"SAP muss exorbitante Preiserhöhungen zurücknehmen"

3. August 2023 um 13:58
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Jean-Claude Flury: "SAP hat bisher kein Entgegenkommen gezeigt."

Die SAP-Anwendergruppe kritisiert die Cloud-Drängelei und eine "180-Grad-Wende" beim ERP-Konzern. Wir haben beim Schweizer DSAG-Vorstand Jean-Claude Flury nachgefragt.

Die Hiobsbotschaften für einige langjährige SAP-Kunden mehren sich: Kürzlich kündigte der ERP-Riese an, dass er die Preise für die Software-Wartung signifikant erhöhe. Konzern-Chef Christian Klein erklärte zudem an der jüngsten Bilanzmedienkonferenz, dass die neusten Innovationen nur noch in der Cloud verfügbar sein sollen. Nun steht die einflussreiche Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) auf die Hinterbeine.
Sie repräsentiert rund 3800 Firmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. DSAG-Vorstandsvorsitzender Jens Hungershausen liess sich zu den Ankündigungen mit markigen Worten zitieren: "Aus DSAG-Sicht ist das eine 180-Grad-Wende zu den bisherigen Äusserungen. SAP hatte zuvor behauptet, Verbesserungen nicht auf cloudbasierte Angebote beschränken zu wollen. Die Aussage ist ein schwerer Schlag. Sie kommt einem Paradigmenwechsel gleich."
Wer bereits in S/4Hana On-Prem investiert hat, steht mit abgesägten Hosen da. Und SAP stellt nicht nur On-Premises-Kunden vor schwere Entscheidungen, sondern will auch Anwender, die die Software in der Infrastructure-as-a-Service-Umgebung eines Hyperscalers laufen lassen, von der vollen Innovationskraft ausschliessen. Diese soll es nur noch für "Rise with SAP" und "Grow with SAP" geben – für happige Aufschläge. "Da sich technologisch keine Gründe dafür finden lassen, entsteht der Eindruck, dass bei SAP hinsichtlich der Kunden eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herrscht", sagt DSAG-Fachvorstand Thomas Henzler dazu.
An der Spitze der Anwendergruppe von SAP in der Schweiz steht Jean-Claude Flury, CIO beim Schweizer Haushaltsgerätehersteller V-Zug. Seit 2012 ist er in der DSAG aktiv und Sprecher des DSAG-CIO-Kreises Schweiz, seit 2020 ist er Fachvorstand der Schweiz. Wir haben ihn gefragt, wie er die Lage einschätzt.
Herr Flury: Für SAP-Anwender, die auf On-Prem setzen, gab es jüngst Hiobsbotschaften: Ab 2024 sollen Preise für die Softwarewartung signifikant steigen, dafür sollen Kunden, die nicht in die Cloud wechseln, nicht in mehr in den Genuss aller Innovationen kommen. Sehen Sie sich von Waldorf genötigt, in die Cloud zu migrieren?
Jean-Claude Flury: Das ist zumindest die Botschaft, die ausgesendet wird. Wer lange genug dabei ist, fühlt sich in die Zeit vor rund 15 Jahren zurückversetzt, als die Preise für die Wartung ohne ersichtlichen Grund angehoben wurden. Die Gründe, die uns jetzt vorliegen, sind noch nicht schlüssig. Es braucht Diskussionen mit SAP.
Gibt es in der Schweiz noch viele Kunden, die Software-Lizenzen kaufen?
Sie meinen die bisherigen Modelle? Ja. Zudem haben viele Kunden in Betriebsmodelle mit Hyperscalern gewechselt und dafür Millionen investiert. SAP hat bisher kein Entgegenkommen gezeigt, wie es für diese Kunden weitergeht. Einfach auf Rise with SAP zu wechseln, ist nicht die Antwort für jeden Kunden.
Was sind die Gründe, nicht in die Cloud zu wechseln?
Die Verfügbarkeit bei SAP oder undurchsichtige Lizenzmodelle mit vielen Zusatzlösungen, die den Firmen bis heute die Berechnung der End-to-End-Kosten in ihren Prozessen erschweren, um nur zwei Beispiele zu nennen.
SAP hat angekündigt, das gesamte Innovationspaket nur noch mit Rise with SAP zugänglich zu machen und nicht mehr über gehostete Hyperscaler-Implementierungen. Warum diese Kehrtwende?
Um die Kunden in die Cloud zu zwingen, ganz offensichtlich. Zwar haben andere Hersteller in der Vergangenheit ähnliche Methoden angewandt. SAP schafft es aber einmal mehr, treue, langjährige On-Premise-Kunden, die in den letzten Jahren die Weiterentwicklungen mit Milliarden bezahlt haben, vor den Kopf zu stossen. Ich würde mir wünschen, dass SAP sich konsistent an gemachte Versprechen hält und mit den Kunden auf Augenhöhe das Gespräch aufnimmt.
SAP wirbt damit, ihre Kunden nachhaltiger zu machen, will dafür aber nun viel Geld. Schiesst sich SAP mit den zusätzlichen Kosten für Nachhaltigkeitstools nicht ins eigene Knie?
Absolut. Kunden werden sich in den Bereichen ausserhalb des ERP-Kerns vermehrt nach anderen Lösungen umschauen.
Der DSAG-Vorstand wählt harte Worte und spricht von grosser Enttäuschung und einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bei SAP. Was wünschen Sie sich konkret, damit die Sorgen etwas kleiner werden?
Ein Thema sind die exorbitanten Preiserhöhungen. SAP muss diese zurücknehmen und einen vernünftigen Vorschlag machen. Das andere Thema ist die Verfügbarkeit der Innovationen nur in der Cloud. Das ist ebenfalls zurückzunehmen und an die Kunden anzupassen, die gerade Millionen investiert haben. Viele Projekte sind deshalb gestoppt worden. Die DSAG Schweiz arbeitet übrigens in allen diesen Fragen eng mit der IG SAP Schweiz zusammen.

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