Tata Consultancy Services: "Wir gehören zu den ganz Grossen in der Schweiz"

26. September 2022, 07:30
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Rainer Zahradnik: "Unser kleinster Kunde hat 12 Mitarbeitende, der grösste fast eine halbe Million"

Rainer Zahradnik, Chef von TCS Schweiz, erklärt, warum seine Firma hierzulande wenig bekannt ist und was sie für die CO2-Neutralität bezahlt hat.

Wer in der Schweiz das Kürzel "TCS" liest, denkt meist an den hiesigen Mobilitätsclub mit seinen auffälligen gelben Pannendienst-Autos. Diese Interpretation des Akronyms ist aber eine Schweizer Besonderheit, schliesslich steht es auch für "Tata Consultancy Services", einen indischen IT-Giganten mit weltweit über 600'000 Mitarbeitenden. Das Unternehmen spielt auch im Schweizer Markt eine gewichtige Rolle. Zu den Vorzeigekunden von TCS Schweiz zählen unter anderem der Techkonzern ABB, der Rückversicherer Swiss Re und Pharmariese Roche. Dennoch ist der IT-Berater und -Dienstleister ausserhalb der Branche der grosse Unbekannte.
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In diesem Gebäude befindet sich der Hauptsitz von TCS Schweiz. Foto: ts
Seinen Hauptsitz hat TCS Schweiz in einem Hochhauskomplex in Oerlikon, einem Aussenquartier von Zürich. Im 6. Stock empfängt uns Rainer Zahradnik, der die Geschicke der Schweizer Niederlassung führt, seit der langjährige Leiter Heinz Gehri sein Amt niedergelegt hat. Am Empfang muss man eine Unterschrift mit der Ankunftszeit hinterlassen. Dabei erklingt aus einem offenen Sitzungszimmer eine indische Stimme, offenbar über ein Videokonferenz-Tool. Wo genau diese ihren analogen Ursprung hat, kann Zahradnik nicht sagen, TCS unterhält im indischen Subkontinent mehr als zwei Dutzend Niederlassungen, in denen über eine halbe Million Menschen arbeiten.
Die Schweizer Firma sei aber keine Zweigstelle des indischen Konzerns, sondern eine eigenständige Gesellschaft, betont Zahradnik. Darum weist das Unternehmen die Geschäftszahlen für die Schweiz auch offiziell aus: Rund 400 Millionen Franken hat die Firma laut Zahradnik im letzten Jahr umgesetzt, während sie um 100 Mitarbeitende angewachsen ist. "Wir haben in der Schweiz immer Gewinn gemacht und diesen auch versteuert", so Zahradnik auf Nachfrage. Eine Prognose für das Geschäft will er nicht abgeben, aber er ergänzt, dass TCS Schweiz seit 1985 in der Schweiz aktiv sei und mit einem eigenen Budget hafte.

Arbeitskraftkontingente und Homeoffice

Die indischen Wurzeln sind aber auch jenseits der Stimme aus dem Konferenzraum nicht zu übersehen. Von den rund 650 Beschäftigten in der Schweiz sind 180 Einheimische, der grosse Rest sind Expats aus Indien. Aus dem bevölkerungsreichen Land würden immer wieder Arbeitende für Projekte in die Schweiz geholt, sagt der hiesige TCS-Chef: "Das braucht eine seriöse Planung, der ganze Prozess nimmt in der Regel etwa 3 Monate in Anspruch." Bei Leihverträgen wäre man längst an die Grenzen der Kontingente gestossen, bei TCS gehe es aber in der Regel um langfristige Verpflichtungen mit Grosskunden. "Wir gehören zu den ganz Grossen in der Schweiz, mehr als 10'000 Beschäftigte kümmern sich ausschliesslich um hiesige Kunden", so Zahradnik
Viele jener Beschäftigten arbeiten in riesigen Zentren in Mumbai und anderen indischen Metropolen. In Zeiten des Homeoffice verwischen sich die Grenzen aber mehr denn ja. Bei TCS Schweiz arbeiten rund 80% der Belegschaft von zu Hause aus. Vorschriften, wo man arbeiten muss, gibt es wenige, während das Handling der Kundendaten streng geregelt ist. Im Bankenumfeld, wo TCS gross ist und mit besonders heiklen Daten hantiert wird, arbeiten die Zuständigen aber in den Büros an firmeneigenem Equipment. "Unsere Leute sind hochqualifiziert, die wissen, wo sie was bearbeiten dürfen", versichert Zahradnik.
Für die Schweiz hat der Österreicher, der seinen Wohnsitz in die Nähe von Solothurn verlegt hat, viel lobende Worte übrig. Das Land habe aufgrund der hohen Innovation einen Sonderstatus, sagt er. Zugleich wolle man in der Schweiz die Prozesshoheit bewahren und auch über die IT-Architektur Bescheid wissen. Das sei ein grosser Unterscheid zum angelsächsischen Raum, so Zahradnik, der über 10 Jahre für einen amerikanischen Dienstleister gearbeitet hat.

1225 Euro für die CO2-Neutralität

Firmenintern dieses Know-how zu bewahren, ist aber nur für Grossfirmen möglich, das wichtigste Kundensegment von TCS Schweiz. "Unser kleinster Kunde hat 12 Mitarbeitende, der grösste fast eine halbe Million", relativiert Zahradnik. Allerdings macht sein Unternehmen über die Hälfte des Umsatzes mit den sechs grössten Kunden. Hier gibt es aber strategische Neuerungen: Das Kundenbetreuungsmodell wurde nach Firmengrösse aufgeteilt. Für die Grossen werden neue Dienste entwickelt, bei den Kleinen soll es vor allem um Betreuung und Wachstum gehen.
Für die Kundengewinnung im KMU-Segment wäre eine bessere öffentliche Wahrnehmung sicher hilfreich. Man erkennt es aber an den Büroräumlichkeiten ebenso wie an Logo und Visitenkarten: Zuoberst auf der Prioritätenliste steht das bei TCS nicht. Vielleicht auch weil man in den wichtigsten Branchen für die Firma – Pharma, Banken, Versicherungen – Diskretion schätzt. Zugleich erntete TCS auch die "low hanging fruits" der Public Relation nicht.
"Auch wir sind seit letztem Jahr CO2-Neutral", sagt Zahradnik im Verlaufe des Gesprächs, "aber das ist mir schlicht zu selbstverständlich, um es an die grosse Glocke zu hängen". Die Kompensationszahlungen für Scope 1 und 2 hätte nämlich gerade mal 1225 Euro betragen. Das Thema Diversity muss im Gespräch explizit angesprochen werden, obwohl TCS global dafür bekannt ist, überdurchschnittlich viele Frauen zu beschäftigen. Auch in der Schweiz sei das der Fall, sagt der Länderchef, vor allem aber innerhalb der indischen Expat-Community. "Kürzlich hat uns einer der vier grossen Wirtschaftsprüfer unter die Lupe genommen und festgestellt, es gibt einen Lohnunterschied von 0,1%... für die Frauen", erklärt Zahradnik.

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