DSI Insights: Können wir einer vertrauensfreien Technologie vertrauen?

5. August 2021 um 08:42
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Geld ohne Bank? Notarielle Dienstleistungen ohne Notar? Die Blockchain-Technologie verspricht, das Bedürfnis nach Vertrauen abzuschaffen. Tatsächlich?

Vertrauen ist die Grundlage aller menschlichen Interaktionen. Vertrauen schaffen ist grundlegend für fruchtbare Interaktionen, sowohl in privaten als auch in geschäftlichen Beziehungen. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung wird das Vertrauen in Technologie immer wichtiger. Studien zeigen, dass Menschen Technologien vertrauen müssen, bevor sie sie einsetzen.
Von der Blockchain heisst es, dass sie die Technologie sei, die das Potenzial hat, die Vertrauensverhältnisse unter den Menschen zu wandeln. Dadurch hat sie viel Interesse geweckt in Gesellschaft, Industrie und Forschung. Einerseits macht die Blockchain-Technologie das in sie gesetzte Vertrauen als ihren Hauptvorteil geltend. Auf der anderen Seite verspricht die Technologie aber auch, eine vertrauensfreie Umgebung zu schaffen, in der die Transaktionsparteien einander nicht vertrauen müssen, um eine Transaktion erfolgreich abzuschliessen. Tatsächlich ist aber die Blockchain-Technologie kein Allheilmittel für sämtliche Vertrauensprobleme.
Wodurch unterscheidet sich die Blockchain also? Auf den ersten Blick könnte man tatsächlich denken, dass die Blockchain mit ihrem dezentralen Betrieb, der grösseren Sicherheit und der Unveränderbarkeit gespeicherter Daten von sich aus Vertrauen verdient. In diesem Artikel behandle ich die Blockchain-Technologie für Anwendungen, die über Kryptowährungen wie Bitcoin hinausgehen.
Unsere Forschung hat ergeben, dass dem Endanwender die technischen Fähigkeiten nicht besonders wichtig sind. Das Vertrauen in die Blockchain-Technologie wird auf andere Weise geschaffen. Dabei beeinflussen drei Faktoren die Wahrnehmung der Anwender bezüglich Vertrauen:

Verständlichkeit

Erstens zeigen Studien, dass je komplexer eine Technologie ist, desto weniger Anwender ihre Funktionsweise verstehen werden. Dies führt zu Misstrauen. Darum muss das Vertrauen der Endanwender gestärkt werden, indem beispielsweise die Verständlichkeit einer Anwendung verbessert wird. Es mag scheinen, dass durch umfassendere Erklärungen der Funktionsweise eines Systems (das heisst seines Zwecks und seiner Prozesse) auch für mehr Transparenz gesorgt wird. Mehr Transparenz kann die Verständlichkeit eines Systems verbessern und somit auch das Vertrauen des Anwenders stärken. Doch diese Beziehung wird von verschiedenen Faktoren negativ beeinflusst.
Bei komplexen Systemen (etwa Expertensystemen, sicherheitsrelevanten Systemen, KI-Systemen oder Systemen zum autonomen Fahren) begünstigen zusätzliche Informationen zur Funktionsweise des Systems möglicherweise das Vertrauen des Anwenders nicht nur nicht, sondern sie sorgen sogar für Misstrauen. Stattdessen sollten zur Schaffung von Vertrauen weder zu wenige noch zu viele Informationen bereitgestellt werden. Eine Erklärung sollte aussagekräftig sein und genau das richtige Mass an Details enthalten, damit sie weiterhin verständlich bleibt. Im Gegensatz zu KI-Systemen ist es nicht Ziel der Blockchain-Systeme, dem Anwender Entscheidungen abzunehmen. Stattdessen bieten sie Zugang zu spezifischen Daten. Darum sollte die Erklärung stärker auf Daten fokussiert sein, beispielsweise durch die Bereitstellung ausreichender Informationen über den Ursprung gespeicherter Daten.

Verantwortung und Reputation

Zweitens ist es Endanwendern wichtig, wer die Technologie bereitstellt. Wer ist der Entwickler, und mit welcher Intention wurde die Technologie entwickelt? Verantwortung und Reputation sind von zentraler Bedeutung für das Vertrauen, das Anwender der Blockchain-Technologie entgegenbringen. Wichtige Merkmale der "ursprünglichen" Nakamoto-Blockchain sind die Dezentralisierung und die Disintermediation, das heisst, das Fehlen eines zentralen Verantwortlichen, der sich um Fehler im Code kümmert, die das Entwicklerteam versehentlich einprogrammiert hat oder die absichtlich herbeigeführt wurden. Mit Hinblick auf das Vertrauen in Organisationen und Institutionen (so etwa in die Autorität des Staats) kann die Entwicklung einer Blockchain-Anwendung die Vertrauenswürdigkeit der Anwendung stärken, wenn das Vertrauen in Organisationen und Institutionen auf die Anwendung übertragen wird. Jedoch hat dieser Vertrauenstransfer auch eine Kehrseite: Beispielsweise wird in Ländern, in denen die Regierung kein Vertrauen geniesst, der Bezug zur Regierungsbehörde das Vertrauen nicht steigern – es kann sogar negativ beeinflusst werden.
So verschwindet das Vertrauen des Anwenders also nicht, sondern wird auf einen Dritten übertragen: den Technologieanbieter. Dieses Fazit lässt erneut die Frage aufkommen, ob die Blockchain-Technologie Vertrauensverhältnisse zwischen Menschen und Institutionen vermittelt und stärkt oder ob es andersherum ist: Eine Blockchain-Anwendung sollte durch persönliche und institutionelle Vertrauensverhältnisse gestärkt werden.

Datenqualität

Drittens bietet die Blockchain zwar eine sichere redundante Datenspeicherung, doch das Problem bei der Dateneingabe besteht fort. In der Informatik gibt es den geflügelten Begriff "Garbage in, Garbage out". Im Kontext der Blockchain ist es umso wichtiger, eine hohe Datenqualität zu gewährleisten. Denn sobald die Daten einmal gespeichert sind, können sie aufgrund der Unveränderlichkeit von Blockchains nicht mehr geändert werden. Es muss sichergestellt werden, dass die Daten korrekt und vollständig gespeichert werden.
Dazu müssen die Kosten beim Einpflegen korrekter Daten in die Blockchain für den Datenlieferanten niedrig sein. In der Praxis bedeutet das, dass alle Teilnehmer einfachen Zugang zum System haben sollten. Dies lässt sich durch benutzerfreundliche Schnittstellen, integrierte IT-Tools oder eine automatisierte Dateneingabe erzielen. Ausserdem können IoT-Lösungen (Sensoren für physische Messungen) zusammen mit Oracles (Dienstleistungen Dritter zur Verifizierung von Daten) denkbare Ansätze darstellen. Zur Gewinnung hochwertiger Daten können ebenfalls Anreize in einem Blockchain-Netzwerk geboten werden. Solche Anreize können finanzieller Natur sein oder sich auf die Reputation auswirken. Zuletzt sollte den Endanwendern die hohe Datenqualität vermittelt werden, indem ihnen erklärt wird, wie die Daten gespeichert wurden und welche Risiken für Manipulation bestehen.

Fazit

Wenn Sie also das nächste Mal hören, dass die Blockchain das Bedürfnis für Vertrauen abschafft, dann glauben Sie das nicht. In diesem Artikel habe ich verschiedene Mechanismen zur Schaffung von Vertrauen veranschaulicht, die für Mehrwert sorgen und die Vertrauenswürdigkeit von Blockchain-Anwendungen vermitteln können, die versprechen, vertrauensfreie Umgebungen zu schaffen.

Über die Autorin:

Dr. Liudmila Zavolokina ist Postdoktorandin an der Digital Society Initiative der Universität Zürich (UZH) und aktives Mitglied des UZH Blockchain Center. Ihre Forschung ist designorientiert und konzentriert sich auf Blockchain-Technologie, digitales Vertrauen und digitale Ökosysteme für Public Value.

 


Zu dieser Kolumne:

Unter "DSI Insights" äussern sich regelmässig Forscherinnen und Forscher der "Digital Society Initiative" (DSI) der Universität Zürich. Die DSI fördert die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft.

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