Der Internationale Strafgerichtshof im niederländischen Den Haag will Microsoft Office ablösen. Dem 'Handelsblatt' (Paywall) zufolge stehe das Gericht vor der Vertragsunterschrift mit dem deutschen Entwicklungshaus Zentrum für Digitale Souveränität (Zendis).
Der Anbieter ist im Besitz der deutschen Bundesverwaltung. Seine Lösung Opendesk setzt sich aus Komponenten von acht europäischen Softwareherstellern zusammen und bietet laut Selbstbeschrieb vergleichbare Funktionen wie Microsoft Office. Dem IT-Verantwortlichen des Gerichts zufolge habe eine Kompatibilitätsprüfung ergeben, dass das Programmpaket die "meisten Anforderungen" abdecke, sagte Zavala Giler der Zeitung. Allfällige Lücken werde man während der Nutzung feststellen und dann schliessen.
Im Gericht gibt es rund 1800 Arbeitsplätze, womit es vergleichbar ist mit dem Robert-Koch-Institut, das circa 1500 Angestellte hat. Die deutsche Forschungseinrichtung setzt Zendis zufolge bereits auf Opendesk. Die Entwickler und Entwicklerinnen haben sich das Ziel vorgegeben, bis Ende Jahr 160'000 Installationen der Lösung in der deutschen Verwaltung erreichen zu wollen. Das deutsche
Bundesland Schleswig-Holstein migriert seine rund 25'000 IT-Arbeitsplätze auf die Zendis-Lösung.
Die Umstellung in Den Haag bezeichnet Giler der Zeitung zufolge trotzdem als "kurzfristig kostspielig, ineffizient und unbequem". "Langfristig ist es nötig und verantwortungsvoll", doppelt er nach und spielt auf mögliche Sanktionen der US-Regierung an. Washington hatte das Gericht und seine Entscheide in Vergangenheit immer wieder kritisiert. Zuletzt im September hatte die Nachrichtenagentur '
Reuters' über unmittelbar bevorstehende US-Sanktionen gegen den Strafgerichtshof berichtet. Deshalb sei Eile bei der Microsoft-Migration geboten, so der IT-Leiter.
Kontosperre für Chefankläger
Das Gericht hat bereits Erfahrungen gemacht mit IT-Sanktionen. Chefankläger Karim Khan war Anfang Jahr unter anderem wegen seiner Ermittlungen gegen den Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu der Zugang zu Microsoft-Diensten gesperrt worden. Die Blockade war ein Teil der Sanktionen des US-Finanzministeriums während des Staatsbesuchs Netanjahus im Weissen Haus.
Wie das '
Handelsblatt' nun schreibt, sperrte Microsoft nicht selbst den Zugang zu Khans Postfach, sondern wirkte beim Gerichtshof darauf hin. Die Information deckt sich mit den Aussagen des Head of Legal Affairs von Microsoft Frankreich, Anton Carniaux. Er war in einer Anhörung vor dem französischen Senat unter anderem zu dem Fall befragt worden.
Microsoft habe den
Zugang nicht physisch gesperrt, betonte Carniaux. Entsprechende Medienberichte seien falsch. "Die Medienblase hat zwar dazu beigetragen, diesen Eindruck zu erwecken, aber das ist nicht der Fall. Wir haben Gespräche geführt, um eine Lösung zu finden, ohne dass dies zu Massnahmen unsererseits geführt hätte, die Dienste des Internationalen Strafgerichtshofs zu sperren", erklärte er dem Senat in Paris.