Fredys Internet Protocol: Die Internet-Regierung

19. Mai 2014, 07:25
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Das Internet funktioniert so gut, weil es keiner kontrolliert oder regiert. 'Bottom Up Governance' hat sich etabliert, schreibt Kolumnist Fredy Künzler.

Das Internet funktioniert so gut, weil es keiner kontrolliert oder regiert. 'Bottom Up Governance' hat sich etabliert, schreibt Kolumnist Fredy Künzler.
Haben Sie sich eigentlich schon mal überlegt, weshalb das Internet meistens ziemlich gut funktioniert? Es ist ja nicht etwa so, dass Ihr Lieblings-Internet-Provider für "das ganze Internet" verantwortlich wäre, sondern bestenfalls für ein, zwei Promille des weltumspannenden Netzwerks. "Das Internet" hat mittlerweile über 3 Milliarden BenutzerInnen, die jede Minute, jede Sekunde irgendwelche Daten hin und her senden.
Und das sind nur die Menschen. In wenigen Jahren schon wird die Kommunikation zwischen den Maschinen die der Menschen um ein vielfaches übertreffen. Smarte Geräte schaufeln Tonnen von Daten in die Wolke und zurück, es werden vollautomatisch Statistiken, Auswertungen und Reports generiert, die kein Mensch anguckt... und es funktioniert so selbstverständlich, dass man baff ist, wenn es mal nicht tut.
Die Zahl der Systeme im Netz werden täglich mehr, das Internet wuchert wie eine weltumspannende Krake und erfasst immer mehr Bereiche unseres Lebens, dass keiner mehr auch nur im Entferntesten eine Ahnung davon geschweige die Kontrolle darüber hätte. Und trotzdem läuft es, sie können Mails von Ouagadougou nach Timbuktu senden, als wären es Briefe von Winterthur nach Effretikon.
Meiner subjektiven Betrachtung nach wird "das Internet" auch stets stabiler und verlässlicher. Vor 12 oder 14 Jahren knallte es gelegentlich in unserem Backbone, dass uns die Sache ziemlich um die Ohren geflogen ist - ich erinnere mich gut an jenen vermaledeiten Sonntagnachmittag irgendwann zirka 2002, als ich im damaligen Telehouse in Zürich einen Layer-2-Loop zu flicken versuchte. Heute? Ein Fibercut bringt uns doch nicht mehr aus der Ruhe, denn der Traffic wird innert 50ms automatisch auf einen alternativen Pfad umgeschaltet und die Siesta geht weiter. Und dies, obwohl wir vielleicht hunderttausend Mal mehr Daten transportieren als noch vor zehn Jahren.
Es funktioniert also. Und es funktioniert deshalb, weil keiner kontrolliert oder regiert. Das Internet funktioniert bloss deshalb, weil es selbstreguliert ist. Jeder darf mittun, egal, ob man bloss ein, zwei Server in einem Datacenter stehen hat, oder ob man ex-Monopolist wie eine Deutsche Telekom mit Millionen von Endkunden ist. Alle sind willkommen, an diesem Selbstregulierungs-Prozess teilzunehmen.
In Europa und dem mittleren Osten heisst diese Selbstregulierungs-Organisation RIPE NCC. Ein Verein, zwar mit nahezu 10'000 Mitgliedern, mit über 130 Vollzeit-Mitarbeitenden und einem Budget von über 20 Millionen Euro pro Jahr sicher eine ernstzunehmende Organisation, aber mit einer niederschwelligen Eintrittshürde.
RIPE NCC feierte in diesen Tagen das 25-jährige Bestehen. Die fast 600 TeilnehmerInnen des RIPE68 Meetings in Warschau aus allen Herren Länder in der Europa- und Middle-East-Region stiessen auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte an.
RIPE ist 'Bottom Up Governance'. Man diskutiert in Arbeitsgruppen und Mailinglisten solange, bis ein Konsens erreicht wird. Dieser Prozess der Entscheidungsfindung nennt sich Policy Development, und jeder darf sich einbringen. Interessanterweise ist die Mehrheit der TeilnehmerInnen seit Jahren dabei, man kennt sich, man vertraut einander, und die Sache ist keineswegs steif oder über-vorsichtig, sondern entspannt. Krawatten sind eher selten, der Anteil an Nerds überdurchschnittlich, das persönliche Engagement einiger beispiellos und die Toleranz und Akzeptanz kaum zu übertreffen. Alle arbeiten an dem einen Ziel, das globale Internet besser zu machen.
Jeder Versuch einer nationalen oder gar totalitären Regierung, mehr Kontrolle über das Internet zu gewinnen, ist wegen der heterogenen und anarchischen Struktur zum Scheitern verurteilt und auch mit aller Entschiedenheit abzulehnen. Staatliche Kontrolle oder Monopoly-Spiele würden dieses selbstregulierte Erfolgs-System zerstören. Bedauerlicherweise haben dies einige Internet-Provider, auch in der Schweiz, nicht begriffen. Um Pfründe zu sichern, wird gegen die eigenen Kunden gearbeitet, statt sich kooperativ und konstruktiv in diesem virtuellen Biotop einzubringen.
Überlegen Sie sich deshalb, verehrte Leserschaft, wessen Internet-Rechnung Sie Monat für Monat begleichen möchten. Sie haben die Wahl. In manchen Ländern gibt es nach wie vor eine monopolistische, staatliche, teure, unflexible und kundenunfreundliche PTT. (Fredy Künzler)
Fredy Künzler (46) ist Gründer, CEO und Network-Architect des Business- und Wholesale-Internet-Providers Init7, Parlamentarier im grossen Gemeinderat in Winterthur und Papi eines vierjährigen "Digital Native". Seine Kolumnen für inside-it.ch und inside-channels.ch erscheinen in loser Folge. Fredy Künzler äussert seine persönliche Meinung.

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