Von Handys, Spermien und Studien

25. Oktober 2006, 09:10
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Männer, die viel am Handy hängen, haben weniger Spermien. Und was sagt uns das?

Männer, die viel am Handy hängen, haben weniger Spermien. Und was sagt uns das?
Forscher der Universität von Cleveland haben an einem Treffen der American Society for Reproductive Medicine (ASRM) vorläufige Resultate einer Studie vorgestellt, die in englischsprachigen Medien bereits für viel Aufsehen gesorgt haben. Kein Wunder, es geht um Handys und Spermien, beziehungsweise Fruchtbarkeit, beides Themen, über die gerne und viel geschrieben wird. Und wenn die beiden Themen erst zusammenkommen...
Auch wir können es jedenfalls nicht lassen. Die besagten Forscher haben also anhand einer Studie von 364 Männern, die eine Fruchtbarkeitsklinik im indischen Mumbai aufsuchten, festgestellt, dass die Männer, die gar kein Handy verwenden, 86 Millionen Spermien pro Milliliter Sperma aufwiesen. Intensive Handy-Anwender, die mehr als vier Stunden am Tag telefonieren, hatten dagegen nur 50 Millionen Spermien, Männer die zwischen zwei und vier Stunden telefonieren lagen mit einem Wert von 69 Millionen dazwischen. Auch wenn es sich nur um vorläufige Resultate der Studie handelt sind die genannten Unterscheide gemäss den Forschern statistisch signifikant.
Dies wurde von einigen Kommentatoren als Beweis dafür gewertet, dass die Strahlung der Handys die Spermienzahl und damit die Fruchtbarkeit gefährden.
Die Reaktionen von Wissenschaftlern allerdings, die wir auf dem Internet fanden reichten fast durchwegs von – für Sie aus dem Wissenschaftsargon übersetzt – "Hafenkäse" bis "Mumpitz". Der Grundtenor (und ein altes Argument gegen die Überinterpretation von solchen Studien): Wenn zwei Werte korrelieren (zusammen steigen oder sinken) heisst das noch lange nicht, dass der eine Wert einen Grund für den anderen darstellt. Man könnte sonst zum Beispiel wunderbar beweisen, dass der vermehrte Genuss von Rösti die Kenntnisse des Schweizerdeutschen verbessert.
Eines der amüsanteren Argumente gegen die Stichhaltigkeit der Studie stammt dabei von Allan Pacey, einem Professor der Universität Sheffield: Wer telefoniert, hält ja sein Handy meistens ans Ohr. Wenn man nicht telefoniert, steckt es in der Tasche oder hängt am Gürtel. Bei Vieltelefonierern müsste das Handy also im Schnitt weiter vom "Lager" der Spermien entfernt sein, als bei den handyfauleren Männer.
Oder man könnte die Studie auch umgekehrt interpretieren: Unfruchtbarere Männer telefonieren mehr.
Die meisten Experten zweifeln nicht direkt an den Resultaten der Studie, sondern an der Interpretation, die Handystrahlung sei die Ursache für die Reduktion der Spermienzahl. Viel plausibler sei es, so argumentieren sie, dass andere Unterscheide im Lebensstil der verschiedenen Gruppen (Wie viel bewegen sie sich? Wie viel rauchen sie? Was essen sie? usw. usf.) dies verursachen.
Auch den Urhebern der Studie kann man aber übrigens keinen Übereifer vorwerfen. Professor Ashok Agarwal erklärte bei der Präsentation klar, dass sie keinen Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen Handybenutzung und Spermienzahl darstelle. Er rief die Zuschauer aber dazu auf, zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, und weitere Forschungen zu betreiben. (Hans Jörg Maron)

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