RZ-Boom ist in Zürich (derzeit) kein Problem

19. Februar 2021, 10:10
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Frankfurt will die ungebremste Nachfrage nach Datacentern regulieren. Wie die Situation am RZ-Hotspot Zürich aussieht, haben wir Stadt und Kanton gefragt.

Datacenter sind als energiehungrige, landfressende und gesichtslose Bauten bekannt. Für die Stadt Frankfurt sind sie damit zum Problem geworden, wie kürzlich die Stadtregierung mitgeteilt hat. Zumal es bei der aktuellen RZ-Dichte (rund 60 firmenunabhängige RZs von etwa 35 Betreibern) nicht bleiben werde. Vielmehr rechnet der Magistrat der Finanzmetropole damit, dass sich der RZ-Flächenbedarf von heute etwa 65 Hektaren bis 2030 um zusätzliche etwa 70 Hektaren vergrössern wird. Als Folgen würden sich erhöhte Preise für die Grundstücke abzeichnen, was das weniger finanzstarke Gewerbe benachteilige, und zudem seien die Klimaschutzziele der Stadt gefährdet. Hinzu würden wegen der starken Nachfrage wachsende Risiken wegen des hohen Stromverbrauchs kommen.
Darum soll jetzt reguliert werden, der Frankfurter Magistrat will ein "städtebauliches Entwicklungskonzept" vorlegen für die allerdings als "unbestritten nötige Basisinfrastruktur für die Zukunft" bezeichneten RZs. Gegenüber 'Heise' hielt das Planungsdezernat der Stadt fest, man wolle die Entwicklung steuern, Wildwuchs begrenzen und verhindern, dass weniger finanzkräftige Gewerbebetriebe verdrängt werden. So sollen die RZs künftig nur noch in Clustern angesiedelt werden und in Energieeffizienz investieren. Nicht zuletzt sollen die Zentren weniger breit als hoch gebaut und mit Fassaden versehen werden, um das Errichten unansehnlicher Klötze zu verhindern.

Zürich hat die sechstgrösste RZ-Leistung Europas

Angesichts dieser Diskussion fragt es sich, wie die Situation in der Region Zürich aussieht, die nach London, Frankfurt, Amsterdam, Paris und Dublin mit 68 Megawatt die sechstgrösste RZ-Leistung in Europa anbietet, wie kürzlich der Immobiliendienstleister CBRE festgehalten hat. Wie Frankfurt zeichnet sich auch Zürich durch starkes Wachstum aus, so soll sich laut dem Bericht schon bis 2022 die Leistung auf 118 Megawatt steigern. Und nur schon die derzeit im Bau befindlichen RZs von Green, Interxion oder Vantage werden die aktuelle RZ-Fläche in der Region Zürich von 63'000 Quadratmetern mehr als verdoppeln.
Werden hier also ähnliche Problem entstehen, wie sie in der deutschen Finanzmetropole schon diskutiert werden? Wir haben bei der Stadt und dem Kanton Zürich nachgefragt. Auffällig ist bei den Antworten, dass von der Stromversorgung über den Flächenbedarf bis hin zu spezifischen Bauvorschriften hierzulande kaum Diskussionsbedarf von Seiten der Politik zu bestehen scheint. Doch der Reihe nach.

Stadt Zürich: Lob der eigenen RZs

Bei der Stadt hält man zunächst fest, dass "über geplante Rechenzentren Dritter auf dem Gebiet der Stadt Zürich aktuell keine Informationen" vorliegen. Die zwei eigenen Rechenzentren, Albis und Hagenholz, in denen sämtliche Daten der Stadt Zürich verwaltet werden, gehörten jedoch zu den grünsten der Schweiz und seien nach dem Energieeffizienz-Label für Rechenzentren, dem "Trusted Site eEfficiency TSe2" Level 4 zertifiziert, betont Sprecherin Catharina Fingerhuth. Ausserdem werde ihre Abwärme für die Wärmeversorgung von nahegelegenen Wohnsiedlungen genutzt. So würden grosse Mengen an CO2 weniger ausgestossen und das EWZ leiste zusammen mit den Kundinnen und Kunden einen wesentlichen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz, fügt sie denn auch an.
Auf die Frage, ob genügend Flächen zum Datacenter-Auf- und -Ausbau bestehen, wird Fingerhuth aber nicht konkret, sondern verweist auf die Bau- und Zonenordnung, in der geregelt sei, wo auf Stadtgebiet welche Nutzungen zulässig sind, etwa für Wohnen und Gewerbe. Danach müssten sich auch RZ-Bauvorhaben richten. "Ob und wie ein privates Grundstück genutzt wird, obliegt der jeweiligen Eigentümerschaft – das gilt auch für den Fall, dass ein ganzes Areal für einen Neubau zur Verfügung gestellt oder verkauft wird", schiebt sie nach. Darüber hinaus führt sie aus, dass "alle Baugesuche in der Stadt Zürich nach den gleichen Rechtsbestimmungen gemäss kantonalem Planungs- und Baugesetz (PBG) beurteilt" werden. Das verlange "im Regelfall" auch eine "befriedigende Gesamtwirkung" auf die bauliche und landschaftliche Umgebung und umfasse die Materialien und Farben. Zudem müsse auf den Natur- und Heimatschutz besondere Rücksicht genommen werden, wie es in den entsprechenden PBG-Paragraphen heisst.
Auch bei der Stromversorgung sieht Zürich offensichtlich keinen Handlungsbedarf. Der Kundenkreis des städtischen Elektrizitätswerks (EWZ) umfasse ohnehin nicht nur Datacenter auf dem Gemeindegebiet der Stadt, sondern sei über die ganze Schweiz verteilt. Insgesamt seien 2019 knapp 3'600 GWh innerhalb der Schweiz abgegeben worden, davon rund 2'900 GWh an die Stadt Zürich, führt die Sprecherin aus. Dabei müsse man aber wissen, dass das EWZ insgesamt knapp 9'000 GWh erzeugt und beschafft habe, wovon rund 5'200 GWh aus erneuerbarer Energie stammten. Also könne das EWZ auch in Zukunft genügend Energie für Grossabnehmer wie die RZs zur Verfügung stellen, so Fingerhuth.

Kanton Zürich: freie Flächen begrenzt und begehrt

Beim Kanton Zürich gibt man in Sachen Stromversorgung ebenfalls Entwarnung. Laut dem Sprecher der Baudirektion, Markus Pfanner, hätten die RZs als grosse Stromverbraucher die Wahl, ob sie über die Grundversorgung ihres Verteilnetzbetreibers oder am freien Markt den Strom beziehen. Bleibe ein RZ beim Verteilnetzbetreiber, würde der über seine "vorausschauenden Netzentwicklungspläne" die sichere und effiziente Stromlieferung verantworten. "Zurzeit kann jeder zusätzliche Endverbraucher angeschlossen und über das elektrische Netz versorgt werden", und es werde auch keine andere Industrie oder ein anderes Gewerbe durch den hohen Strombedarf der Datacenter benachteiligt, so Pfanner.
Zur Gesamtlage im Kanton nimmt dann die Volkswirtschaftsdirektion Stellung. Ähnlich wie der Magistrat von Frankfurt betont auch Nico Menzato zunächst einmal die Bedeutung der RZs, die als Teil der ICT grundsätzlich wichtig seien und "in den letzten Jahren ein starkes Wachstum verzeichnet" haben. Konkret wird der Sprecher des Kantons dann allerdings nicht. Er führt lediglich aus, dass die RZs "relativ flächenintensiv" seien und "vergleichsweise wenig Arbeitsplätze" anbieten würden.
Weiter hält er fest, dass es zwar aus Sicht der Hoheit über die Daten vorteilhaft sei, RZs "geographisch möglichst in der Nähe zu haben". Allerdings bestehe für die interessierten Unternehmen die Herausforderung darin, Bauland an zentraler Lage zu finden. Denn das sei gefragt und "das Angebot äusserst begrenzt und entsprechend teuer". Konkrete Angaben zu den verwendeten RZ-Flächen macht Menzato nicht, sondern hält nur fest, dass der Kanton Zürich über keine Flächenstatistik verfügt. Solche Bauten würden in Industrie- respektive Gewerbezonen liegen, und die Nutzung dieser Grundstücke würden in den kommunalen Bau- und Zonenordnungen der Gemeinden geregelt. Ein Risiko, dass Zürichs Gewerbefläche zu stark von den Ansprüchen der RZ-Betreiber tangiert wird, sieht Menzato hingegen nicht: "Es ist für alle so, dass die freien Flächen sehr begrenzt und deshalb begehrt sind."
Auch auf die Frage, ob die gesichtslosen architektonischen RZ-Nutzbauten nicht städtebaulichen Integrationskonzepten zu unterliegen haben, verweist man bei der Volkswirtschaftsdirektion auf die Gemeinden. Es sei deren Sache, so Menzato weiter, "wie sie neue Gebäude in die Siedlung integrieren beziehungsweise welche Vorschriften sie dazu in ihren Bauordnungen haben". Denn die Gemeinden seien die Baubewilligungsbehörden.

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