Vogt am Freitag: Klischee gegen Klischee – wer gewinnt?

31. Mai 2024 um 14:49
image

Eine Kampagne des Kantons Zürich will mehr Frauen für IT-Berufe gewinnen. Das Anliegen ist wichtig, aber leider ist die Kampagne klischiert und empfiehlt unter anderem eine "bildliche, einfache Sprache". Das geht nicht.

In der IT-Branche gibts zu wenig Frauen, das Bild ist in praktisch allen Industrienationen dasselbe. Hierzulande beträgt der Frauenanteil in der ICT-Lehre 14%, in der IT-Berufswelt 17%, in der Softwareentwicklung gerade einmal 11%. Diese Zahlen nannte die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion Carmen Walker Späh bei der Vorstellung einer Kampagne, die das ändern soll. Gemeinsam mit ICT-Berufsbildung, Digitalswitzerland und Taskforce4women will der Kanton Frauen für IT-Berufe begeistern.
So weit, so gut. Das Anliegen ist berechtigt und mit Sicherheit könnte der allgegenwärtige Fachkräftemangel gemindert werden, würden sich mehr Frauen für eine technische Lehre oder ein Studium melden.

Das "männliche" Image der Informatik ist falsch

Aber warum tun das nur wenige? Oder anders gefragt: Warum tun es viel mehr Männer? Die Aussensicht auf IT-Berufe sei geprägt von Motiven, die für Männer wichtiger seien, sagte Philipp Zutt vom Forschungsunternehmen Zutt & Partner, der sich mit der Thematik auseinandergesetzt hatte. Dieses verzerrte Bild habe sich in vielen Köpfen festgesetzt und beeinflusse die Berufswahl.
Diese Aussensicht ist selbstredend genauso falsch wie das Image des Programmierers, der stundenlang alleine am Rechner sitzt – ohne Team und Kontakt zur Aussenwelt.
Leider haben sich die Verantwortlichen der Kampagne entschieden, mit anderen Klischees gegenzuhalten. Eine neue Landingpage (man beachte die URL), die Mädchen asprechen soll, ist in pink gehalten und stellt Ada Lovelace vor, eine Informatikpionierin. "Sie durfte nicht studieren, war mit 19 verheiratet und mit 20 Mutter. Ihr Leben schien vorbestimmt"... Doch dann, bumm: "Erfand sie das erste Computerprogramm der Welt. Die Grundlage für all deine Smartphone-Apps." Noch schlimmer ist nur noch die KI-generierte Frau, die einen von der Website angrinst.

Fast beleidigende Kampagne

Doch damit noch nicht genug: Die vorgestellte "Emotions-Toolbox" (PDF) soll einen Leitfaden liefern, wie Frauen emotional für die ICT-Welt zu gewinnen seien. Man solle Austausch, Kreativität und sinnvolle Tätigkeiten zeigen statt technische Geräte, stereotype Hackerwelten, Komplexität, Überforderung und Einsamkeit. Aber abgesehen davon geizt dieser nicht mit Klischees und Plattitüden:
Empfohlen werden warme, freundliche Farben und inspirierende Umgebungen. Ausserdem möge man (vermutlich eher Mann) eine bildliche, einfache Sprache verwenden. Kurze Sätze seien überdies besser als viel Text und wer betont, dass "technische Kompetenzen erlernbar sind", sei klar im Vorteil.

Klischees können nicht mit neuen Klischees besiegt werden

Echt jetzt? Und warum sollen potenzielle Arbeitgeber damit Frauen eher ansprechen als Männer? So wichtig weiblicher IT-Nachwuchs auch ist, diese Kampagne zielt am Tor vorbei. Mehr noch: Die Empfehlung für eine "einfache, bildliche Sprache" könnte manche Frau sogar noch als Beleidigung empfinden.
Mir scheint, als wollten die Verantwortlichen damit das eine Klischee – in der IT arbeiten nur Nerds – mit anderen zu besiegen. Leider kann dieses Spiel niemand gewinnen. Da gibt es nur Verlierer.

Loading

Kommentare

Anmeldung wird geprüft …

Mehr zum Thema

imageAbo

Innflow: SAP ist keine reine Technologieentscheidung

Der grösste Teil des Geschäfts von Innflow sind SAP-Projekte. Managing Director Thomas Hottinger ist sich durchaus bewusst, dass SAP allein nicht alle Anforderungen erfüllen kann.

publiziert am 19.10.2026
imageAbo

Ransomware-Angriff trifft Sublieferanten der Armee

Cyberkriminelle veröffentlichen Daten eines Schweizer Logistikspezialisten, darunter ein Ordner "Armasuisse". Laut Armee enthält dieser aber keine kritischen Daten.

publiziert am 16.10.2026
image

Jede dritte Schweizer Firma plant mehr IT-Outsourcing

Die Skalierbarkeit und der Zugang zu neuen Technologien treiben die Nachfrage bei Schweizer Firmen nach externen IT-Dienstleistungen an.

publiziert am 16.10.2026
image

KI-Know-how kann höheren Lohn bringen

Potentiell noch lukrativer ist es allerdings, sich als "Top-Talent" anbieten zu können.

publiziert am 16.10.2026