Ukraine: Freiwilligen-Aufruf könnte "Büchse der Pandora" öffnen

8. März 2022 um 16:00
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Foto: Noel Nichols / Unsplash

Verschiedene Security-Experten sehen im ukrainischen Aufruf zu offensiven Cyberangriffen auf Russland eine unberechenbare Gefahr.

Der Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine war begleitet von einer massiven Offensive im Cyberspace. Bereits Stunden vor dem Abschuss der ersten Raketen oder der Bewegung von Panzern entdeckten Mitarbeitende des Threat Intelligence Center von Microsoft eine neue Welle an offensiven und zerstörerischen Cyberangriffen auf die digitale Infra­struktur der Ukraine. Eingesetzt wurden dabei gemäss den Security-Unter­nehmen Symantec und Eset vor allem DDoS-Attacken und eine neuartige Wiper-Malware. Check Point Software meldete, dass die Zahl der Cyberangriffe gegen ukrainische Behörden und das Militär in den ersten drei Tagen des Krieges um 196% gestiegen sei.

Zweifelhafter Aufruf zur Unterstützung

Mykhailo Federov, Vizepremierminister der Ukraine und Minister für Digitale Transformation, rief auf Twitter Freiwillige dazu auf, sich der IT-Armee des Landes anzuschliessen und sie im Cyberkrieg gegen Russland zu unterstützten:
In der 'SRF' Nachrichtensendung "10 vor 10" gab unser Chefredaktor Reto Vogt Auskunft über die Auswirkungen der Attacken auf die technische Infrastruktur der Ukraine. In derselben Sendung kam auch Kevin Kohler vom Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich zu Wort: Speziell sei "dass die Ukraine ihre Antwort 'gecrowd-sourcet' hat und damit alle zum Mitmachen aufgefordert hat." Manuel Atug, seines Zeichens seit 20 Jahren für die Security des Chaos Computer Clubs (CCC) verantwortlich, verglich den Aufruf der ukrainischen Behörden zu offensiven Cyberangriffen in einem Tweet mit dem "Öffnen der Buchse von Pandora":

Unübersichtlicher Kriegsschauplatz

Die Lage sei unübersichtlich, der offizielle Aufruf von Fedorov ein Novum, sagte J. Michael Daniel, Leiter von Cyber Threat Alliance gegenüber 'Wired'. "Für ein Land, das mit einer existenziellen Bedrohung konfrontiert ist, wie die Ukraine, ist es nicht verwunderlich, dass ein solcher Aufruf ergeht und dass einige Bürger diesem folgen", teilte er dem britischen Magazin weiter mit.
Auch Kevin Kohler warnte davor, dass der Aufruf dazu führen könnte, dass die ganze Situation auf einmal sehr unübersichtlich werde. Gemäss ihm haben sich mittlerweile über 30 verschiedene nichtstaatliche Akteure in den Konflikt eingemischt. Zudem verwies er darauf, dass die Ukraine von Russland bereits seit 2014 als "Cyber-Versuchslabor" missbraucht wurde. Das Onlinemagazin 'Republik' hat diese Versuche in einem längeren Artikel chronologisch zusammengefasst und Expertinnen und Experten dazu befragt.
Während sich das Cyber-Kollektiv Anonymus auf die Seite der Ukraine und die Hacker-Bande Conti auf die von Russland gestellt haben, gab es auch Gruppierungen, die sich dem Konflikt gegenüber neutral positionierten und wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund ihrer kriminellen Tätigkeiten rückten. Innert weniger Tage haben sich verschiedene Hacker-Gruppen zu den unterschiedlichen Seiten bekannt und dabei auch angefangen, sich gegenseitig zu bekämpfen.
Der Erfolg von Anonymous ist gross und vor allem öffentlichkeitswirksam. Unter anderem wurden mit DDoS-Attacken russische Websites lahmgelegt oder durch Kriegsbilder auf Gastronomie-Bewertungs-Portalen die Bevölkerung über den kriegerischen Akt des Landes informiert. So tauchten zwischen Aufnahmen von schicken Restaurants und feinem Essen plötzlich auch zerbombte Häuser auf. "Der Vorteil der Restaurant-Rezensionen ist, dass dabei alle Menschen mit Computer oder Handy mitmachen können. Sie müssen nur Google nutzen, darüber hinaus brauchen sie keinerlei technischen Kenntnisse", sagt Myriam Dunn Cavelty vom Center for Security Studies der ETH Zürich gegenüber der 'CH Media'. Den Hackern gehe es dabei vor allem um die Aufmerksamkeit der Medien, interessanter seien deshalb eher jene Angriffe, bei denen sensible Informationen geleakt werden, so die Expertin.
Im Telegram-Kanal der ukrainischen IT-Armee werden zurzeit vor allem DDoS-Attacken geplant und erbeutete Daten veröffentlicht. J. Michael Daniel warnt jedoch davor, dass es auch zu digitalen "Querschlägern" kommen könnte, die den Konflikt eskalieren lassen könnten. Gemäss ihm könnte das russische Militär zum Beispiel den ukrainischen Behörden einen Cyberangriff vorwerfen und entsprechend Vergeltung üben.

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