Trotz Kritik macht Clearview unbeirrt weiter

12. Oktober 2021, 10:27
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Der Anbieter eines Personen-Identifikationssystems brüstet sich damit, nun schon mehr als 10 Milliarden Fotos von Menschen aus sozialen Medien zusammengekratzt zu haben.

Das US-Unternehmen Clearview erntete heftige Kritik von Datenschützern, nachdem Anfang 2020 ein Bericht der 'New York Times' ein Schlaglicht darauf warf, was das Unternehmen tut: Es lädt, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, automatisiert so viele Bilder von Personen wie möglich von sozialen Medien herunter und speichert sie in seiner Datenbank. Diese Praxis wird "scraping" genannt.
Die Software von Clearview kann Gesichter auf anderen Bildern, zum Beispiel Aufnahmen von Sicherheitskameras, erkennen, den in der Datenbank gespeicherten Fotos zuordnen und so die Identität und die Social-Media-Profile einer erkannten Person liefern. Nach eigenen Angaben bietet Clearview seinen Service gegenwärtig nur Strafverfolgungsbehörden zur Aufklärung von konkreten Kriminalfällen an, aber das Missbrauchspotential ist natürlich hoch. Auch besteht immer die Gefahr falscher Zuordnungen und damit auch falscher Verdächtigungen.
Nicht nur Datenschützer versuchen, gegen Clearview vorzugehen, auch die Betreiber von sozialen Medien taten dies. Vergangenes Jahr hatten Google, Twitter, Facebook, Youtube und Venmo Unterlassungsaufforderungen an Clearview geschickt. In diesen forderten sie das Unternehmen auf, das Scraping von Fotos auf ihren Websites einzustellen.
Clearview scheint dies alles nicht zu kümmern. Wie ein aktueller Artikel von 'Wired' zeigt, macht Clearview unbeirrt weiter. Anfang 2020 war noch die Rede von 3 Milliarden in der Datenbank gespeicherten Fotos. Nun erklärte Hoan Ton-That, der Gründer und CEO des Unternehmens, gegenüber 'Wired', dass es gegenwärtig schon über 10 Milliarden seien.

Gesichter schärfen, Maskenträger demaskieren

Ausserdem will Clearview 2 neue, heikle Funktionen für sein System entwickeln, wie Ton-That erklärte. Die erste soll KI-gestützt verschwommene Fotos, welche  von sozialen Medien abgesaugt wurden, schärfen. Dies gilt insbesondere auch für Fotos, bei denen Gesichter von bestimmten Personen durch die Social-Media-User absichtlich unkenntlich gemacht wurden.
Die zweite Funktion soll dann sogar Leute, die auf Fotos Masken tragen, "demaskieren" und ihre Gesichter rekonstruieren können. Beide neuen Funktionen sind nicht nur aus Sicht der Privatsphäre noch heikler, als das was Clearview bisher schon tut. Laut Experten erhöhen sie auch die Gefahr von falschen Zuordnungen und Verdächtigungen. Die KI des Systems arbeitet auf der Basis von Erfahrungswerten, und die Ergebnisse könnten oft fehlerhaft sein.

Rückzug in die USA?

Ton-That glaubt, dass dies gar kein grosses Problem sei. Schliesslich würde nicht das Clearview-System, sondern letztlich die Strafverfolgungsbehörden, die es einsetzen, entscheiden, ob einem Verdacht nachgegangen werden soll oder nicht. Trotzdem scheint sich das Unternehmen nun vorerst seine Kunden nur noch in den USA suchen zu wollen, wo offensichtlich schon einige Behörden das System einsetzen. "Wir fokussieren uns auf die USA, weil wir hier alles richtig hinbekommen wollen. Wir möchten wirklich nicht, dass jemand das System missbraucht", sagte Ton-That gegenüber 'Wired'. Offensichtlich hofft er, dass in der Zukunft Erfolge in der Strafverfolgung, welche mit dem System erzielt werden, die Datenschutz-Bedenken in der Öffentlichkeit besänftigen.
In den USA hat Clearview gemäss Ton-That gegenwärtig 3100 Kunden, darunter auch 11 Bundesbehörden wie das FBI, die Einwanderungs- und Zollbehörde und den Grenzschutz. In der Vergangenheit hat Clearview aber nachweislich auch Kunden im Ausland und auch in der Schweiz angepeilt, und sogar Privatunternehmen wie Macy's oder Walmart durften das System testen.

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