Bund steckt fast 300 Millionen Franken in Identity- und Access-Management

9. April 2024 um 13:03
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Illustration: Erstellt durch inside-it.ch mit Midjourney

Die Bundesverwaltung beschafft sich ein Update für ihre IAM-Lösungen. 110 Millionen Franken gehen freihändig an Adnovum, weitere 180 Millionen sind optional ausgeschrieben.

Es ist eine so grosse Kiste, dass sie für ein Novum sorgte: Das Bundesamt für Informatik (BIT) informierte nicht nur proaktiv über eine Ausschreibung und einen Zuschlag, sondern organisierte auch gleichentags ein Hintergrundgespräch mit mehreren Verantwortlichen.
Es geht um den "Identity and Access Management"-Service (IAM), laut BIT eines der "der wichtigsten und am intensivsten genutzten IT-Systeme der Bundesverwaltung". Die vier bundesinternen Informatik-Dienstleistungserbringer würden IAM für über 1000 Applikationen anwenden, heisst es im heute publizierten Zuschlag auf Simap. In diesem vergeben das BIT und das Informatik-Service-Center des Justizdepartements einen Auftrag über 110 Millionen Franken an Adnovum – für "Lizenzen, Wartung, Support und Weiterentwicklung des Identity and Access Managements ".

Anbieterwechsel hätte 250 Millionen Franken gekostet

Den Freihänder begründen die Auftraggeber damit, dass die "sehr heterogenen Bedürfnisse der Bundesverwaltung im Bereich IAM mit einem auf dem Markt erhältlichen Standardprodukt nicht abdeckbar" seien. Das heute eingesetzte Produkt Nevis werde seit 2003 in der Bundesverwaltung verwendet und sei in den letzten Jahren sehr stark an die eigenen Bedürfnisse angepasst worden, heisst es auf Simap weiter.
Bei einem Wechsel auf ein anderes Produkt wären Kosten im Umfang "von mindestens 250 Millionen Franken" angefallen. Dies habe eine Studie gezeigt. In dieser Summe inbegriffen wären die Beschaffung des neuen Produkts, zahlreiche Anpassungen der Integrationen, der Parallelbetrieb. Darüber hinaus wäre ein grosses Team über drei bis fünf Jahre ans Projekt gebunden gewesen, hiess es am Hintergrundgespräch. Hinzu kommt laut Pflichtenheft, dass die "technischen und kommerziellen Risiken so hoch" seien, dass ein Produktwechsel unangemessen wäre. Der Zuschlag geht an Adnovum, weil die Firma als "einziger lizenzierter Partner des Produkteigentümers in der Lage ist, dem Bund das Gesamtpaket der benötigten Lizenzen sowie Core- und extended Anpassungsleistungen zur Verfügung zu stellen". Der Vertrag mit dem Dienstleister läuft bis 2030 und kann optional bis 2032 verlängert werden.

Dritter Freihänder in Serie

Die Begründung für den Freihänder ist notabene dieselbe, die Adnovum schon 2017 in Höhe von 28 Millionen und 2021 in Höhe von damals 71 Millionen Franken jeweils einen freihändischen Zuschlag einbrachte – beide Male für die Weiterentwicklung des IAMs.
Aber der Bedarf in der Bundesverwaltung in Sachen IAM ist mit dieser Vergabe noch nicht gedeckt. Zeitgleich hat das BIT eine grossangelegte Ausschreibung lanciert, um mehrere externe Leistungserbringer im IAM zu finden, die das Bundesamt in diesem Bereich bis im Jahr 2030 unterstützen. Das Volumen dieser Ausschreibung beläuft sich laut Pflichtenheft zur Ausschreibung auf 180 Millionen Franken. Dieser Betrag ist in insgesamt acht Lose unterteilt und kann nach den Zuschlägen bei Bedarf abgerufen werden.

Weiterentwicklungen im Bereich Security

Mehr als die Hälfte davon entfällt auf die Bereiche "Engineering, Betrieb und Testing" (50 Millionen) und "Dienstleistungen für Trust" (57 Millionen). Das restliche Geld verteilt sich unter anderem auf Vorhaben wie Projektmanagement (21,5 Millionen) oder "Cloud & Microsoft Consulting" (13 Millionen). Ziel der Ausschreibung ist es, IAM, dort wo möglich, auf ein breiteres Fundament zu stellen. Damit gemeint sind mögliche Weiterentwicklungen, beispielsweise im Bereich Security, oder die künftige Möglichkeit, gewisse IAM-Leistungen den Kantonen anzubieten, wie am Hintergrundgespräch erklärt wurde.
Zuletzt erteilte das BIT im Juli 2023 einen Freihänder im Bereich IAM. Dieser ging für 2,5 Millionen Franken an den französischen Konzern Atos für die Weiterführung von DirX. Dies ist laut den Ausführungen am Hintergrundgespräch ein Modul des bestehenden IAMs. Auch damals ermittelte das BIT eine sehr konkrete Summe, welche ein Anbieterwechsel gekostet hätte. Damals war von 36 Millionen Franken die Rede, welche angefallen wären. So wie damals Atos vom offensichtlichen Vendor Lock-in profitierte, ist es heute also Adnovum.

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