Illustration: Erstellt durch inside-it.ch mit Midjourney
Der Security-Spezialist Daniel Miessler beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Im Vorfeld der Swiss Cyber Storm haben wir mit ihm über optimistische und weniger optimistische KI-Zukunftsszenarien gesprochen.
Daniel Miessler verfügt über rund 20 Jahre Erfahrung in der IT und Cybersicherheit. Im Verlauf seiner Karriere war er unter anderem in leitenden Funktionen bei Apple, IOActive, Robinhood, HPE sowie in der Beratung tätig. Miessler ist Gründer von Unsupervised Learning, einer Firma, die Unternehmen dabei unterstützen will, in der KI-Welt voranzukommen. Ende Oktober wird er als Keynote Speaker an der Swiss Cyber Storm auftreten. Wir haben ihn im Vorfeld zum Interview getroffen.
Herr Miessler, worauf konzentrieren Sie sich derzeit in Ihrer Arbeit?
Im Moment fokussiere ich mich auf die Herausforderungen, die der Menschheit durch Automatisierung und KI bevorstehen. Ich versuche, sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen die Werkzeuge an die Hand zu geben, die sie benötigen, um mit dem umgehen zu können, was auf uns zukommt.
Was sind das für Werkzeuge?
Vieles beginnt mit einer tiefen Kontextdatei, einer Datenbank, die alle Informationen über ein Unternehmen enthält: Leitbild, Ziele, Budgets, Kunden und Projekte, wichtige Probleme, Gefahren, die man für seine Firma sieht, und Strategien, um sie zu bewältigen. Hinzu kommen Informationen zu den Teams, ihren Skills, Aufgaben und sehr viel mehr. Erst dann kommt die Genialität von generativer KI ins Spiel. Nehmen wir an, eine Person verlässt eine Firma. Wenn die KI jetzt die Arbeitspläne, das Projektmanagement, das HR, die IT und so weiter versteht, könnte sie kontextbezogene Ratschläge geben – etwa wer in welchem Projekt welche Aufgaben neu übernehmen müsste.
Und für welche Herausforderungen sollten sich Unternehmen wappnen?
Viele Firmen kämpfen mit ihrer eigenen Bürokratie, mit teuren und ineffizienten Organisationen. Künstliche Intelligenz könnte helfen, weil sie sehr gut darin werden wird, Dinge zu verstehen und zu erklären. Wenn ein Unternehmen entscheidet, sich bei Fragen zur Zielerreichung oder für Optimierungsvorschläge auf KI zu verlassen, bedeutet das, dass Teams abgebaut werden.
Menschen werden ihre Jobs verlieren.
Ja, und das Problem ist, wir brauchen sinnstiftende Arbeit. Wir alle möchten etwas Nützliches tun. Wenn viele Jobs verschwinden, könnte das zu einer ziemlich traurigen Zeit führen.
Wie kann man sich als Angestellter davor schützen, von KI ersetzt zu werden?
Der beste Weg ist ironischerweise, selbst sehr gut mit KI umgehen zu können. Es geht darum, das Werkzeug wirklich gut zu beherrschen. So versteht man die Vorteile und was KI einer Chefin oder einem Chef bieten kann. Das ermöglicht es einem, der KI zuvorzukommen.
Daniel Miessler.
KI wird aber billiger und effizienter sein als der Mensch.
Ja, das stimmt und lassen Sie mich etwas Beunruhigendes sagen: Die ideale Anzahl von Angestellten für jedes Unternehmen ist eigentlich null. Nehmen wir dieses Beispiel: Sie besitzen einen Glace-Stand und verdienen damit gutes Geld. Wenn jemand kommt und sagt, es sei ein Problem, dass Sie niemanden eingestellt haben, würden Sie antworten, es wäre schlecht für das Business, da Sie die Arbeit selbst erledigen können. Der einzige Grund, warum Unternehmen Belegschaften haben, ist, dass die Gründer oder CEOs nicht alles alleine machen können. Wenn sie es plötzlich mit KI tun können, brauchen sie die Menschen nicht mehr.
Man könnte sich die Frage stellen: Wenn meine Firma, so wie sie heute dasteht, in ein paar Jahren mit allen technologischen Innovationen neu gegründet würde, wie viele Angestellte bräuchte es. Die Antwort wird vermutlich ein Bruchteil der aktuellen Zahl sein.
In diesen Szenarien lassen wir KI sehr viele Entscheidungen fällen – ohne "Human in the Loop". Werden wir bald an diesen Punkt kommen?
Die Entwicklung schreitet schnell voran. Ein neues Modell von OpenAI, derzeit noch im Preview, bringt mit dem sogenannten Chain of Thought einen grossen Fortschritt mit sich. "Chain of Thought" bildet einen Menschen nach, der logisch ein Problem durchdenkt. Für das Training hat man Algorithmen Zehntausende oder Millionen von Beispielen generieren lassen, wie Menschen fiktive Probleme lösen. Man müsste meinen, es braucht Menschen, um diese Beispiele zu nennen, aber das ist nicht der Fall. Auch andere Anbieter arbeiten auf das Ziel hin, ihre Modelle komplexe Probleme lösen zu lassen, indem die KI ihre eigenen Strategien verfeinern, knifflige Schritte in mehrere unterteilen, eigene Fehler erkennen und andere Ansätze versuchen kann, wenn der aktuelle nicht funktioniert.
Aber um die Frage zu beantworten, in ganz vielen verschiedenen Branchen wird es den Menschen noch brauchen. Das gibt Hoffnung. Aber ich sehe eine Schlucht auf uns zukommen, die zwar grüneres Gras auf der anderen Seite verspricht, aber erst noch durchquert werden muss. Das wird eine grosse Herausforderung und die Frage ist, ob und wie wir es schaffen.
Was macht das Gras auf der anderen Seite grüner?
Nehmen wir das Beispiel Schach: Obwohl bereits im Jahr 2000 ein Computer den Menschen bezwang, erfreut sich Schach auch heute grosser Beliebtheit. Der Grund dafür liegt in unserem Wunsch, selbst zu spielen und vor allem anderen Menschen beim Spielen zuzusehen – nicht Computern. Dies lässt sich auch auf die Arbeitswelt übertragen: Viele der heutigen Berufe werden vermutlich nicht verschwinden, da wir nach wie vor menschliche Tätigkeiten wertschätzen.
Ähnlich wie die vorhin beschriebene Kontextdatei für Unternehmen könnten in einem futuristischen Szenario auch Einzelpersonen gezielte Informationen wie Expertise und Wünsche mittels einer KI-Plattform nach aussen tragen. Diese Informationen wiederum könnten von einer anderen KI gefunden werden, um die Menschen miteinander zu verbinden. In diesem Szenario würden wir uns weg von einem Zahnrad in einem Unternehmen hin zu einer Art Gig-Worker für alle Dinge bewegen, die uns am Herzen liegen und in denen wir kompetent sind.
Das klingt grundsätzlich optimistisch, was eine KI-Zukunft anbelangt. Gibt es auch Aspekte, die Sie weniger hoffnungsvoll oder pessimistisch stimmen?
Ich konzentriere mich auf das Positive, weil man sonst nicht viel tun kann. Aber leider besteht eine nicht unerhebliche Chance, dass wir es nicht aus der Schlucht herausschaffen, oder dass es sehr lange dauern wird, bis wir es schaffen. Wer zuerst eine künstliche Superintelligenz entwickelt – sei es ein totalitäres Regime oder ein Diktator – könnte entscheidend sein. Eine Artificial General Intelligence (AGI) könnte viele Menschen verdrängen, was zu politischen Umwälzungen führen würde. Mit der Unterstützung einer mächtigen KI werden dystopische Szenarien plötzlich möglich.
Zum Beispiel?
Vollständiges Wissen über jeden Menschen, über sämtliche seiner Handlungen. Kontrolle über Menschen, indem vermeintliche Fehltritte automatisch gemeldet und bestraft werden. Solche Dinge werden durch den Einsatz von Technologie plötzlich realistisch. Im Grunde werden alle Science-Fiction-Szenarien, die uns bislang zwar erschreckt, aber nicht möglich waren, plötzlich möglich.
Wie können wir uns gegen solch dystopische Szenarien wappnen?
Regulierung wird sicher eine grosse Rolle spielen. Wichtig wird sein, dass wir Echtheit und Legitimität gewährleisten können. Grosse Technologieunternehmen arbeiten beispielsweise an Frameworks, mit denen Nutzerinnen und Nutzer in Echtzeit authentifiziert werden können. Dies könnte helfen, Fehlinformationen, Betrug und Spam einzudämmen. "Zero Trust" wird eine immer wichtigere Rolle spielen – niemals vertrauen, immer überprüfen.
Daniel Miessler wird Ende Oktober an der Swiss Cyber Storm in Bern zu Gast sein. In seiner Keynote geht er under anderem darauf ein, wie KI-Konzepte auf Security-Programme in Firmen angewendet werden und dazu betragen können, sie zu managen.
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