Parldigi direkt: Warnen als Geschäftsmodell?

4. November 2026 um 10:30
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Franz Grüter. Foto: zVg

Steckt hinter den Warnungen der grossen KI-Konzerne vor ihrer eigenen Technologie wirklich Verantwortung – oder auch das Interesse, die Konkurrenz auszubremsen?

Am 30. November 2022 stellte OpenAI ChatGPT als kostenlose Forschungsvorschau ins Netz. Innerhalb von fünf Tagen meldeten sich über eine Million Menschen an, im Januar 2023 waren es schätzungsweise bereits 100 Millionen monatlich aktive Nutzerinnen und Nutzer. Keine Konsumentenanwendung war bis dahin schneller gewachsen. Nvidia Chef Jensen Huang sprach vom "iPhone-Moment der KI". Seither setzen Millionen von Menschen und Unternehmen weltweit Künstliche Intelligenz ein, und der Nutzen ist beeindruckend: Effizienzgewinne, neue Produkte, ganze Arbeitsabläufe, die sich neu denken lassen.
Doch je leistungsfähiger die Systeme werden, desto lauter wird der Ruf nach Regulierung. Bemerkenswert ist, wer besonders laut ruft: die erfolgreichsten KI-Unternehmen selbst. Die Chefs von OpenAI und Anthropic warnen vor Kontrollverlust, und Elon Musk, dessen Firma xAI den Chatbot Grok entwickelt, mahnt seit Jahren vor den Gefahren der Technologie. Schon ist von einem "Oppenheimer-Moment" die Rede, in Anlehnung an den Physiker, der das Atombombenprojekt in Los Alamos leitete und danach vor den Folgen seiner eigenen Schöpfung warnte. Droht uns ein digitales Frankenstein-Monster?
Ich will nichts kleinreden. KI-Systeme bergen Risiken, und es gab bereits Vorfälle, bei denen sich Systeme anders verhielten als von ihren Entwicklerinnen und Entwicklern vorgesehen. Das verdient Aufmerksamkeit. Aber wer vor einem Produkt warnt und es gleichzeitig mit Milliarden weiterentwickelt, dessen Motive darf man hinterfragen.
Ich bin überzeugt: Die grossen Anbieter verfolgen neben ihren Warnungen auch eine eigene Agenda. Erstens verschlingt das Wachstum gewaltige Summen. Es braucht riesige Rechenzentren, Chips und Energie, also Kapital in einer Grössenordnung, die selbst Grosskonzerne an ihre Grenzen bringt. Wer Zeit braucht, um diese Infrastruktur aufzubauen, hat ein Interesse daran, das Tempo der Konkurrenz zu drosseln. Zweitens schützen strenge Regeln jene, die sie sich leisten können. Ein Konzern mit Hunderten von Juristen verkraftet aufwendige Prüfverfahren mühelos, ein junges Unternehmen nicht. Und wer bei der Ausarbeitung der Regeln mit am Tisch sitzt, gestaltet sie zu seinen Gunsten. Drittens ist die Warnung auch Werbung: Wer behauptet, seine Technologie sei so mächtig, dass sie die Welt verändern oder gar gefährden könne, sagt den Investoren zugleich, wo sie ihr Geld anlegen sollen. Viertens spielt die Geopolitik mit. In den USA geht die Angst um, chinesische Anbieter könnten das Rennen um die KI Vorherrschaft gewinnen. Sicherheitsargumente eignen sich hervorragend, um Abschottung zu begründen.

Regulierung drosselt Innovation

Für Europa ist das eine gefährliche Gemengelage. Bei uns steht die Regulierung leider fast immer an erster Stelle, die Innovation folgt, wenn überhaupt, an zweiter. Will Europa digital unabhängiger werden, muss es diese Reihenfolge umkehren. Regulierung braucht es, aber nachgelagert und gezielt dort, wo sich konkrete Probleme zeigen. Wer zuerst reguliert und dann auf Innovation hofft, verliert im globalen Wettbewerb den Anschluss.
Ich bin regelmässig in den USA und in China und kenne viele Anbieter persönlich. Was mich dort jedes Mal beeindruckt, ist die Haltung: Neue Technologien werden sorgfältig, aber mit Begeisterung vorangetrieben. Und wer ein Projekt überzeugend darlegt, findet das nötige Kapital. Diesen Geist brauchen wir auch bei uns.
Die Schweiz hat dafür gute Voraussetzungen. Innerhalb Europas nehmen wir als Standort für KI-Infrastruktur eine führende Rolle ein. Hochmoderne, hocheffiziente Rechenzentren mit Abwärmenutzung bilden das Rückgrat. Den Kritikern dieser Anlagen rate ich, sich genau zu informieren: Dank neuer Technologien arbeiten Schweizer Rechenzentren deutlich energieeffizienter als viele vergleichbare Anlagen im Ausland, und ihre Abwärme kann Wohnungen und Gewerbe heizen.
Meine Botschaft an Bern ist deshalb klar: Nehmen wir die Risiken ernst, aber lassen wir uns die Agenda nicht von jenen diktieren, die von strengen Regeln am meisten profitieren. Die Schweiz soll nicht vorauseilend regulieren, sondern ermöglichen. Zuerst die Innovation, dann die Regeln.
Über die Kolumne
Jeden Monat äussern sich Politikerinnen und Politiker sowie digital-politisch Engagierte aus allen Lagern zum Geschehen in Bern und in den Kantonen in der "Parldigi direkt"-Kolumne. Heute schreibt Nationalrat Franz Grüter (SVP/LU).

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