Strommangellage ja, darauf vorbereitet nein

19. August 2022 um 07:09
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Foto: Jan Huber / Unsplash

Wir haben die Branche gefragt, welche Konzepte für den Fall einer Strommangellage in der Schublade liegen. Die Mehrheit ist unvorbereitet.

Wenn im kommenden Winter der Strom in der Schweiz tatsächlich knapp wird, hat das unweigerlich einen Einfluss auf Rechenzentren und damit auch auf sämtliche Firmen, die Cloud-Software und andere Services nutzen.
Wir haben deshalb Schweizer IT-Entscheiderinnen und -Entscheider gefragt, ob sie mit einer Mangellage rechnen und wie sie sich allenfalls darauf vorbereitet haben:
Die grosse Mehrheit rechnet demnach mit einer Mangellage und bezieht Services aus einem Schweizer Rechenzentrum, ist aber nicht darauf vorbereitet, wenn diese nicht mehr 24/7 zur Verfügung stehen.
Dies ist das kürzestmögliche Fazit aus unserer Umfrage. Dies obwohl die Organisation Ostral, welche die Stromversorgung im Auftrag des Bundes im Falle einer Mangellage managen müsste, ganz klar sagt: Alle Grossverbraucher mit einem Jahresverbrauch von mehr als 100'000 kWh werden verpflichtet, eine bestimmte Strommenge einzusparen.
Nach den Gründen gefragt, antworteten die 114 Umfrageteilnehmenden unterschiedlich. Bei vielen heisst es sinngemäss, dass das Thema bald akut werde. Die Konzepte seien erst in Erarbeitung, das Thema sei noch nicht im Management thematisiert worden oder die Abklärungen würden aktuell laufen, heisst es etwa. Öfter war auch zu lesen, dass die Notwendigkeit eines Notfallplans noch nicht im Bewusstsein angekommen sei.

Mehrheit hat keine Pläne in der Schublade

Viele sind aber auch desillusioniert: "Der Service-Lock-In macht es schwierig bis unmöglich, einen Plan umzusetzen", schreibt jemand. Es gebe keine Alternative zu einem Ausfall, meint ein anderer. "Als Kleinunternehmer, der alles in der Cloud hat, ist ein Ausweichen schwierig. Soll ich jetzt Zoomvorlesungen per Telefon machen?", fragt ein Geschäftsführer. Einmal wird sogar das Emoji 🤷‍♂️ platziert.
Aber es gibt auch konkrete, meist pragmatische Pläne: Jemand will beispielsweise die Arbeit auf die Tageszeiten reduzieren, an denen die Services verfügbar sind und Services zwischen 18:00 und 07:00 Uhr deaktivieren. In einer anderen Firma soll offen kommuniziert werden, dass die Belegschaft bei einem längerfristigen Ausfall nur reduziert arbeiten könne. "Reduce to the max" heisst es in einer weiteren Firma. Wichtigste Applikationen sollen identifiziert, Redundanzen abgebaut und die Reparaturzeit ("MTTR") für Unwichtiges massiv erhöht werden. Auch das Stichwort USV fällt öfter: Notstromversorgungen am Hauptstandort, für kritische Mitarbeitende im Homeoffice und für LAN sowie Infrastruktur sind geplant.

Notfalls auf Brieftauben umrüsten

Auf Nachfrage haben sich mehrere Personen konkret geäussert. Der Informatikleiter einer Pensionskasse hat uns geschrieben, dass im Juli diesen Jahres die Pläne erarbeitet worden sind. Er rechnet zu 50% mit einem Ausfall von mehreren Wochen bis Monaten. Geplant ist, Mitarbeitende ins Homeoffice zu schicken, um im Bürogebäude Strom zu sparen und damit einen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten.
Die Führungskraft, die anonym bleiben will, rechnet damit dass sich die Arbeitszeiten verkürzen. Zusätzliche finanzielle Mittel für die Umsetzung des Plans habe man aber noch keine beschafft. "Es stellt sich jedoch die Frage ob wir überhaupt etwas unternehmen können. Letztlich sind wir auf die Telcos und die RZs angewiesen. Haben diese keine Notstromanlagen, um Internet und WAN zu betreiben, oder wird der Diesel nicht nachgeliefert, müssen wir auf Brieftauben umrüsten."
Schon seit fast 10 Jahren beschäftigt sich eine Einheit der Bundesverwaltung mit einem entsprechenden Szenario. Der Informant schreibt, dass man insbesondere auf einen Telco-Ausfall vorbereitet sei. Eine Ausfalldauer von bis zu zwei Wochen sei sehr realistisch und die Vorbereitung des Notfallszenarios habe 4 Wochen für die Planung und 12 Monate für die Realisation in Anspruch genommen. Dafür sei ein siebenstelliger Betrag aufgewendet worden.

Telco-Infrastruktur ist kritischer als RZs

Kevin Bruggemans, Geschäftsführer des Managed Service Providers Sharkbyte, hat sich noch nicht gezielt mit der Thematik auseinandergesetzt. Man sei als Firma, die zu 100% in der Cloud ist, von der Notfallplanung der Cloudprovider abhängig. Zudem arbeiteten er und die Kollegen als kleine, junge Firma ausschliesslich im Homeoffice. Bruggemans hält es aber für realistisch, "dass wir in den kommenden Monaten ein instabileres Stromnetz haben werden und dass Stromausfälle oder gewisse Abschaltungen passieren werden". Mit Ausfällen von grossen RZs rechnet er aber nicht, "bei der Telco-Infrastruktur habe ich die grösseren Bedenken", schreibt Bruggemans.
Optimistisch äussert sich Peter Boss, Geschäftsleiter des Basler IT-Dienstleisters Dexion. Er rechnet mit einer Wahrscheinlichkeit von 5%, dass die Strommangellage tatsächlich eintritt. Wenn das passiert, rechnet Boss mit Teilausfällen von RZs und Telco-Infrastrukturen, Fahrplanausdünnung oder Ausfall von öffentlichen Signalanlagen. Aber nur "stundenweise, wenn überhaupt", schreibt Boss.

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