DSI Insights: Persönliche Integrität spielerisch fördern

31. März 2020, 14:18
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Ein Videospiel hilft integres, werteorientiertes Verhalten im Unternehmen zu stärken. Entwickelt haben es Wissenschafter der Uni Zürich und der Zeppelin Universität.

Viele Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, neben unternehmensspezifischen Aufgaben auch die Einhaltung von Ethik-Kodizes zu gewährleisten und eine wertebasierte Unternehmenskultur zu stärken. Wie kann dies gelingen? Zu den bislang dominanten Strategien gehörten Regulierung und Investitionen in Compliance. Während ein gewisses Mass an Kontrolle zweifellos wichtig ist, gilt es aber auch zu beachten, dass Kontrolle und Überwachung eine Reihe von unerwünschten Nebenwirkungen mit sich bringen können, wie unter anderem Verlust an Eigendenken und Eigenverantwortung, Unzufriedenheit, Frustration und Demotivation am Arbeitsplatz. Es erscheint deshalb wichtig, neben regelbasierten Strategien auch auf die Stärkung individueller, selbstregulatorischer Kompetenzen zu setzen, die werteorientiertes Verhalten (persönliche Integrität) von Führungskräften und Mitarbeitenden überhaupt ermöglichen. Nur wie?
Unternehmensinterne Schulungen müssen dabei auch dem Umstand Rechnung tragen, dass Vermittlung von Wissen oder Einsicht allein noch keinen Transfer in effektives Verhalten garantiert. Transfer setzt unter anderem Lernen und wiederholtes Üben voraus. Eine Chance hierzu bietet die Digitalisierung. Seit Beginn der digitalen Revolution werden in der Aus- und Weiterbildung in zunehmenden Masse Video- und Computerspiele eingesetzt, um individuelle Fähigkeiten zu üben und zu trainieren. Vor einigen Jahren wurde insbesondere auch der Begriff Serious Moral Games geprägt, womit digitale Lernspiele gemeint sind, die zum Ziel haben, alltagsnahe moralische Kompetenzen zu fördern. Durch solche Spiele soll Lernen nicht nur mehr Spass machen, sondern auch ein Üben von Kompetenzen in realitätsnahen Kontexten durch wiederholte Erfahrung und Rückmeldungen ermöglicht werden. Und was ebenfalls wichtig ist: Sie erlauben es, Fehler zu machen und aus Fehlern zu lernen, ohne dass das Risiko eines realen Schadens besteht.
Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes des Schweizerischen Nationalfonds haben wir ein Videospiel (“uFin: The Challenge”) entwickelt, welches hilft neben der Erfüllung unternehmerischer Aufgaben auch integres, werteorientiertes Verhalten zu stärken.
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Szene von uFin: The Challenge
Integres Verhalten im Berufsalltag setzt wahrnehmungs-, motivationale, entscheidungs- und handlungsbezogene psychologische Ressourcen voraus. Oft liegt der erste Schritt in der Wahrnehmung, das heisst in der Fähigkeit überhaupt zu realisieren, dass die eigenen Tätigkeiten oder die anderer im Widerspruch zu den Unternehmenswerten sind oder sein könnten, dass Schaden für das Unternehmen, die Gesellschaft oder die Umwelt resultieren könnte. Wird kein Widerspruch erkannt, so liegt aus Sicht der betroffenen Person auch kein Problem vor. Unerwünschtes Fehlverhalten kann die Folge sein.
In unserem Spiel geht es deshalb zunächst um die Förderung ebendieser Wahrnehmung, der moralischer Sensitivität, im Business- und Finanzkontext. Genauer: Es geht darum, das Sensorium für potenzielle Regel- und Wertverletzungen, das Bewusstsein für "blinde Flecken" in der eigenen Wahrnehmung sowie das Verständnis für die Bedürfnisse und Interessen anderer zu schärfen. Im Spiel werden die TeilnehmerInnen dabei mit alltagsnahen Konflikt- und Entscheidungssituationen und verschiedenen Fallstricken konfrontiert. Während des Spiels wird aufgezeigt, welche kurz- und langfristigen Konsequenzen aus dem eigenen Handeln resultieren. Wer den Herausforderungen angemessen begegnet, kann einen Skandal um das Unternehmen verhindern.

Wirksamkeit empirisch überprüft

Ein Spiel zu entwickeln ist das eine, die andere Frage ist, ob dieses auch effektiv ist in Bezug auf die Förderung von individuellen Kompetenzen. Zur Beantwortung dieser Frage entwickelten wir im Rahmen dieses Forschungsprojektes zuerst ein Instrument zur Messung der moralischen Sensitivität. Dieses wurde ausführlich validiert und getestet. In einer darauffolgenden und umfangreichen empirischen Studie nahmen 345 Studierende verschiedener Fachdisziplinen teil, welche "uFin: The Challenge" zweimal spielten. Einige Zeit vor und nach dem Spielen wurde deren moralische Sensitivität mit dem soeben erwähnten Instrument gemessen. Die Analysen ergaben, dass sich das Sensorium für Regel- und Wertverletzungen tatsächlich verbesserte. Die Resultate legen jedoch auch nahe, das Spiel durch weitere Lehrmethoden (z.B. Nachbesprechungen) und Sozialformen (z.B. das Spiel in Gruppen spielen) zu ergänzen und somit zu untersuchen, in welcher Weise die Wirksamkeit des digitalen Lernspiels weiter verbessert und ein Transfer in den Berufsalltag unterstützt werden kann.

"uFin: The Challenge" selbst spielen

Das Spiel ist auf einem Tablet spielbar, nicht aber online. Bei Interesse kann man sich gerne bei Prof. Dr. Tanner melden: [email protected]
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    Carmen Tanner

    Professorin für Wirtschaftspsychologie

    Prof. Dr. Carmen Tanner ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Zeppelin Universität und Universität Zürich; Vize-Direktorin des Leadership Excellence Instituts Zeppelin (LEIZ); Leiterin des Centers for Responsibility in Finance (am Institut für Banking und Finance, UZH); Mitglied der UZH Digital Society Initiative; Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von DICO (Deutsches Institut für Compliance). Ihre Forschungsinteressen beinhalten u.a. Behavioral Ethics, Unternehmenskultur, Compliance und Integritymanagement, digitale Ethik und Lerntools.

Literatur:

  1. Hauser, C., & Nieffer, R. (2017). Korruptionsprävention mittels eines computerbasierten Planspiels. In S. Wolf, & P. Graeff (Hrsg). Korruptionsbekämpfung vermitteln (pp. 235-257). Wiesbaden: Springer VS.
  2. Schmocker, D., Tanner, C., & Christen, M. (2020). Serious Games for Promoting Moral Sensitivity in Business: An Experimental Study. Manuskript in Vorbereitung.
  3. Tanner, C. (2017). Werte und Führung: Werte leben und Werte schaffen. Wirtschaftspsychologie, 1, 15-21.
  4. Tanner, C., & Christen, M. (2014). Moral Intelligence: A framework for understanding moral competences. In M. Christen, C. van Schaik, J. Fischer, M. Huppenbauer, & C. Tanner & (Eds.). Empirically Informed Ethics: Morality between Facts and Norms (pp. 119-136). Berlin: Springer.

Zu dieser Kolumne:

Unter "DSI Insights" äussern sich regelmässig Forscherinnen und Forscher der "Digital Society Initiative" (DSI) der Universität Zürich. Die DSI fördert die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft.

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