DSI Insights: Die SwissCovid App – Chancen und Risiken aus der Nutzenden-Perspektive

18. März 2021, 13:57
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DSI-Fellow Sarah Geber stellt Adoptionstypen der App vor und leitet Kommunikationsstrategien zur Förderung der App-Nutzung ab.

Digitale Contact-Tracing-Apps wurden im vergangenen Jahr in vielen Ländern als Teil der COVID-19-Eindämmungsstrategie eingeführt. Das primäre Ziel von Tracing-Apps ist es, die manuelle Verfolgung von Infektionsketten zu ergänzen und dadurch die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen. Tracing-Apps sind mit der Hoffnung verbunden, die Pandemie zu kontrollieren und gleichzeitig eine Erholung des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Systems zu ermöglichen. Der erfolgreiche Einsatz solcher Apps als Präventionsmassnahme setzt voraus, dass möglichst viele Menschen sie auf ihrem Smartphone installieren und aktivieren.

Die SwissCovid App

In der Schweiz wurde die SwissCovid App am 25. Juni 2020 eingeführt. Ähnlich wie andere weltweit eingeführte Apps zur Kontaktverfolgung folgt die SwissCovid App dem Prinzip «privacy by design» (Kahn, 2020). Um die Datensicherheit zu gewährleisten, sind Datenschutz- und Sicherheitsvorkehrungen also bereits in das Design der Technologie eingebaut. So sammelt die App keine Standortdaten, sondern erfasst die Distanz zu anderen Geräten über die Stärke des Bluetooth-Signals, speichert diese Proximity-Daten dezentral auf den Smartphones der Nutzenden, löscht die Daten nach 14 Tagen und minimiert die Zugänglichkeit der Daten für Gesundheitsbehörden. Nur im Falle einer testbestätigten COVID-19-Infektion und der Zustimmung der Nutzerin bzw. des Nutzers werden verschlüsselte Informationen an einen zentralen Server gesendet (Bundesamt für Gesundheit, 2020).
Die Nutzung der SwissCovid App ist freiwillig, was gesetzlich geregelt ist. Damit die App also ein effektives Tool hinsichtlich der Eindämmung der Pandemie ist, müssen möglichst viele Schweizer*innen die SwissCovid App freiwillig auf ihrem Smartphone installieren und aktivieren. In der ersten Woche nach der Veröffentlichung der App dokumentiert das SwissCovid App-Monitoring des Bundesamts für Statistik (2021) eine schnelle Verbreitung der Technologie in der Schweizer Bevölkerung. Dies steht auch im Einklang mit den Ergebnissen einer Umfrage im April 2020, die ergab, dass fast drei Viertel der Schweizer*innen bereit waren, die App zu installieren (Hargittai & Thouvenin, 2020). Nach sieben Tagen stagnierten die Zahlen jedoch bei etwa 1,8 Millionen Downloads und einer Million aktiver Apps. Dies entspricht in etwa einer Nutzungsrate von 12 bis 21 Prozent in der Gesamtbevölkerung und liegt unter den rund 60 Prozent, die nötig wären, um das volle Potenzial des digitalen Contact-Tracings zu nutzen (Hinch et al., 2020).

Adoptionstypen der SwissCovid App

Eine Studie am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (Geber & Friemel, im Erscheinen) setzt hier an und untersuchte die Nutzung bzw. Nicht-Nutzung der SwissCovid App Anfang Juli 2020, also nach der ersten Woche ihrer Veröffentlichung. Basierend auf einer grossangelegten Befragung in der Gesamt-Schweiz wurden Nutzungstypen entlang des Adoptionsprozesses differenziert. Die Analysen resultieren in den folgenden Profilen vier unterschiedlicher Adoptionstypen.
Verweigerer hatten zum Zeitpunkt der Studie die App nicht installiert und auch nicht die Absicht, dies in Zukunft zu tun. Diese Personen nehmen im Vergleich zu den anderen Adoptionstypen das höchste Risiko eines potenziellen Datenmissbrauchs durch die App wahr und sehen zugleich den geringsten Nutzen für die öffentliche Gesundheit. Bemerkenswert ist, dass dieser Typ als einziger das Risiko des Datenmissbrauchs höher einschätzt als den Nutzen der App. Somit nimmt er einen ungünstigen Trade-off zwischen Nutzen und Kosten bei der App-Nutzung wahr. Interessanterweise wissen die Verweigerer relativ wenig über die Sammlung, Speicherung und Zugänglichkeit der von der App erfassten Daten, was darauf hindeutet, dass ihre Datenschutzbedenken nicht gut begründet sind.
Zögerer lehnen im Gegensatz zu den Verweigerern die App-Adoption nicht generell ab, sondern zögern bei der Installation und Nutzung der App. Dieser Adoptionstyp umfasst etwas mehr Frauen im Vergleich zu den anderen Gruppen. In Bezug auf alle untersuchten Dimensionen liegen die Zögerer im Vergleich zu den anderen Gruppen im Mittelfeld, was ihre Unsicherheit reflektiert: Sie erkennen den Nutzen der App, sehen aber gleichzeitig in gewissem Masse das Risiko des Datenmissbrauchs. Auch sind sie weder am besten noch am schlechtesten über den Umgang mit den Daten in der App informiert.
Adopter haben den höchsten Grad an Meinungsführerschaft beim Thema Contact-Tracing-App und scheinen sich entsprechend als Botschafter*innen für die App zu verstehen: Sie bringen im Austausch mit anderen Personen Informationen zur App ein und versuchen, andere zu überzeugen. Adopter sind von den Vorteilen der Tracing-App überzeugt und sehen kein bedeutendes Risiko des Datenmissbrauchs. Das bedeutet, dass für sie der Nutzen der App die möglichen Risiken eines Datenmissbrauchs überwiegt. Sie haben ein vergleichsweise hohes Wissen über den Umgang mit den Daten in der App, was darauf hindeutet, dass sie sich der Datenschutzvorkehrungen bewusst sind, die im technischen Design der App implementiert sind.
De-Adopter sind Personen, die die App installiert hatten, sie aber anschließend deaktiviert oder deinstalliert haben. Sie ähneln in vielerlei Hinsicht den Zögerern, was plausibel ist, da ihre rückgängig gemachte Adoptionsentscheidung auf ein gewisses Mass an Unsicherheit hindeutet. Sie scheinen jedoch etwas sachkundiger zu sein, was den Umgang mit den Daten in der App angeht. Dies kann auf ihre Erfahrungen mit der App aus erster Hand zurückgeführt werden.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse dieses typenbasierten Ansatzes können in Implikationen für Kommunikationsstrategien übersetzt werden, um die App-Nutzung in der Bevölkerung zu erhöhen. Angesichts der Profile der verschiedenen Adoptionstypen sollten sich Kommunikationsbemühungen auf die Gruppen der Zögerer und Adopter konzentrieren. Zögerer sind die vielversprechendste Zielgruppe für Bemühungen zur Verhaltensänderung, da sie die Nutzung der App nicht generell ablehnen und auch einen gewissen Nutzen der App erkennen. Adopter können ein vielversprechender Weg sein, um Zögerer zu erreichen. Denn zwischenmenschliche Kommunikation kann besonders einflussreich sein, wenn es um das Ausräumen individueller Unsicherheiten geht. Dies wird bestätigt durch den Befund, dass die Adopter als Meinungsführer beim Thema Contact-Tracing-App fungieren.
Über diese typenbezogenen Implikationen hinausgehend weisen die Ergebnisse auf die Notwendigkeit hin, die Wahrnehmung des Nutzens der App für die öffentliche Gesundheit zu verbessern. Gleichzeitig sind Bedenken bezüglich des Schutzes der Privatsphäre durch Informationen zum technischen Design der App zu verringern. Erste aktuelle Studien demonstrieren, dass die SwissCovid App wie erhofft funktioniert und eine wichtige Ergänzung zum manuellen Contact-Tracing darstellen kann (Wyl, 2021). Diese Botschaft ist wichtig, um den Nutzen der SwissCovid App zu unterstreichen und mehr Schweizer*innen zu Nutzung der App zu motivieren.

Über die Autorin:

Sarah Geber ist Senior Research and Teaching Associate am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IKMZ). Sie ist aktuell Fellow der DSI und forscht zur Akzeptanz von Contact-Tracing-Technologien als Covid-19-Präventionsmassmahme.

Hinweise zur Befragung:

Die Erkenntnisse basieren auf einer Online-Umfrage, die vom 1. Juli bis 11. Juli 2020 in der Gesamt-Schweiz durchgeführt wurde. Befragt wurden 1‘535 Erwachsene ab 18 Jahren. Die Stichprobe ist repräsentativ hinsichtlich der Verteilung von Alter, Geschlecht und Sprachregionen der Schweiz.

Aktuelle Studie:

Geber, S. & Friemel, T. N. (im Erscheinen). A typology-based approach to tracing app adoption during the Covid-19 pandemic: The case of the SwissCovid app. Journal of Quantitative Description: Digital Media.

Weitere Literaturangaben:

Zu dieser Kolumne:

Unter "DSI Insights" äussern sich regelmässig Forscherinnen und Forscher der "Digital Society Initiative" (DSI) der Universität Zürich. Die DSI fördert die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft.

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