Ist "Agile" das richtige ICT-Unwort 2020?

15. Dezember 2020 um 15:55
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6 Schweizer Experten versuchen zu erklären, was schief läuft und was zu tun wäre, um Agile populärer zu machen

Unsere Leser finden mit klarer Mehrheit, "Agile" sei "überbewertet, für jeden Quatsch aufgeführt, eine Ausrede für eine nicht existente Definition und ein Freipass zum Chaos." Deshalb haben sie es zum "ICT-Unwort 2020" gewählt.
"Die Wahl überrascht mich ehrlich gesagt nicht", sagt Mischa Ramseyer von Pragmatic Solutions. Der Agile-Experte ist nicht ganz allein, das zeigen die Antworten von 5 weiteren Schweizer Fachleuten.
Die beiden Consultants Cem Kulac von Agilist und Thomas Molitor von Crossmind sagen, "Agile" sei zurecht das Unwort des Jahres 2020, weil der Begriff in Unternehmen falsch verstanden und noch schlechter verwendet werde. "Weil wir Menschen gerne und oft Begriffe ohne tieferes Verständnis nutzen, um einfache Wege zu gehen." Es sei aber nicht das richtige Unwort 2020, "wenn man wirklich verstanden hat, dass damit ein Mindset für sinnvolle Zusammenarbeit, stetiges Lernen und Adaptieren für bessere Lösungen gemeint ist."
David Baer von Kegon erläutert dazu: "Viele erleben unter agil 'Daily Standups' und Scrum. Das ist aber für viele Situationen der falsche Ansatz und daher zu recht nervig. Viel zu häufig erlebe ich, dass einzelne Methoden eingeführt werden, ohne das Ziel der agilen Transformation (etwa im Sinne von 'mehr Erfolg') zu berücksichtigen, oder dass eine Transformation gemacht wird, wenn es gar keinen Sinn ergibt. Statements wie 'überbewertet' und 'Allheilmittel' sind da natürlich zu erwarten."
Patrick Baumgartner von 42Talents stimmt Baer zu. Insbesondere bei grossen Unternehmen stelle er viel Frustration in Firmen bezüglich Agile fest, "weil dieses Wort und agile Frameworks wie Scrum auch in vielen Umgebungen eingesetzt wird, in denen die Rahmenbedingungen dafür nicht passen. Obwohl die Vorgehensweise hip ist und scheinbar alle 'anderen' diese Vorgehensweise auch verwenden, muss sie nicht zwingend zum eigenen Kontext passen", sagt Baumgartner.
Ramseyer stellt Probleme insbesondere beim grossen und bei Konzernen beliebten Framework SAFe fest. "Bei dessen Einführung fokussieren sich die Anwender hauptsächlich auf die Anpassung der Strukturen und Prozesse. Oft vergessen wird, dass das Fundament im Leben des agilen Mindsets, sprich der unterliegenden Agilen Werte und Prinzipien liegt. Dort wird aber zu wenig in die Entwicklung der Organisation investiert."
Das Resultat: Die Prozesse würden zwar angewendet, aber nicht mit "Leben" gefüllt, worauf die erhofften Verbesserungen nicht eintreten. "Der daraus gezogene Schluss heisst dann: 'Agilität funktioniert bei uns nicht, ich hab’s schon immer gewusst'."

"Es geht nicht ohne Knochenarbeit"

Ganz grundsätzliche Probleme, die mehr mit der Welt, als mit dem Konzept selbst zu tun haben, ortet Stephan Sutter, CTO von ti&m: "Agile eignet sich gut als Antwort auf die zunehmende Unsicherheit und Unplanbarkeit der 'Volatility, uncertainty, complexity and ambiguity' der Welt", erklärt er.
VUCA - deutsch 'Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit' - als eigentlicher Treiber des Missbehagens? "Ja, da agile Software-Entwicklung, Agile-News, Agile-'irgendwas' leider keine stabile Welt erzeugen können, wird nun das Werkzeug, statt die VUCA-Welt für diese Probleme verantwortlich gemacht."
Und all der Ärger und das Unbehagen nütze auch nichts, so Kulac und Molitor. Sie zitieren J. P. Kotter, Professor für Führungsmanagement an der Harvard Business School: "Je mehr die Geschwindigkeit der Veränderung zunimmt, desto entscheidender werden der Wille und die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln."
Die beiden verweisen auf das grundlegende Agile Manifest und dessen 12 Grundprinzipien, die nachwievor Gültigkeit hätten. Jede Firma müsse die Leistungen täglich verbessern. "Und 2020 hat uns erst recht gezeigt, dass adaptierende und lernende Organisationen einfacher Krisen bewältigen können."
Was heisst das konkret? David Baer weiss es. "Das Ziel darf vor lauter Methoden nicht verloren gehen. Für die Umsetzung bedeutet dies 'Back to the roots', es geht nicht ohne Knochenarbeit auf allen Stufen. Es braucht ein konsequentes Ausrichten auf das Ziel, ein pragmatisches Vorgehen, gekoppelt mit Disziplin und kontinuierlichem Adaptieren und Verbessern sowie Einbezug und Zusammenarbeit aller Involvierten. Und das Management muss auch bereit sein, sinnvolle Verbesserungen umzusetzen."

"Agile heisst nicht, dauernd den Plan zu wechseln"

Das Ziel im Fokus zu behalten ist offenbar schwer, stellt auch Baumgartner fest: "Agile wird oft auch als Entschuldigung für eine schlechte Vorbereitung und Planung verwendet. Die Mitarbeiter sehen oft, dass sich der Plan alle 2 bis 3 Wochen ändert. Diese Änderungen bringen keine substantiellen Vorteile, sondern erzeugen viel Stress. 'Agile' heisst nicht, dass wir dauernd den Plan wechseln sollen."
"Ein agiles Vorgehen löst keine Probleme, sondern macht sie sichtbar", ergänzt Ramseyer. "Die Magie entsteht erst, wenn die Probleme an der Wurzel gepackt und aufgelöst werden. Der Wille kontinuierlich besser zu werden, ist ein wichtiger Grundpfeiler des agilen Mindsets. Als Anwender sollten wir mehr in die Entwicklung des Mindsets, statt der oberflächlichen Anwendung von Prozessen und Strukturen investieren."
Konsolidiert man die Erfahrungen und Erläuterungen der 6 erfahrenen Agile-Coaches, -Dozenten und -Anwender heisst das: Wer nicht aufpasst und nachdenkt beim Einsatz von Agile-Methoden, kann so ziemlich alles falsch machen, was man falsch machen kann. Aber das ist auch beim klassischen "Wasserfall" so.
Wer das "Agile Manifest" liest, findet darin vielleicht auch ein Grundprinzip, das aus der 2020er-Frustration helfen könnte: "In regelmässigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an."

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