Google-Schwesterfirma muss nächstes Smart-City-Projekt beerdigen

24. Februar 2021, 14:33
image

Ein Projekt von Sidewalk Labs zur Erfassung von Mobilitätsmustern in der US-Stadt Portland wird eingestellt. Die Behörden beendeten die Zusammenarbeit.

Im Mai 2020 gab die Alphabet-Tochter und Google-Schwesterfirma Sidewalk Labs bekannt, ihre Pläne, Torontos Hafenviertel in eine der ersten High-Tech "Smart Cities" der Welt zu verwandeln, aufzugeben. Damals erklärte das Unternehmen, die Corona-Krise habe dazu geführt, dass das Projekt namens "Quayside" nicht mehr realisierbar sei. Doch in der kanadischen Stadt hatte es bereits zuvor Kontroversen über das Ausmass der Pläne von Sidewalk Labs gegeben.
Nun ist in Portland ein weiteres Projekt von Sidewalk Labs eingestellt worden. In der Stadt im US-Bundesstaat Oregon hatte das Unternehmen im Mai 2019 mit der Erprobung einer Software zur Mobilitätserhebung begonnen. Diese nutzte mit Hilfe von KI und Machine Learning nicht identifizierbare mobile Standortdaten, um zu zeigen, wie sich Menschen durch die Stadt bewegen. Sidewalk Labs lagerte später das Projekt an sein 2019 gegründetes Spin-off Replica aus. Dieses sollte es in Zusammenarbeit mit der regionalen Regierungsbehörde Metro weiterentwickeln.

Genaue Informationen bei geschützter Privatsphäre

"Replica ist ein neues Werkzeug, das Metro und seinen Partnern helfen kann, besser zu verstehen, wie das Verkehrssystem der Region für alle sicherer und effizienter gestaltet werden kann", heisst es auf der Website der Behörden. Replica verwende Daten aus verschiedenen Quellen, um ein Computermodell zu erstellen, das darstelle, wie Menschen durch die Region reisen würden. Es verspreche, detailliertere und genauere Informationen zur Mobilität zu liefern, während gleichzeitig die Privatsphäre geschützt werde.
Doch genaue diese Privatsphäre hat nun offenbar zu Streit zwischen Replica und Metro geführt, wie die Tech-Journalistin Kate Kaye auf 'Retailmedia.org' schreibt. Die Rede ist von "Datenstreitigkeiten und beschädigtem Vertrauen". Gegenüber Kaye hatte sich der für das Projekt zuständige Eliot Rose, Technology Strategist bei Metro, anfänglich noch begeistert gezeigt: "Wir haben keine Tools gesehen, die solche Informationen bieten, wie sie Sidewalk Labs zur Mobilität von Fussgängern und Radfahrern liefern kann."

Behörden geben Akzeptanzkriterien vor

Im Verlauf des Jahres 2020 kippte dann aber die Begeisterung. Kaye zitiert dazu aus diversen E-Mails von Metro und Replica. Um sicherzustellen, dass die "digitalen Bevölkerungsavatare" von Replica wirklich widerspiegeln würden, wo, wann und auf welche Weise sich die Menschen in der Region typischerweise fortbewegen, habe Metro dem Unternehmen eine Reihe von Akzeptanzkriterien vorgegeben.
Im August 2020 hiess es dann von Seiten Metro: "Basierend auf Ihren Vorschlägen können wir uns nicht auf Replica als Quelle für Fahrrad- / Fussgängerdaten, als Eingabe für unser Reisemodell oder als Werkzeug für detaillierte Eigenkapitalanalysen verlassen." Replica entgegnete, man habe von den Behörden nicht genügend der dafür notwendigen Basisdaten erhalten.

Vorwurf: Mangelnde Transparenz

Im Oktober 2020 schrieb dann der Verantwortliche bei Metro, Eliot Rose, an Replica: "Das Verhalten von Replica hat uns nicht nur daran gehindert, die Transparenz zu haben, die wir benötigen, um uns auf die Daten von Replica zu verlassen. Dies hat unser Vertrauen in das Projekt und in Replica als Partner geschädigt."
Und weiter: "Für uns bedeutet Transparenz, dass wir der Öffentlichkeit quantitative, objektive Informationen darüber mitteilen können, ob die von uns verwendeten Daten repräsentativ, genau, unvoreingenommen und zum Schutz der Privatsphäre sind."
Metro habe von Replica auch auf Nachfrage weder "margins of error" erhalten, um die Genauigkeit des Modells zu überprüfen, und auch kein "full privacy audit", sondern nur einen Auszug und nicht den vollständigen Datenschutzbericht. Deshalb beende man die Zusammenarbeit. Replica bestritt gegenüber der Journalistin die Vorwürfe: "Es wurde ein vollständiger Bericht vorgelegt. Unsere Aufzeichnungen zeigen, dass Metro diesen nie geöffnet hat."

Replica: "Wir waren nicht zu Kompromissen bereit"

Ausgehend vom Bericht von 'Retailmedia.org' holte die 'BBC' weitere Stellungnahmen von Replica wie auch von Metro ein. Replica schreibt: "Wir bei Replica glauben, dass bessere Einblicke nicht auf Kosten der persönlichen Privatsphäre gehen sollten. Wir waren nicht bereit, Kompromisse bei unseren Datenschutzprinzipien einzugehen, was unseren Kunden Portland Metro frustrierte und letztlich zu einem vorzeitigen Ende des Projekts führte."
Von Seiten der Behörenden Portlands heisst es: "Nach der Überprüfung des Datenentwurfs beendete Metro die Beziehung zu Replica. Metro hat Replica nicht für irgendwelche Dienstleistungen bezahlt. Wir wünschen Sidewalk Labs das Beste für seine zukünftige Arbeit."

Loading

Mehr zum Thema

image

Google will ChatGPT-Konkurrenz öffentlich zugänglich machen

OpenAI hat mit Microsoft den Kampf um die Zukunft des Internets eröffnet, nun zieht Google nach. Das bedeutet ein Umdenken im Suchmaschinenkonzern.

publiziert am 3.2.2023
image

Podcast: Was hinter dem Zürcher Datenskandal steckt

In dieser Podcast-Episode arbeiten wir den Zürcher Datenskandal auf. Wie konnte es dazu kommen, was ist genau geschehen und was muss passieren, damit das nie mehr passiert?

publiziert am 3.2.2023
image

So arbeiten Googles interne Hacker

Hoodies, Plasmalampen, digitale Brandstiftung. Daniel Fabian, Leiter von Googles Team Red, zeigt Praktiken seiner Hacker-Gruppe.

publiziert am 2.2.2023
image

ChatGPT wächst so schnell wie keine andere App

Der KI-Chatbot bricht Rekorde und verzeichnet 100 Millionen aktive Nutzer innert nur 2 Monaten. Nun soll bald ein Abo-Modell eingeführt werden.

publiziert am 2.2.2023