit Claude Code und Design. ChatGPT belegt mit 13,2% den zweiten Rang, gefolgt von Microsofts Copilot mit 10,4%. Ausserdem fliessen rund 24% in die unternehmensinterne KI-Entwicklung und 17% in KI-Schulungen für Mitarbeitende. Die Investitionen in Entwicklung durch Drittanbieter (5,1%) und spezifische Hardware und Infrastruktur (4,4%) fallen am geringsten aus.
KI-Investitionen pro Jahr. Diagramm: Swiss Software Industry Survey
Durch den Einsatz von KI steigen auch die Ansprüche der Kundschaft. Laut SSIS verlangen sie geringere Entwicklungskosten und kürzere Entwicklungszeiten. Gleichzeitig würden einige Softwareunternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen dementsprechend anpassen. Rund 70% der Unternehmen geben an, KI bislang punktuell oder strukturiert in mehreren Stufen ihrer Wertschöpfung einzusetzen. Eine grundlegende Neuausrichtung von Prozessen und Geschäftsmodellen ist hingegen noch die Ausnahme, heisst es in der Mitteilung.
KI-Governance kommt zu kurz
Laut der Umfrage setzen viele Geschäftsleitungen für den KI-Einsatz auf strategische Ziele, Standards und Vorgaben. Weniger weit verbreitet sind hingegen formale Prozesse zur Steuerung von KI-Projekten, zur Weiterbildung, Budgetkontrolle und Erfolgsmessung. Zwar würden viele Unternehmen bereits über Richtlinien, Checklisten und Meldestellen für Risiken verfügen. Häufig fehle aber noch deren systematische Verknüpfung zu einem umfassenden KI-Governance-System.
Prof. Dr. Jens Dibbern, Studienleiter des SSIS an der Universität Bern, betont: "Eine systematische KI-Governance gewinnt für die Schweizer Softwareindustrie an Bedeutung, damit sie den Einsatz von KI langfristig verantwortungsvoll und zielgerichtet gestalten kann."
Die Schweizer Softwarebranche präsentiert sich laut Mitteilung wirtschaftlich stabil, bleibt aber mit geringen Wachstumserwartungen konfrontiert. Die durchschnittliche EBIT-Marge stieg von 6,4% (2024) auf 7,2% (2025). Dennoch werde für 2026 mit einem Umsatzrückgang von 0,26% gerechnet, für 2027 mit einem minimalen Plus von 0,21%. Auch die Zahl der Beschäftigten dürfte leicht zurückgehen. Immerhin sank die Fluktuationsrate in der Branche von 15,1 auf 13,4%.