DSI Insights: Drogen­handel – Das Internet als Problem und als Lösungs­ansatz

25. Mai 2021, 09:17
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Fentanyl: Wie der Mangel an Transparenz den Drogenmarkt gefährlicher gemacht hat

Manchmal bestimmt das Angebot die Nachfrage. Sehr zum Leidwesen des Kunden muss man dann das Produkt kaufen, welches es im Laden gibt und nicht jenes, welches einem eigentlich vorschwebt. Dieses Problem wächst von einem lästigen zu einem lebensbedrohlichen, wenn wir aus mangelnder Transparenz nicht wissen, dass manche der verfügbaren Produkte uns umbringen können. Diese Gefahr besteht besonders beim Konsum illegaler Drogen.
Vor allem der Handel mit Fentanyl, einer Droge, von der viele wahrscheinlich noch nie gehört haben, hat von dieser mangelnden Transparenz und den Möglichkeiten des digitalen Zeitalters profitiert.
Fentanyl wurde Anfang der 60er-Jahre vom belgischen Chemiker Paul Janssen als Schmerzmittel entwickelt. Es ist ein hochwirksames Opioid, das 50- bis 100-mal stärker als Heroin sein kann (UNODC, 2020). Da es billiger ist, wird Fentanyl gerne als Streckmittel benutzt, um den finanziellen Gewinn beim Verkauf von Drogen zu steigern, ohne Einbussen bei den bewusstseinsverändernden Eigenschaften befürchten zu müssen.
Im Gegensatz zu Opiaten wie Heroin und Morphin, die auf pflanzlicher Basis beruhen, werden synthetische Opioide im Labor hergestellt. Da das weisse Pulver ganz einfach mit anderen Drogen vermischt und in eine Tablette gepresst werden kann, ist Fentanyl mit dem blossen Auge nicht auszumachen. Für gewöhnliche Drogenkonsumenten ist es daher unmöglich zu wissen, ob dieser gefährliche Zusatzstoff in ihrem Produkt enthalten ist oder nicht. Obwohl die Beimischung solcher Substanzen – auch Verfälschungsmittel (engl. adulterants) genannt – nichts Neues ist, ist die Gefahr für eine lebensgefährliche Überdosis durch Fentanyl jedoch ohnegleichen.

Konsumenten haben wenig Mitspracherecht

Wie in jeder anderen Branche wird auch der Fentanyl-Markt von einer Kombination aus Angebot und Nachfrage bestimmt. Auf der einen Seite ist die Nachfrage nach psychoaktiven Substanzen von Gelegenheitskonsumenten als auch klinisch Suchterkrankten von jeher gross. Auf der anderen Seite gibt es Anbieter, die versuchen, diese Nachfrage mit Gewinn zu bedienen.
Angesichts dieser Marktdynamik ist es nicht überraschend, dass die „Erfolgsgeschichte“ von Fentanyl in den Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm. Infolge der Überverschreibung von pharmazeutischen Opioiden wie Oxycodon, wurde das Land in den 90er-Jahren von einer Opioid-Epidemie überschwemmt. Drogendealer erkannten bald, dass sie die amerikanische Nachfrage nach Heroin und verschreibungspflichtigen Medikamenten bedienen konnten, indem sie deren Wirkstoffe durch eine wirksamere und billigere Alternative ersetzten. Leider hatte der Fokus auf Gewinn seinen Preis. Da es vielen Fentanyl-Köchen an der entsprechenden Ausbildung und Ausrüstung mangelt, sind kleine Messfehler nicht auszuschliessen. Dies kann dazu führen, dass eine einzelne Charge eine Tablette nur wenig Fentanyl enthält, während eine andere Tablette zum augenblicklichen Tod führt (RAND Corporation, 2019)
Bis heute hat die Epidemie in den Vereinigten Staaten um die 500.000 Todesopfer gefordert (CDC, 2021) Ein Grossteil davon kann auf Fentanyl zurückgeführt werden, welches seit 2013 vermehrt auftrat. Die meisten Drogenkonsumenten sind sich der Verwendung von Fentanyl in ihrem Produkt nicht bewusst und unterschätzen deshalb dessen Gefährlichkeit (RAND Corporation, 2019) .Diese Unwissenheit erhöht das Risiko für eine Überdosierung immens.
Die Gesetzgebung kann den Gebrauch von Fentanyl zwar reduzieren, aber nicht eliminieren
Die weitestgehend legale und unverhohlene Massenproduktion von Fentanyl trägt massgeblich zum wachsenden Fentanyl-Problem bei. Laut Experten ist das Fehlen wirksamer behördlicher Kontrollen ein wesentlicher Faktor für die Verbreitung von Fentanyl und anderen synthetischen Opioiden (RAND Corporation, 2019). Jahrelang bestellten Drogenhändler ihr Fentanyl online aus China, bis die chinesische Regierung im Mai 2019 die Herstellung und den Verkauf von Fentanyl verbot.
Obwohl dies zunächst zu einer erheblichen Reduzierung des illegalen Fentanyl- Handels führte, tauchten bald neue Varianten des Opioids mit einer nur leicht veränderten chemischen Formel auf. Diese sogenannten „Analoga“ waren absolut legal, da sie genau so nicht namentlich im Gesetz erwähnt wurden. Diese Fentanyl-Varianten hatten zwar theoretisch eine neue chemische Zusammensetzung, waren aber praktisch keineswegs harmloser als ihre frühere Version.
Ein rechtliches Nachspiel brauchten chinesische Anbieter daher kaum zu fürchten, als sie kurz nach dem Fentanyl-Verbot begannen, Analoga und chemische Vorläuferstoffe, die zur Herstellung von Fentanyl verwendet werden können, online zu vermarkten und direkt an Kunden in Nordamerika und Europa zu versenden. (Feng, 2020) Diese gesetzliche Grauzone erschwert die Unterbindung von Fentanyl erheblich.

Das Internet erleichtert die Ausbreitung von Fentanyl

Das Internet verschärft das globale Fentanyl-Problem, da es Anbieter und interessierte Käufer miteinander verbindet und so zu dessen Verbreitung beiträgt. Zum einen erleichtert das Internet den Kunden den Kauf von Fentanyl aus unzureichend regulierten Herkunftsländern wie China. (RAND Corporation, 2019) Zum anderen erleichtert es den Weiterverkauf an seinem Bestimmungsort in beispielsweise Nordamerika und Europa über soziale Medien wie Facebook, Snapchat und Instagram (Demant et al., 2019) und das Darknet, einem versteckten und anonymisierten Teil des Internets; UNODC, 2020).
Glücklicherweise verbieten viele populäre Darknet-Drogenmärkte heutzutage ausdrücklich den Verkauf von Fentanyl, teils um polizeiliche Aufmerksamkeit zu vermeiden, teils aus ideologischen oder moralischen Gründen. Leider können diese Richtlinien jedoch nicht garantieren, dass die angebotenen Produkte frei von Fentanyl sind.
In Europa wird Fentanyl häufig als Heroin- und Kokain-Ersatz, aber auch als Ersatz für Arzneimittel wie Xanax, verkauft (UNODC, 2020). Für die Konsumenten ist daher nicht sofort ersichtlich, ob ein Produkt mit einem Verfälschungsmittel wie Fentanyl versetzt wurde. Es bedarf eindeutig besserer Methoden, die vor dem möglicherweise lebensgefährlichen Inhalt einer Droge warnen können.

Das Internet kann auch helfen, Schaden abzuwenden

Lösungen für das Fentanyl-Problem müssen innovativ sein, um den Herausforderungen eines anpassungsfähigen und sich schnell ändernden Drogenmarktes gewachsen zu sein. Neben staatlichen Regulierungsbemühungen ist es wichtig, Massnahmen auszubauen, die die Gesundheit von Drogenkonsumenten in den Mittelpunkt stellen.
Die Schadensminimierungsphilosophie beruht auf dem Verständnis, dass es unmöglich ist, den Konsum von Drogen vollständig zu verhindern. Anstatt dessen ist es notwendig, sicherzustellen, dass die Substanzen so sicher wie möglich angewendet werden. Insbesondere die Organisation "Energy Control" mit Sitz in Spanien zeichnet sich durch kreative, vorausschauende Massnahmen gegen Drogenüberdosierungen aus. Diese Schadensminimierungsgruppe hat die Genehmigung des Staates, neue Drogen bei Anbietern im Darknet zu kaufen und zu analysieren, um ihr Problempotential zu verstehen. (Westhoff, 2019). Dabei spielen auch Darknet-Nutzer eine entscheidende Rolle (Cox, 2015).
Wie bei z.B. Amazon können Nutzer auch auf Darknet- Märkten ihre Bewertungen über Produkte und Verkäufer abgeben. Durch das Teilen ihrer Erfahrungen können sie somit das Verhalten von Verkäufern, die auf positives Feedback angewiesen sind, massgeblich mit beeinflussen (Tzanetakis et al., 2016).
Die Notwendigkeit, sich einen guten Ruf und Vertrauen mit den Kunden aufzubauen, verleiht Nutzern daher ein beträchtliches Mitspracherecht und ermöglicht es ihnen, sich gegenseitig vor unzuverlässigen Anbietern und Chargen schädlicher Drogen zu warnen. Organisationen wie Energy Control stellen ihnen dabei die Hilfsmittel zur Verfügung, die sie dafür brauchen (Cox, 2015).

Kreativität ist gefragt

Das digitale Zeitalter hat es synthetischen Opioiden wie Fentanyl auf beispiellose Weise leicht gemacht, sich in grossem Umfang zu verbreiten. Obwohl es keinen Hinweis auf einen etablierten Markt für Fentanyl in Europa gibt (mit Ausnahme von Estland) gibt es einige besorgniserregende Trends, die an den Beginn der amerikanischen Opioid-Epidemie erinnern (UNODC, 2020).
Wie aus den Verschreibungsraten für pharmazeutische Opioide zur Schmerzbehandlung hervorgeht, nimmt der medizinische Einsatz von Opioiden auch in Europa zu (UNODC, 2020). Es gibt Bedenken, dass sich die Geschichte der amerikanischen Opioid-Epidemie auch hierzulande wiederholen könnte.
Eine wirksame Gesetzgebung und der kreative Einsatz digitaler Technologien können dazu beitragen, den Gebrauch von Fentanyl in Schach zu halten. Das Internet kann dabei eine entscheidende Rolle spielen, indem es Verbrauchern ein Mitspracherecht gibt. Eine fallende Nachfrage für Drogen, die Fentanyl beinhalten, kann Händler davon abbringen, ihre Produkte mit diesen gefährlichen Zusatzstoffen zu versetzen. Wenn man sie lässt, können digitale Technologien also auch Teil der Lösung sein.

Zur Autorin:

Melanie Knieps ist Postdoc an der Digital Society Initiative (DSI) der Universität Zürich und Research Fellow am John Jay College for Criminal Justice der City University of New York (CUNY). Sie forscht aktuell zur Rolle von Vertrauen in der Cybersicherheit und im Darknet.
References
Zu dieser Kolumne:
Unter "DSI Insights" äussern sich regelmässig Forscherinnen und Forscher der "Digital Society Initiative" (DSI) der Universität Zürich. Die DSI fördert die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft.

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