Apple baue mit der eigenen Programmiersprache Swift seinen Elfenbeinturm aus, kritisieren einige. Doch die meisten sehen grosses Potenzial.
Am Ende der gestrigen
WWDC-Präsentation kündigte Apple eine neue Programmiersprache namens Swift an. Während des Vortrags waren die Reaktionen der anwesenden Entwickler positiv. Bisherige Software-Entwicklungstools von Apple waren dürftig und alt, aus der Ära vor dem iPhone. Nun verpasst sich der Konzern mit Swift einen neuen Anstrich. Doch wie viel Hoffnung ist angebracht?
Die Programmiersprache gibt sich modern. Swift ist sicher, schnell und einfach, meinte gestern Apples Software-Chef Craig Federighi. Der Programmierstil vereine prozedurale, objektorientierte und funktionale Arbeitsweisen. Swift übernimmt ausserdem Konzepte von gängigen Sprachen wie Python und JavaScript, heisst es.
Objective-C wird damit nun abgelöst. Dennoch unterstützt Swift den alten Code noch, um die Kompatibilität zu gewährleisten. Ein besonderes Feature der neuen Sprache ist die Echtzeit-Analyse. In einem Zusatz-Fenster sollen Änderungen am Code in Echtzeit umgesetzt werden, ohne Compiling.
Der exklusive Apple-Club
Die Reaktionen auf die Lancierung von Swift sind unterschiedlich. Anstatt iOS-Entwicklung so ansprechend und plattformübergreifend wie möglich zu machen, habe sich der Konzern ein weiteres Apple-Only-Tool erschaffen, klagt etwa
'ZDnet'. Entwickler müssten nun eine neue Programmiersprache lernen, die sich dann doch nur sehr beschränkt einsetzen lasse. "Statt einer vertrauten und benutzerfreundlichen Lösung gibt es eine bewusst anders gestaltete Programmiersprache, weil... Apple", beklagt sich 'ZDnet' weiter.
Die positiven Stimmen aus der Entwicklergemeinde scheinen aber zu überwiegen. Bei
'The Next Web' berichtet der australische Entwickler Quentin Zervaas: "Swift zeigt: Apple verstärkt seine Bemühungen, den Workflow um Software-Entwicklung einfach zu halten und zusätzliche Leistung aus Geräten zu erhalten."
Auf
'The Verge' sagt Jeremy Olson, Gründer der App Tapity: "Das Wichtige ist, dass iOS-Entwicklung nun viel zugänglicher sein wird." Swift scheine für iOS "endlich die Vorteile der Scriptsprachen zu bieten, ohne signifikante Nachteile", meint Daniel Doubrovkine, Chefingenieur bei Artsy. "Gerade weil Apple dahinter steckt, habe ich die Hoffnung, dass Swift seine Versprechen halten kann."
Stimmen aus der Schweiz
Swift wird auch etliche Schweizer Software-Entwickler beschäftigen. Stefan Odendahl, Chief Architect bei der Zürcher Software-Schmiede Netcetera, hat sich Swift bereits im Detail angeschaut: "Es ist eine gute Sache. Swift ist elegant, einfach zu lesen und zu schreiben. Man muss weniger Zeichen tippen, dies erleichtert das Programmieren." Odendahl erinnert daran, dass auch
Google vor einigen Jahren mit Go eine eigene Programmiersprache lanciert hatte. "Entwickler sind sich gewöhnt, neue Sprachen zu lernen und den meisten macht das auch Spass." Bei Netcetera gibt es derzeit rund 30 Entwickler, die nun den Schritt von Objective-C zu Swift machen werden.
Odendahl kritisiert einzig, dass Swift nur innerhalb des Apple-Ökosystems zur Anwendung komme. "Allerdings wurde auch Objective-C praktisch nur von Apple verwendet", so Odendahl. Er sehe keine Anzeichen, dass auch andere Hersteller Swift adoptieren werden, doch es spreche grundsätzlich nichts dagegen. Odendahl glaubt, dass Apple die Unterstützung von Objective-C in der Apple-eigenen Entwicklungsumgebung Xcode in den nächsten fünf Jahren zurückfahren werde.
Etwas kritischer gibt sich Erich Oswald, CTO beim Softwarehersteller Ergon: "Was ich von Swift gesehen habe, sieht rund und schlüssig, aber nicht bahnbrechend neu aus." Viele Features, argumentiert Oswald, finden sich auch in anderen modernen (funktionalen oder hybriden) Sprachen wie ML, Haskell, Scala, C# und Rust. "Es scheint aber ein guter Mix aus Mächtigkeit, Ausdrucksfähigkeit und Komplexität zu sein."
Die Innovation von Swift stecke – falls überhaupt – in der Zusammenstellung, nicht in einem der Sprachfeatures: "Gegenüber Objective-C ist Swift sicher ein Fortschritt. Eine Produktivitätssteigerung in der iOS-Entwicklung ist durchaus wünschenswert. Oswald glaubt, dass Swift mit Apples Marktmacht gute Chancen habe, sich bei der iOS-Entwicklung schnell durchzusetzen. Bei anderen Zielplattformen sei die Konkurrenz aber sehr gross. "Im Serverbereich sehe ich da wenig Chancen. Mal sehen, ob sich Swift als Grundlage für hybride Entwicklung von mobilen Lösungen etablieren kann." Oswald geht davon aus, dass Apple dies nicht selber verfolgen wird.
Ergon beschäftigt mehr als 20 Mobile-Entwickler. Der Sprung auf Swift geschehe je nach Interesse (im Rahmen von freiwilligen Weiterbildungen) oder projektgetrieben, "wo und wann auch immer das sinnvoll sein wird", sagt Oswald. (csi/mim)
(Interessenbindung: Netcetera und Ergon sind Technologie-Partner unseres Verlags.)